Archiv für den Monat März 2017

Dramen im Keller

Ja, wenn ich Dramen schreibe, dann meine ich es auch so. Ich meine immer alles so wie ich es sage oder schreibe, aber das ist ein anderes Thema. Doch was für NT’s „nur“ sehr ärgerlich ist, treibt mich in schiere Verzweiflung, Panik und Overloads.

Die Wichtigkeit meines Mountainbikes brachte ich bereits im Beitrag „Routine „Sport““ vom 21.03.2017 zum Ausdruck. Und genau aus diesem Grund ist es äußerst dramatisch für mich, wenn mit ihm irgendetwas nicht stimmt oder an ihm irgendetwas kaputt ist. Vor einiger Zeit brachte ich es zur Reparatur des Hinterreifens – welcher nach 1 1/2 jähriger Nutzung plötzlich einen Platten aufwies – in eine neue Werkstatt, da die Werkstatt meines Vertrauens einfach so schloß. Nur sehr ungern ließ ich es dort, weil ich genau wusste, dass ich nicht wusste, wann ich es wiedersehen würde. Hektisch vereinbarte ich mit meinem Partner bereits bevor ich mein Rad dorthin brachte das ich seines ausleihen möchte. Das war keine Frage. Das war eine Aussage. Nun denn, es ist zwar nicht MEIN, aber immerhin EIN Fahrrad, mit welchem man mit Sicherheit einigermaßen passabel fahren kann. Zwei Tage später war dann endlich wieder mein Fahrrad da und ich konnte meine Touren wieder genießen. Doch dann der Schock! Ich hatte fast eine 30km- Tour beendet, als es auf eimal knallte und dann zu zischen begann. „Scheiße.“ brüllte ich und schon mein Fahrrad mitsamt des platten Hinterreifens die restlichen 300m nach Hause. 27,87 km zeigte meine Uhr. Verdammt. Wieder stattete ich der Werkstatt einen Besuch ab. Der Handwerker grinste, warum auch immer. Witzig fand ich das mit Sicherheit nicht! Im Gegenteil! Zum Glück konnten sie es gleich reparieren und ich ließ mir zudem direkt Reifen einbauen, die den Namen „unplattbar“ trugen. Eine Woche nach Einbau der sogenannten „unplattbar“- Reifen zischte es wieder – diesmal im Keller. es hatte sich bei der vorherigen Tour direkt neben der „unplattbar“-Beschichtung ein Dorn in den Reifen gebohrt. Das war zu viel des Schlechten. Verzweifelt und wild auf den Reifen einhämmernd fing ich an zu heulen. Ein grauenvolle Welle der Machtlosigkeit schoss, wie bei einem Tsunami, in meinen Körper und ließ mich förmlich zusammenbrechen. Nicht physisch, aber psychisch. Und das heftig. Aufgelöst rief ich meinen Partner an. Ich wollte doch morgen Fahrrad fahren. Nein. Ich MUSSTE doch. Aber der unplattbare Reifen war platt. So orderte ich erneut dessen Fahrrad, welches er dann auch am selben Abend noch lieferte. Zum Glück für mich. Denn er milderte dadurch meinen beginnenden Overload ab. Am Abend plagten mich „nur“ total Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Kopfweh. 

Nun ist mein Fahrrad ein drittes Mal von einem platten Reifen befreit worden. Diesmal freundlicherweise sogar kostenlos. 

Doch da mich solche Situationen trotz schneller Behebung und Fahrradverleih sehr aus der Bahn werfen und ich nicht weis wie ich damit umgehen soll, mich dabei ein sehr starkes Gefühl der Machtlosigkeit und Verzweiflung begleitet und ich dann „einfach nicht mehr kann“, bzw. mich kurz vor einem Overload oder Wutausbruch befinde, habe ich mich dazu entschlossen, mir ein Zweitrad anzuschaffen. Das minimiert den Stressfaktor immerhin um 50%. 

Advertisements

Routine „Sport“

Früher hasste ich Sport. Sport in der Schule war der pure Horror. Sport im Verein, in welchen mich meine Mutter steckte, ein nerviges Übel. Das alles aber änderte sich 2014. 2014 kaufte ich mir ein Mountainbike. Kurz vor meiner vierten Knie-OP. Und zum ersten Mal entwickelte ich Wellen für einen Gegenstand.

Überall kann man es lesen: Sport ist gesund. Sport fördert die Beweglichkeit und hilft dem Herzen sowie bei einer gesünderen Lebensweise. Das sind Gründe warum man Sport machen könnte. Ich mache Sport aber nicht aus diesen Gründen. Ich mache Sport, weil er mich das Leben spüren lässt. Und weil er bisher verhindern kann, dass aus den depressionsähnlichen Zuständen, die mich hin und wieder ereilen, richtige Depressionen werden.

