Schreibkompetenz als Spezialinteresse

Wie in meinem Blogbeitrag Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes bereits beschrieben, liebe ich es und kann mich schon immer besser schriftlich als mündlich ausdrücken. Wer seine Vorliebe im mündlichen Bereich findet, d.h. lieber von Angesicht zu Angesicht erzählt und sich auch adäquat ausdrücken und dabei mit Satzteilen jonglieren kann, der verfügt möglicherweise über eine gewisse sprachliche Kompetenz bzw. Fähigkeit. Wer allerdings lieber schreibt und im Allgemeinen schriftlich unterwegs isst, Schachtelsätze und neue Welten erschaffen kann, der könnte von sich behaupten, sich eine Schreibkompetenz angeeignet zu haben, welche über die normale Normalität hinausgeht. Aber was genau ist eigentlich Schreibkompetenz? Und warum schreibe ich einen Blog darüber?

Wie in der Überschrift vermutlich ersichtlich wird, zählt diese Form des schriftsprachlichen Umgangs seit einigen Monaten zu einem meiner Spezialinteressen. Es fing langsam an, zunächst mit dem – bereits seit der Kindheit bestehenden – Wunsch, unendlich viel zu Lesen. Das begründet auch die in „Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes“ genannte Bücherzahl, welche sich in meinem Bücherregal angesammelt hat. Zudem interessierte ich mich schon immer für Zitate und Sprüche und fing irgendwann an, selbst welche zu kreieren. Immer aus Situationen heraus, aus Gedanken, welche mich beschäftigten und in meinem Kopf hängen blieben. Ich fing an, immer mehr zu lesen – auch wissenschaftlichere Bücher wie bspw. „Erkenne die Welt“ von Richard David Precht, in welchem es um die Geschichte der Philosophie geht. Auf dem Klappentext des Buches findet sich folgendes Zitat „Lesen ist denken mit einem fremden Gehirn. Doch das Gelesene zu verarbeiten, ist ein fortwährender Dialog mit uns selbst. Was lockt, ist die Aussicht, intelligenter über die Welt nachdenken zu können als zuvor.“
Je mehr ich las, desto tiefer verschwand ich in der Welt der Schriftsprache – in eine Welt aus unzähligen Buchstaben, Punkten, Ausrufezeichen und Kommata – in eine Welt in der ich mich wohl fühlte, in der ich aufblühte – in eine Welt in die ich immer tiefer eindringen wollte. Und das ist mir auch gelungen – sofern ich dies von mir behaupten kann. Neulich zeigte ich meiner Chefin meine Zielvereinbarung – Lerngeschichten der Kinder. Viiiiel zu viel geschrieben, war die Reaktion. Das können wir nicht leisten – zumal mehr als die Hälfte des Teams Deutsch nicht als Muttersprache besitzt. Aber sie freue sich, so etwas auch einmal in Händen zu halten und bewundere mein großes Wissen bezüglich der deutschen Sprache und des Verfassens von diversen Texten – und seien es bloß die weniger wissenschaftlichen Lerngeschichten der Kinder. Ich liebe es einfach zu formulieren …

Kommen wir nun zum ersten Teil der Überschrift des Blogs: Was genau ist Schreibkompetenz eigentlich? Da ich dies mit eigenen Worten eher mangelhaft erklären könnte, bediene ich mich an dieser Stelle der Informationen der Internetseite der Universität Bamberg:   Schreibkompetenz UNI Bamberg

  1. Schreibkompetenz

„Mit dem Begriff bezieht man sich im Allgemeinen auf die Fähigkeit, komplexe sprachliche Äußerungen bzw. Texte so zu verfassen, dass sie über Raum und Zeit prinzipiell für andere und einen selbst lesbar sind. […] Schreibkompetenz ist demnach ein wesentlicher Aspekt von Sprachkompetenz im Medium der Schrift.“ Diese setzt sich aus verschiedenen sprachlichen Teilfähigkeiten zusammen. „Um Teilfähigkeiten genauer zu beschreiben, orientiert man sich häufig an Schreibprozessmodellen“ (Krelle 2013, 326 f.).

