„Soziales Miteinander“ oder „Die Fähigkeit der Kompensation“

Um im sozialen Miteinander zu Recht zu kommen heißt es auch für NT`s: zuhören, hinschauen und vor allem im richtigen Moment richtig reagieren. Doch gerade für Menschen mit ASS sind soziale Verhaltensregeln oder „Social skills“ nicht unbedingt einfach. Doch können viele Erwachsene die im Autismus – Spektrum liegen es schaffen, Strategien zu entwickeln um mit ihren eigenen Defiziten im Bereich der sozialen Kommunikation und Interaktion umgehen zu können. Gerade diejenigen, die erst spät oder später diagnostiziert werden und dadurch bis zur Diagnose ein relativ „normales“ Leben führen mussten, entwickeln detailierte Kompensationen, sodass auffällige Kindheitssymptome kaum oder gar nicht mehr sichtbar sind.

Auch ich merkte, dass mein soziales Repertoire, meine Mimiken und Gestiken nicht unbedingt immer passend waren und nicht gerade gut bei meinen Mitmenschen ankamen. So verbrachte ich als Jugendliche regelmäßig meine Zeit vor dem Alibert-Spiegelschrank im Bad unserer Wohnung. Aber nicht etwa, um mich zu schminken. Nein. Ich stand stundenlang davor und „brachte meine Mimik in Form“. Ich beobachtete mich beim Sprechen. Ich zog Grimassen und versuchte meine Mimik zu „fühlen“. Dadurch lernte ich, wie sich welcher Gesichtsausdruck für mich anfühlt. Und so konnte ich im Gesprächsverlauf die passenden Mimiken an der (meist) richtigen Stelle einsetzen. Bis heute fühle ich meine Gesichtsausdrücke innerlich, wenn ich mit jemandem spreche. Unbewusst habe ich so über Jahre hinweg eine Strategie entwickelt, um meine „social skills“ aufzuwerten und gesellschaftsfähiger zu machen. Auch im Bereich meiner „Ticks“ und Routinen kann ich einiges, wenn auch unter großer Anstrengung, unterdrücken. Ein gutes Beispiel sind hier die Fragen, ich nenne sie auch Absicherungsfragen:

>>Einmal fiel mir ein, dass ich dringend etwas aus dem Drogeriemarkt benötige. Da meine Mutter ohnehin in die Stadt wollte, bot sich es geradezu an diese zu fragen, ob sie mir das Produkt meiner Begierde mitbringen könne. Also fragte ich. Meine Mutter sagte ja. 15 Minuten später überlegte ich mir: wenn sie nicht gleich fährt, dann vergisst sie womöglich mir das Produkt, das ich so dringend brauche, mitzubringen. Also suchte ich meine Mutter auf und fragte sie erneut, ob sie es mir mitbringen könne. 45 Minuten später war sie immer noch nicht auf dem Weg in die Stadt, was mich schier verzweifeln ließ. Was wenn sie es vergisst? Was dann? Also fragte und erinnerte ich sie nun im 15 – Minuten – Takt daran, dass sie für mich etwas wichtiges erledigen muss. Meine Mutter, welche offensichtlich und für mich unverständlicherweise sehr genervt davon war, flüchtete nach 2 Stunden Dauerfragen schlussendlich in die Stadt. Warum sie genervt war, keine Ahnung? Ich wollte nur nicht, dass sie vergisst, dass für mich wichtige Produkt mitzubringen.<<

Stereotype Bewegungen, bei mir von einem Bein auf das andere treten, mache ich nur noch bei mittelgroßer bis sehr großer Anspannung (und wenn jemand fragt, ist mir eben kalt, und das auch mitten im Hochsommer) und die oben erwähnte Frage-Wiederholung mache ich wenn möglich nur noch zu Hause und allerhöchstens bei meinem Partner. Das einzige, dass ich nicht unterdrücke und unterdrücken kann, weder zu Hause noch auf der Arbeit noch bei meinem Partner, ist das Essen immer gleicher Lebensmittel und das Tragen immer gleicher Kleidung (nur in verschiedenen Variationen). Dadurch, dass ich meinen Gesprächspartnern zwischen die Augen bzw. auf den Mund schaue, fällt zudem kaum noch auf, dass ich eigentlich keinen Blickkontakt halten kann.

Durch meinen Beruf der Erzieherin habe ich während der Ausbildung und mit der Zeit im Kindergarten außerdem ein sehr bewusst gesteuertes Verhaltensrepertoire aufgebaut. Das hilft mir, mich im Alltag mit meinen NT – Kollegen (und – Kindern) besser zu Recht zu finden und kann es, wann immer ich es benötige, abrufen. Bei Unterhaltungen oder Fragen denen ich nicht folgen kann, oder deren Inhalt / Mitteilung ich nicht direkt verstehe ziehe ich es meist vor, mich zurückzuhalten und eher weniger kommunikativ zu sein d.h. kurze und knappe Antworten zu geben.

Auch wenn ich gelernt habe im Alltag ein gewisses Maß an Kompensationsleistung aufzubringen heißt das noch lange nicht, dass mir es Spaß macht oder super einfach ist. Auch nach Jahren der „Anpassung“ und des „Nicht-auffallen-wollens“ ist es für nach wie vor sehr schwer und vor allem sehr anstrengend meinen Alltag 24 Stunden 7 Tage die Woche zu kompensieren.

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