Einige der Menschen mit Asperger-Syndrom die ich kenne mögen Sport. Diesen führen sie aber in der Regel nicht als Mannschaftssport aus, sondern ziehen es vor Sportarten zu wählen, die sie alleine machen können. Darunter fallen zum Beispiel das Rad fahren, schwimmen oder laufen.
Ich selbst gehe zwei Mal pro Woche schwimmen und fahre bis zu 4-5 Mal die Woche Fahrrad bzw. Mountainbike. Durch diese zwei Sportarten, vor allem durch das Fahrrad fahren, habe ich gelernt, meinen Körper richtig wahrzunehmen, meine Grenzen kennen zu lernen und mein Stresslevel auf einem akzeptablen Mittelpunkt zu halten. Zu Beginn des Trainings erforderte es sehr viel Disziplin von mir, vor allem im Bereich des Schwimmtrainings. Wer möchte schon bei Wind und Wetter auf sein Rad steigen? Oder sich in einer lauten Halle in eisig kaltes Wasser quälen? Aber nachdem ich bemerkte, was der Sport mit meinem Körper macht und das ich ihn brauche, wurde es mit der Zeit zu einer meiner Routinen. Nun ist er ein fest integrierter Bestandteil meines Alltages und nicht mehr wegzudenken. Schwimmen gehe ich regelmäßig montags und mittwochs. Nach wie vor quäle ich mich ins Wasser. Ich schwimme in einem Verein, in einer festen Gruppe mit immer den gleichen „Trainingspartnern“. Wobei es keine wirklichen Trainingspartner sind. Wir alle arbeiten nur ein und denselben Trainingsplan ab. Mehr nicht.

Mit meinem Mountainbike bin ich immer alleine unterwegs. Ich habe feste Routen mit unterschiedlichen Kilometerzahlen (10 – 40km), die ich je nach Wetterlage auswähle. In den Ohren habe ich grundsätzlich meine Stöpsel aus denen Musik kommt. Ich brauche zum Sport treiben einfach meine Ruhe von Außengeräuschen. Nur dann kann ich mich auf mich selbst konzentrieren und mich spüren und werde nicht von der Umgebung, dem vielen unterschiedlichen Lärm und den Menschen abgelenkt.
All das habe ich mir ganz ohne Trainer aufgebaut. Ich brauche auch niemanden der mir sagt, was ich tun und lassen soll, der mich antreiben oder motivieren will. Ich kann selbst bestimmen, wann ich wieviele Kilometer Fahrrad fahre, oder welche Schwimmstile ich anwende.

Aber eigentlich bin ich überhaupt nicht an Sport interessiert. Ich tue es, um nicht abzurutschen in eines der schwarzen Löcher. Um meinen Alltag zu bewältigen und einen Ausgleich zu meiner Arbeit zu schaffen. Und ich tue es, um im Gleichgewicht zu bleiben. Doch was ist wenn es einfach mal nicht geht? Immer wieder kommt es vor, dass ich krank werde. Sei es durch zu viel Stress oder weil ich von Viren und Bakterien heimgesucht werde. Dann ist es natürlich nicht möglich schwimmen zu gehen oder Fahrrad zu fahren, was für mich eine Unterbrechung meiner normalen Routinen beudeutet. Das widerrum bedeutet Stress und Stress verwandelt sich sehr schnell in Overloads. Eine Woche Zwangspause gestalten sich als äußerst kompliziert, weil mein Körper stetig nach der Fortsetzung seiner Routinen strebt. Was erschwerend hinzukommt, sind die oben genannten depressionsähnlichen Zustände. Diese werden durch den exzesessiven Sport (kurzzeitig!) abgemildert oder unterdrückt. Kann ich keinen Sport treiben, flammen diese Zustände – je länger die Sportpause dauert – immer mehr auf. Und je mehr sie aufflammen, desto unzufriedener, unausgeglichener und anfälliger werde ich für sie.

Gedankenwellen #3

Und so lerne ich Tag für Tag aufs Neue, dass fast alle Menschen überall auf dieser Welt die selben sind.

Irgendwie halten sie an ihren Ansichten, Meinungen und Vorurteilen fest, voller Angst vor jedem der anders ist als sie.

Das hat wohl nichts damit zu tun, ob man gut in etwas ist oder schlecht, ob man viel weiß oder nicht, ob man etwas kann oder nicht, ob man autistisch ist oder nicht …

Scheinbar ist das die menschliche Natur …

„Soziales Miteinander“ oder „Die Fähigkeit der Kompensation“

Um im sozialen Miteinander zu Recht zu kommen heißt es auch für NT`s: zuhören, hinschauen und vor allem im richtigen Moment richtig reagieren. Doch gerade für Menschen mit ASS sind soziale Verhaltensregeln oder „Social skills“ nicht unbedingt einfach. Doch können viele Erwachsene die im Autismus – Spektrum liegen es schaffen, Strategien zu entwickeln um mit ihren eigenen Defiziten im Bereich der sozialen Kommunikation und Interaktion umgehen zu können. Gerade diejenigen, die erst spät oder später diagnostiziert werden und dadurch bis zur Diagnose ein relativ „normales“ Leben führen mussten, entwickeln detailierte Kompensationen, sodass auffällige Kindheitssymptome kaum oder gar nicht mehr sichtbar sind.