Unter einer voll ausgebildeten Schreibkompetenz versteht man die Fähigkeit, einen Text abstrahiert vom Hier und Jetzt, über die unmittelbare Schreibzeit und den Schreibort hinaus und entsprechend einer Schreibfunktion prinzipiell für jedermann lesbar zu verfassen (vgl. Ossner 1995) und damit verschiedene Funktionen der Schriftlichkeit zu realisieren. Diskutiert wird Schreibkompetenz vor allem in Zusammenhang mir den (z.T. enttäuschenden) Ergebnissen aus empirischen Studien, d.h. in Bezug auf Interventionsmöglichkeiten; so erörtert z.B. Schäfer (2009) Möglichkeiten der Erfassung von “Schreibschwierigkeiten“ bei Hauptschüler/-innen. Die neuere Forschung betont aber viel grundsätzlicher, dass neben „Textwissen“ (Formen des Schreibens, Textsorten) auch „Schreibbewusstsein“ gebraucht wird (vgl. Berning 2011); dieses umfasst neben einer Reflexion von Schreibzielen und der Möglichkeit/Bereitschaft zur Textverbesserung vor allem eine metakognitive Komponente, nämlich die Fähigkeit zur (Selbst-)Beobachtung und damit Steuerung des gesamten Prozesses (vgl. Berning 2011, 12).

 

Schreibkompetenzmodelle

Modelle der Schreibkompetenz beruhen auf der Idee, dass hierfür unterschiedliche Teilkompetenzen nötig sind, die vom Schreiber sukzessive entwickelt, ausgebaut oder in eine bestehende Kompetenz integriert werden (vgl. Münch 2006). Unstrittig ist, dass Schreibkompetenz Wissen voraussetzt (z.B. über das Schreibmedium, die Rechtschreibung, die Lexik, das Thema usw.) Verschiedene Wissenstypen werden dabei differenziert (vgl. Becker-Mroczek/Schindler 2008):

  • Deklaratives Wissen (Wissen über Sachverhalte, z.B. Fakten und Begriffe)
  • Problemlösewissen (Wissen über Problemlösestrategien)
  • Prozedurales Wissen (Entlastung beim Schreibprozess durch Automatisierung von Schreiboperationen)
  • Metakognitives Wissen (Überwachung und Kontrolle selbstgesteuerter Lernprozesse)

Fix unterstützt diese Unterteilung der Wissenstypen generell. Er versteht die Schreibkompetenz des Weiteren „als die Fähigkeit,

  1. a)    pragmatisches Wissen,
  2. b)    inhaltliches Wissen,
  3. c)     Textstrukturwissen und
  4. d)    Sprachwissen

in einem Schreibprozess so anzuwenden, dass das Produkt den Anforderungen einer (selbst- oder fremdbestimmten) Schreibfunktion (z.B. Anleiten, Erklären, Unterhalten) gerecht wird“ (Fix 2008, S.33)

Damit schließt Schreibkompetenz folgende Teilkompetenzen ein:

  • Planungskompetenz (Textentwicklung: von eigenem Wissen zu differenzierter Nutzung externer Wissensspeicher, z.B. Internet, Lexika)
  • Formulierungskompetenz (Entwicklungsprozess sprachlicher Struktur- und Ausdrucksformen)
  • Überarbeitungskompetenz (Überarbeitungshandlungen, z.B. orthographische Korrekturen)
  • Ausdruckskompetenz (z.B. Textsortenspezifität, Adressatenbezug)
  • Kontextualisierungskompetenz (Textverständnis durch Kontextualisierung)
  • Antizipationskompetenz (Entwicklung von Ichbezogener Textwahrnehmung zu einem erweiterten, generalisierten Adressatenbezug)
  • Textgestaltungskompetenz (Entwicklungstendenzen von assoziativ-reihender Textgestaltung zu schema- oder textsortengestalteter Textordnung) (vgl. Pohl 2014, 114 ff.).

