Strukturen

Eine Tagesstruktur im alltäglichen Leben ist elementar wichtig. Die meisten Menschen, bevorzugt NT`s, haben damit keine Probleme. Sie leben einfach in den Tag hinein, die Struktur ergibt sich von selbst. Es läuft einfach. Doch vielen Menschen mit Asperger-Syndrom fehlt es an einer exakten Lebens- und Alltagsstruktur. Sie gestalten den Tag ihren Routinen entsprechend und Dinge wie aufräumen, einkaufen und den Haushalt erledigen treten in den Hintergrund. Manche von ihnen Leben noch bei ihren Eltern oder einem Elternteil, welche ihnen viele alltägliche Dinge abnehmen.

Ich zähle zu solch einer Asperger-Autistin. Ich lebe bis dato bei meiner Mutter und kann mir nicht wirklich vorstellen wie es wäre, wenn es anders wäre. Meine Mutter macht haushaltliche Dinge wie Wäsche waschen, einkaufen gehen, etc. . Schon in meiner Kinder- und vor allem Jugendzeit wurden große Teile meines Lebens und meines Tages durch meine Familie und bevorzugt durch meine Mutter bestimmt. „Heute gehen wir dort hin, morgen machen wir das, und übermorgen dies.“ Damals wusste ich aber auch noch nicht, wie wichtig eine feste Struktur in meinem Leben ist und wunderte mich nur über die daraus resultierende Abgeschlagenheit, Gereiztheit und Müdigkeit. Heute allerdings halte ich so gut es geht an meinem inneren Plan fest, wenngleich dies häufig auf großes Unverständnis stößt. Dass dieses Leben mit dieser Form der Abhängigkeit nicht gut ist, dass weiß ich durchaus. Doch der Gedanke etwas daran zu ändern bereitet mir momentan sehr viel Angst.

Ein wichtiger Bestandteil meines täglichen Lebens sind meine Routinen und Rituale sowie eine – in den besten Fällen – gleichbleibende Struktur, welche sich wie ein roter Faden durch meinen Tag zieht. Denn ohne diese drei relevanten „Alltagshelfer“ funktioniert bei mir nichts. Als grobe Richtlinie verwende ich meinen Kalender und meinen großen Planer an der Wand. Mein detaillierter Plan aber befindet sich in meinem Kopf. Diesen arbeite ich dann im Verlauf des Tages Routine für Routine und Ritual für Ritual ab.

Ich habe feste Rituale und Regeln, welche mir in meinem Tagesablauf eine grundlegende Struktur als Orientierungshilfe bieten und automatisch passieren, sodass ich weder darüber nachdenken noch wertvolle Energie dafür verwenden muss wann ich was tue. So stehe ich bspw. – völlig ungeachtet der Feiertags- und Urlaubszeiten – spätestens um 6 Uhr auf – dafür benötige ich auch keinen Wecker – breche um 6:30 Uhr / 7:30 Uhr oder 8 Uhr (je nach Dienstbeginn) zu meiner Arbeitsstelle auf und gehe zu bestimmten Zeiten mit meinem Hund spazieren. Montags und mittwochs abends besuche ich ab 18:30 Uhr mein Schwimmtraining und fahre an den restlichen Tagen Fahrrad. Wenn ich anderen Menschen meinen Tagesverlauf erkläre, höre ich häufig Sätze wie: „Ich könnte das nicht.“ Dabei spielen sie meist auf das frühe Aufstehen an, doch für mich ist das keine Frage des Könnens. Für mich ist es Normalität, Strukturierung, Routine. Alltag. Funktioniert mein Tag nicht so, wie ich ihn immer verbringe, funktioniert in der Regel gar nichts mehr.

Neben dieser Struktur gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Die Strukturierung der Zeit. Zu jedem Tageszeitpunkt habe ich das unstillbare Bedürfnis zu wissen, was passiert und vor allem wann und wie lange es dauert. Diese Strukturierung hängt unmittelbar mit der Gestaltung meines Tagesplanes zusammen und legt fest, wann in etwa welches Ereignis stattfindet und wieviel Zeit ich für die Zielerreichung einplanen muss. Dies ermöglicht mir, das Tagesgeschehen vorherzusehen, besser planen und zeitliche Abläufe besser überblicken zu können. Kommt es zu Veränderungen, reagiere ich mit Unsicherheit, Panik und manchmal auch mit Abwehr gegenüber dieser Änderungen, da dass, was mir Orientierung gab, nun unterbrochen oder gar abgeändert wurde.

Was im Vorhinein (Tages-/Wochenplanung) von mir nicht berücksichtigt oder festgelegt wurde, das mache ich in der Regel auch nicht. Es funktioniert nicht, weil es in keiner Kategorie oder dessen Durchführung zu keiner bestimmten Tageszeit abgespeichert ist und somit auch nicht abgerufen werden kann. So steht in diesem Plan bspw., dass ich samstags 10 Liter des Aquarienwassers wechseln muss. Geschieht dies nicht, mache ich es gar nicht und das Aquarium muss bis zum folgenden Samstag warten. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass die Fische nach einiger Zeit in gelblichem Wasser schwimmen und sich an der Wasseroberfläche kleine Schaumkrönchen bildet. Sieht zwar hübsch aus, doch gesundheitsförderlich ist es wohl eher weniger. Ein weiteres Beispiel sind schriftlich zu erledigende Dinge, bspw. das Portfolio der Kinder oder das Verfassen der Blogbeiträge. Zwar habe ich vor, dies zu machen. Irgendwann. Doch wenn es in meinem Tagesplan zu keiner konkreten Tageszeit sondern nur als sporadischer „Termin“ abgespeichert ist, wird es dauern, bis ich es letztendlich schaffe es durchzuführen.

Was im Vorhinein nicht festgelegt wurde, das mache ich auch nicht. Dies betrifft insbesondere auch meine tägliche Nahrungsaufnahme. Soweit es möglich ist, esse ich zumindest zum Frühstück und zum Abendessen immer die gleichen Lebensmittel. Sind die nicht im Haus, esse ich lieber weniger oder verzichte ganz. Das Mittagessen nehme ich unter der Woche und außerhalb der Urlaubs- und Ferienzeiten grundsätzlich auf der Arbeit zu mir. Da ich dort für die Zusammenstellung des wöchentlichen Speiseplanes zuständig und verantwortlich bin, ist es mir möglich, mich zumindest auf das Nahrungsangebot der kommenden Woche vorbereiten zu können. Sind Gerichte mit Lebensmitteln dabei, die ich nicht esse (bspw. Nudeln) kann ich rechtzeitig reagieren und für diesen Tage ein Brötchen mitnehmen. Sobald Lebensmittel, vor allem die des Frühstücks und Abendessens, nicht mehr aktuell sind, sprich ich sie nicht mehr riechen, sehen oder schmecken kann (ausgenommen mein Naturjoghurt zum Frühstück und saure Gurken zum Abendessen), werden andere Lebensmittel auf meiner festgefahrenen Nahrungsmittel – Prioritätenliste ganz nach oben gesetzt und sollten in dieser Zeit stets zu Hause sein.

Im täglichen Leben bin ich – auch wenn dies manchmal nicht so scheint – keineswegs ein spontaner Mensch. Ich brauche meine feste Struktur, meinen inneren Plan, meine Rituale und Routinen.

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