Auch ich merkte, dass mein soziales Repertoire, meine Mimiken und Gestiken nicht unbedingt immer passend waren und nicht gerade gut bei meinen Mitmenschen ankamen. So verbrachte ich als Jugendliche regelmäßig meine Zeit vor dem Alibert-Spiegelschrank im Bad unserer Wohnung. Aber nicht etwa, um mich zu schminken. Nein. Ich stand stundenlang davor und „brachte meine Mimik in Form“. Ich beobachtete mich beim Sprechen. Ich zog Grimassen und versuchte meine Mimik zu „fühlen“. Dadurch lernte ich, wie sich welcher Gesichtsausdruck für mich anfühlt. Und so konnte ich im Gesprächsverlauf die passenden Mimiken an der (meist) richtigen Stelle einsetzen. Bis heute fühle ich meine Gesichtsausdrücke innerlich, wenn ich mit jemandem spreche. Unbewusst habe ich so über Jahre hinweg eine Strategie entwickelt, um meine „social skills“ aufzuwerten und gesellschaftsfähiger zu machen. Auch im Bereich meiner „Ticks“ und Routinen kann ich einiges, wenn auch unter großer Anstrengung, unterdrücken. Ein gutes Beispiel sind hier die Fragen, ich nenne sie auch Absicherungsfragen:

>>Einmal fiel mir ein, dass ich dringend etwas aus dem Drogeriemarkt benötige. Da meine Mutter ohnehin in die Stadt wollte, bot sich es geradezu an diese zu fragen, ob sie mir das Produkt meiner Begierde mitbringen könne. Also fragte ich. Meine Mutter sagte ja. 15 Minuten später überlegte ich mir: wenn sie nicht gleich fährt, dann vergisst sie womöglich mir das Produkt, das ich so dringend brauche, mitzubringen. Also suchte ich meine Mutter auf und fragte sie erneut, ob sie es mir mitbringen könne. 45 Minuten später war sie immer noch nicht auf dem Weg in die Stadt, was mich schier verzweifeln ließ. Was wenn sie es vergisst? Was dann? Also fragte und erinnerte ich sie nun im 15 – Minuten – Takt daran, dass sie für mich etwas wichtiges erledigen muss. Meine Mutter, welche offensichtlich und für mich unverständlicherweise sehr genervt davon war, flüchtete nach 2 Stunden Dauerfragen schlussendlich in die Stadt. Warum sie genervt war, keine Ahnung? Ich wollte nur nicht, dass sie vergisst, dass für mich wichtige Produkt mitzubringen.<<

Stereotype Bewegungen, bei mir von einem Bein auf das andere treten, mache ich nur noch bei mittelgroßer bis sehr großer Anspannung (und wenn jemand fragt, ist mir eben kalt, und das auch mitten im Hochsommer) und die oben erwähnte Frage-Wiederholung mache ich wenn möglich nur noch zu Hause und allerhöchstens bei meinem Partner. Das einzige, dass ich nicht unterdrücke und unterdrücken kann, weder zu Hause noch auf der Arbeit noch bei meinem Partner, ist das Essen immer gleicher Lebensmittel und das Tragen immer gleicher Kleidung (nur in verschiedenen Variationen). Dadurch, dass ich meinen Gesprächspartnern zwischen die Augen bzw. auf den Mund schaue, fällt zudem kaum noch auf, dass ich eigentlich keinen Blickkontakt halten kann.

Durch meinen Beruf der Erzieherin habe ich während der Ausbildung und mit der Zeit im Kindergarten außerdem ein sehr bewusst gesteuertes Verhaltensrepertoire aufgebaut. Das hilft mir, mich im Alltag mit meinen NT – Kollegen (und – Kindern) besser zu Recht zu finden und kann es, wann immer ich es benötige, abrufen. Bei Unterhaltungen oder Fragen denen ich nicht folgen kann, oder deren Inhalt / Mitteilung ich nicht direkt verstehe ziehe ich es meist vor, mich zurückzuhalten und eher weniger kommunikativ zu sein d.h. kurze und knappe Antworten zu geben.

Auch wenn ich gelernt habe im Alltag ein gewisses Maß an Kompensationsleistung aufzubringen heißt das noch lange nicht, dass mir es Spaß macht oder super einfach ist. Auch nach Jahren der „Anpassung“ und des „Nicht-auffallen-wollens“ ist es für nach wie vor sehr schwer und vor allem sehr anstrengend meinen Alltag 24 Stunden 7 Tage die Woche zu kompensieren.