Dabei besteht eine enge Beziehung von Schreiben und Denken im Erfinden und Verknüpfen, im Urteilen und Schließen sowie im Erinnern.

 

Schreibkompetenz erwerben: die Entwicklungsperspektive

Verschiedene Studien – beispielsweise DESI – zeigten, dass die Entwicklung von Schreibfähigkeiten (Sprach-, Wortschatz- und Syntaxentwicklung) abhängig vom Schreibinteresse, von sozialen Faktoren, Lebensalter und Rückmeldung durch geeignete Leser erfolgt. Hierbei folgen auf erste „literacy events“ und Einsichten in das Symbolsystem Schrift vielfältige Erfahrung mit Schreiben als Handeln.
Die allmähliche Entstehung von Fähigkeiten im narrativen (erzählenden), deklarativen (aufweisenden) und argumentativen (erörternden) Schreiben wird als Textkompetenzerwerb bezeichnet. Eine Längsschnittstudie von Augst et al. 2007 befasste sich mit der Entwicklung von 39 Kindern von der 2.-4. Klasse, in Bezug auf deren Fähigkeit Texte im Rahmen verschiedener kommunikativer Anforderungen zu schreiben.  Aufgabe dieser Kinder war es, je einen Text in fünf Textsorten zu verfassen. Die Auswertung erfolgte in drei Schritten:

  1. Einordnung der Textexemplare in Stufenmodelle
  2. Untersuchung der Veränderungen sprachlicher Merkmale (z.B. Textrahmungselemente, Grammatik, Textlänge)
  3. Untersuchung der Veränderung textsortenspezifischer Aspekte

Die zentralen Erkenntnisse der Längsschnittstudie ergaben, dass von Anfang an textsortenspezifische Schreibleistungen bzw. sprachliche Merkmale feststellbar waren. Innerhalb der nächsten Entwicklungsstufe konnten bereits textsortenspezifisch gewählte Textgenerierungsmechanismen unterschieden werden (z.B. spezifische Wahl von möglichen Textbausteinen; vgl. August et al. 2007)

Zum Erwerb von Text(sorten)kompetenz gibt es verschiedene Entwicklungsmodelle (vgl. ausführlicher Feilke 2003 und zusammenfassend Wrobel 2010 sowie Becker-Mroczek 2014).

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Song von Mister S: Thematik Mobbing von autistischen Schülern https://www.youtube.com/watch?v=ZgZt1BaETKc
Was ich mir wünsche von unserer Gesellschaft?
Das sie einen Blick hat, für die die nicht so können wie sie wollen, dass die die nicht so können wie sie gerne möchten mehr Unterstützung erfahren. Das die Wahrnehmung geschärft wird für unser „Anders – sein“ und das Menschen im Autismus – Spektrum äußern dürfen im Spektrum zu liegen – ohne Angst haben zu müssen, gekündigt zu werden. Wie wertvoll es wäre, wenn Menschen im Spektrum offiziell in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Horten arbeiten dürften und könnten und durch ihren „besonderen“ Blick Kinder im Spektrum erkennen und ihnen zu einer frühzeitigen diagnostischen Abklärung verhelfen und dessen Eltern unterstützen könnten. WEIL sie Ahnung haben. WEIL sie wissen wie es ist damit zu leben und das Verhalten der Kinder verstehen und deuten könnten.
WEIL sie sich einfach auskennen damit.

„Einfach frei sein, ist was ich mir wünsche

einfach frei sein im hier und jetzt

einfach frei sein und nicht nur funktionieren

einfach frei sein um nicht zu viel Kraft zu investieren

einfach frei sein

allein sein

einfach ich sein

tun was mir gefällt“

© FS

 

Was ist (soziale) Integration? – Eine Definition

In einem meiner letzten Blogbeiträge legte ich eines der Themen meiner Facharbeit dar, welche wie folgt lautete: Die Notwendigkeit der Integration . Heute blogge ich einen weiteren Teil meiner Facharbeit. Wie die Überschrift erkennen lässt, beschäftigt sich dieser Artikel mit der Frage „Was ist (soziale) Integration?“ überhaupt, und versucht dies ein wenig zu definieren. Da die Facharbeit im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin erstellt wurde, wird hier in erster Linie von Kindern gesprochen. Natürlich gilt all dies auch für Erwachsene.

„Integration ist nicht ein anzustrebender Zustand, sondern Weg und Ziel zugleich.“ (Wolfgang Dichans)

Unter (sozialer) Integration versteht man die Betreuung bzw. Aufnahme von unterschiedlichen Kindern in die Gesellschaft, die in einer Kindertageseinrichtung gleich ihrer Hautfarbe, Kultur, Herkunft, Krankheit oder Behinderung betreut und gefördert werden. Der Begriff umfasst also auch die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nicht – behinderter Kinder in einer sozialen Gemeinschaft. Dies bedeutet, dass eine Lebenswelt geschaffen werden soll, in der sich die Kinder mit ihren Unterschieden gegenseitig achten und wertschätzen. Offenheit sowie Respekt für diese Unterschiede sollen keine Fremdworte mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Bei meiner Recherche über Integration beschäftigte ich mich zudem auch mit Literatur von Georg Feuser, welcher in einem seiner im Internet veröffentlichten Texte „Integration als gemeinsame Tätigkeit (Spielen/Lernen/Arbeiten) am gemeinsamen Gegenstand/Produkt in Kooperation von behinderten und nichtbehinderten Menschen“ bezeichnet und dadurch verdeutlicht, dass Menschen dann integriert werden, wenn sie in eine soziale Situation, eine Arbeits- und Kommunikationsgemeinschaft mit einbezogen und in ihrem „Anderssein“ akzeptiert werden.

Wie auch schon im Zitat von Wolfgang Dichans geschrieben, ist die Integration nicht ein Zustand, der erreicht werden soll, sondern der Weg in eine wertschätzende und achtsame Gesellschaft und das Ziel für die Bereicherung des Lebens nichtbehinderter und behinderter Kinder und Erwachsener. Es soll also erreicht werden, dass es für die Gesellschaft völlig normal ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mit altersgerecht entwickelten Menschen in einer sozialen Gruppe zusammenleben.

Doch wie ist diese Integration bei autistischen Kindern umsetzbar? Was kann die Gesellschaft tun um uns, um Autisten, in ihren Alltag zu integrieren? Um nicht zu viel in einen Blog zu packen werde ich dies aus strukturellen und „Übersichts-“ Gründen in einem meiner folgenden Blogbeiträge darlegen.

Gedankenwellen #4

>>Nicht viele sind der Sprache mächtig, die ich zu verstehen vermag. Einer Sprache, welche weit mehr wert ist als die unsere. Die Sprache der Natur, der Stille und die der Dunkelheit.<< ©FS

Diesen Spruch schrieb ich auf. Irgendwann im Jahre 2011. Vor der Diagnose. Zu einer Zeit in der ich lediglich ahnte, dass ich „anders“ war und bin. Heute – und nach der Diagnose – betrachte ich diesen Spruch mit einer anderen Sichtweise. Und an dieser Stelle möchte ich diese darlegen:

Die Sprache der Natur

Schon immer verbrachte ich gerne viel Zeit in der Natur. Besonders gerne im Wald. Später dann bei meinen Schildkröten. Die Natur hat für mich eine Sprache, welche durch ihre Klänge, Düfte, Texturen sowie Muster und Farben mit mir kommuniziert. Stundenlang könnte ich die sich im Wind bewegenden Blätter einer Birke beobachten, wie sie grün – gräulich glitzern und bei jedem Windstoß hin und her bewegen ohne den Halt zu verlieren und davongetragen zu werden. Stundenlang könnte ich mit der Hand über die Rinde eines Baumes oder über die samtige Oberfläche eines Blattes fahren, um dessen Textur zu spüren. Die Natur mit all ihren Gegebenheiten und Wundern verfügt über eine tiefgründige und wunderschöne Komplexität, welche es mir ermöglicht zu entspannen und einfach nur zu genießen.

Die Sprache der Stille

Stille ist ein wichtiges Gut für mich in dieser viel zu lauten und viel zu schnellen Welt. Früher schon saß ich stundenlang in meinem Zimmer am Schreibtisch, tat dies und das oder blickte aus dem Fenster – und es war still. Einfach leise. Manchmal habe ich eine große Sehnsucht nach Stille. Einer Stille in und vor allem außerhalb von mir, welche mich endlich von dem permanenten Druck der Gesellschaft und des „funktionieren-müssens“ befreit. Einer Stille, welche all meine Gedanken und mich selbst zu einem Ort bringt, an welchem es kein „Außen“ mehr gibt und ich ich sein darf und kann. Kein „Außen“ mehr, welches ständig und jeden Tag aufs neue von mir erwartet, dass ich seinen Vorstellungen entsprechend funktioniere – ungeachtet dessen, ob ich meine Grenzen ständig überschreite oder nicht. Stille und das Erfahren der Stille ist ein wichtiges Prinzip in meinem Leben. Lärm und Alltagsstress / -Geräusche überreizen meine Nerven, lenken extrem meine Aufmerksamkeit ab und mich in Overloads. In der Stille habe ich die Möglichkeit zu echten freien Gestaltung – sei es das Schreiben oder Malen – und kann mich Ablösen von dem ziellosen und lärmenden Alltag der Gesellschaft um mich herum. Doch je seltener ich zu diesen Stillemomenten komme, desto unkreativer werde ich, desto overloadgeprägter ist mein Alltag und desto größer ist mein Frust nicht meinen Spezialinteressen nachgehen zu können.

Die Sprache der Dunkelheit

Genau wie die Stille spielt auch die Dunkelheit eine wesentliche und wichtige Rolle innerhalb meines Alltages. Oftmals werde ich im Tagesverlauf mit vielen Reizüberflutungen überfordert und bisweilen an meine Grenzen gebracht. Die Dunkelheit tritt mit der Stille in eine Verbindung. Beide gehören für mich zusammen, Stille und Dunkelheit – Dunkelheit und Stille, und trotzdem kann ich sie unabhängig voneinander für mich erfahrbar machen. Jetzt beginnen wieder die dunklen Monate. Die Monate, in welchen es am Morgen später hell und am Abend früher dunkel wird. Im Gegensatz zu den meisten NT’s macht mir das nichts aus. Im Gegenteil. Für mich ist die Dunkelheit besser, denn so bleiben die vielen Reizüberflutungen aus. Daraus resultiert auch, dass ich mich besser konzentrieren kann und vor allem denken – weil die Welt da draußen nicht da ist. Das einzige was mich stört – an dieser Dunkelheit – sind die Leuchtstoffröhren unserer meiner Einrichtung. Unnatürliches Licht, welches in den Augen schmerzt. An kalten Wintertagen ohne Sonne leuchtet es den ganzen Tag grell von der Decke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Aber deine Prognose ist sehr gut …“

Neulich erst erzählte ich meinem Hausarzt von meiner Diagnose. Ganze sechs Monate habe ich sie für mich behalten – mich schlichtweg nicht getraut es ihm zu sagen. Doch nun bin ich an meinem, in meinem letzten Beitrag beschriebenen, Wendepunkt angelangt. Und irgendwie war es an der Zeit, es ihm zu erzählen. Dann habe ich größere Chancen verstanden zu werden.

Ich hatte auch den Eindruck er verstünde mich, so halb wenigstens. Bis zum dem Zeitpunkt als er sagte: „Aber deine Prognose ist sehr gut. Anders als viele Menschen mit Asperger-Syndrom arbeitest du in einem sehr sozialen Beruf. Du hast einen Partner und das Wichtigste: Du weißt wo deine Probleme liegen und kannst diese formulieren. Und in diesen Punkten bist du vielen Menschen mit Asperger-Syndrom voraus. Viele weisen das nämlich von sich und sagen „Ich bin seltsam? Nö, das war doch schon immer so.“ Und genau das tust du nicht und deshalb ist deine Prognose sehr gut.“

Ähm, ja. Ich fragte mich in diesem Augenblick ob er jemals einen Asperger-Autisten vor sich hatte … oder „uns“ nur aus Büchern kennt. Ich fragte mich, woher er so genau wusste, dass meine Prognose gut sei. Ich fragte mich, warum er sich nicht fragte, warum ich dann heute in seiner Praxis saß und nicht arbeiten war? An meiner guten Prognose kann das ja irgendwie nicht gelegen haben, oder doch? Und ich fragte mich, ob er sich wirklich darüber bewusst war, was er da sagte. Natürlich arbeite ich in diesem sozialen Beruf. Weil Elementarpädagogik zu meinem Spezialinteresse zählt, weil Kinder wenig oder gar nicht fragen, sondern einen so annehmen wie man ist. Ob und in wie fern mir diese Arbeit Tag für Tag einen Haufen Kompensationsstrategien abverlangt wollte er gar nicht wissen … aber Hauptsache meine Prognose ist gut. Das ich bei ihm in der Praxis saß, weil ich Kopfweh hatte, schlapp war, mich Lust- und Antriebslos fühlte und mir in diesem Moment nicht vorstellen konnte, eine Horde Kinder zu beaufsichtigen, das nahm er scheinbar irgendwie nicht war. Aber HAUPTSACHE meine Prognose ist gut. Und ich frage mich natürlich: Ist die wirklich so gut? Wenn ich nach knapp 2 Jahren „durcharbeiten“ schon am Rande des Abgrunds stehe und einem „Autistischen Burn-Out“ buchstäblich in die Augen blicke? Nach 2 Jahren Berufstätigkeit und mit 24 Jahren?

Da nützt mir auch alles Wissen über meine Probleme nichts. Und selbst wenn meine Prognose gut sein sollte, wüsste ich nicht einmal, wie ich diese „gute Prognose“ aktivieren könnte. Der Stress bleibt trotzdem, das Funktionieren in einer nichtautistischen Welt gestaltet sich von Tag zu Tag schwieriger. Meine Kompensationsstrategien verlieren von Tag zu Tag und an der steigenden Verantwortung immer mehr an Kraft und Aufrechterhaltungsvermögen (bitte das Wort nicht googlen, es entspringt alleine meiner Fantasie).

„Das kann man gut mit einer Psychotherapie behandeln.“ Aha? Wir sind also doch behandel-, sprich heilbar? Wäre mir neu, denn – ich wiederhole mich nur ungern: Trotz Psychotherapie würde

  • der Stress bleiben
  • das Funktionieren in einer nichtautistischen Welt weiterhin von mir verlangt werden
  • meine Kompensationsstrategie mich trotzdem meiner Kräfte berauben

denn dort, wo all das von mir verlangt wird, wo all das stattfindet und entsteht, ist der, der es mindern könnte nicht dabei … der Psychotherapeut kann mir meine tägliche Arbeit nicht abnehmen. Er kann nur unterstützend darauf einwirken, doch was bringt das, wenn sich die Arbeitsstelle daran nicht ausrichten kann oder will? Mir jedenfalls nichts … und die Arbeit des Psychotherapeuten würde sich demnach im Sande verlaufen.

Aber !!

*Ironie an* HAUPTSACHE, meine Prognose ist gut … *Ironie aus*

Wendepunkt

Ich spüre wie mir mein Leben – mein bisher strukturiert erscheinender Alltag – entgleitet. Nicht von jetzt auf den nächsten Moment wie bei einem Overload. Nein. Über einen langen Zeitraum hinweg wird Schicht für Schicht meines neurotypischen Wirkungsbildes – meiner Fassade – abgetragen. Weggespült. Einfach so.

Wie das Wasser des Meeres mit jeder Welle ein bisschen Sand mit sich nimmt, so nimmt mir der Alltag und das ständige unterdrücken meiner autistischen Persönlichkeit mit jedem Tag ein bisschen meiner Kraft. Manchmal kommt ein bisschen Kraft zurück, einzelne Sandkörner. Sandkörner, die mir mein Partner zurückbringt. Doch viele verschwinden im unendlichen Meer. Lösen sich von mir, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Und an dieser Stelle werden wir eins: das Meer, der Strand, die Sandkörner und ich. Wir teilen das gleiche Schicksal.

Wir verlieren an Stabilität.

Durchatmen. Neue Kraft tanken. Aufladen. Den Kopf frei kriegen. Viel zu schnell gleiten die Tage einer Krankschreibung dahin. Grund: Erschöpfung. Viel zu schnell rückt der Tag näher, an dem es wieder heißt: 100% da sein. Solange, bis alles wieder von vorne beginnt. 30 Tage Urlaub pro Jahr für, mal mehr mal weniger, 249 (Arbeitsjahr 2017) Arbeitstage reichen eben nicht aus, um mir über die schier endlos erscheinenden Durststrecken zu helfen. Doch vielleicht scheint das nur so, dass sie „schier endlos“ sind. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass meine tägliche Arbeit so unheimlich kräftezeherend ist.

Dieser Zustand des Existierens ist für mich schlimmer als ein „simpler“ Overload oder Meltdown. Meltdowns kündigen sich an, kommen, brechen aus … und verschwinden wieder. Sie hinterlassen begrenzten Schaden, es sei denn ich habe eine Scheibe eingetreten, welche es zu bezahlen gilt. Was jüngst geschehen ist. Doch solche Zustände, welche ich durchaus in die Kategorie „Autistisches Burnout“ stecken würde, kommen nicht einfach so. Sie kommen nicht und verschwinden dann wieder. Sie kommen – und sie bleiben. Je nach Intensität für ein paar Tage. Für ein paar Wochen. Für ein paar Monate. Schon vor zwei Wochen fühlte ich mich schlapp, die Kinder meiner Gruppe verlangten mir alles ab – ich war genervt. Neue Gruppenzusammenstellungen, neue Kollegen. Alles neu macht der Juli / August bei uns. Eigentlich müsste ich es kennen. Doch es fordert mich immer wieder aufs neue. Aus dem Schlappheitsgefühl entwickelte sich eine extreme Motivationsunlust- ein wirklich unschönes Gefühl. Wo ich doch so viel tun müsste. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Papier, Frühstücksbrettchen mit Leuchttürmen drauf, Teekannen, Tassen, unzählige Wasserflaschen, leere Smartiepackungen. Chaos. Aber all das ist irgendwie egal. Ich bin zu erschöpft um mich auch nur einen Meter zu bewegen. Die Tage plätschern an mir vorbei, ich räume mal hier, mal da etwas auf, aber trotzdem sieht es noch so aus wie vorher. Meine Motivation irgendetwas zu tun sinkt ins Untererirdische.

Und die Krankschreibung? Hat die jetzt was gebracht? Irgendwie nicht. Erholt bin ich nicht. Schlapp fühle ich mich immernoch und von aufgeräumt kann keine Rede sein.

Doch in einem Punkt hat sie mir diesmal weitergeholfen: Ich bin endlich – ENDLICH an dem Punkt angelangt, an dem ich zu begreifen beginne, dass ich das alles alleine nicht mehr schaffe. Davor dachte ich immer: „Da ist doch nichts. Mir gehts doch gut.“

Das war vor der Diagnose. Das war zu einer Zeit in der ich nie länger als ein Jahr am Stück arbeiten musste. Immer kam eine Knie – OP dazwischen.

Nie wäre ich auf die Ideen gekommen, dass es jemals so weit kommen könnte. Das ich vor einem Wendepunkt stehe der mich vor die Wahl stellt: Übersteige mich und mache so weiter wie bisher. Oder kehre um und suche dir einen neuen Weg. Suche dir Hilfe. Doch jetzt ist wohl der Zeitpunkt dafür gekommen. Ich wünsche mir, wieder zurück ins Leben zu finden, es wieder besser zu strukturieren – und wieder das machen zu können, wofür mir bisher die Lust, Motivation und Kreativität fehlte: Malen und Schreiben.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Weg sein wird.

Doch eines weiß ich:

Ich bin nicht alleine!