Archiv für den Monat Mai 2017

Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes

Worte faszinieren mich. Worte umhüllen mich mit ihrer einfachen Magie. Sie geleiten mich in eine neue Welt, bestehend aus Buchstaben, Wortfetzen, neuen Wörtern, Wortnebeln … Wörter können helfen und heilen. Wörter können das „Verstehen lernen“ fördern. Wörter können – so denn sie kreativ zusammengesetzt – einen Text erschaffen, welcher ein Tor in eine andere Welt öffnet.

Wörter. Wörter ziehen mich mit ihrer Magie seit jeher in ihren Bann. Bereits in der ersten Klasse der Grundschule wurde mir ein umfangreicher und differenzierter Wortschatz bescheinigt und habe ausdrucksstarke und fantasievolle Geschichten formuliert. Da ist es naheliegend, dass neben meinem Spezialinteresse „Fotografie“ eine meiner Hauptinteressen das „kreative Schreiben“ sowie die Schriftsprache – auch Linguistik genannt – ansich, ist. Und das solange ich denken kann. Schon immer spielten Worte, Grammatik und das Formulieren von Fach- und „normalen“ Texten eine wichtige Rolle für mich. Bereits als Kind habe ich gerne Bücher gelesen, in Wörterbüchern geblättert und mich mit Fremwörtern beschäftigt. Ich sauge die deutsche Sprache förmlich auf und wende diese an, bevorzugt schriftlich. Dabei verwende ich viele Fach- und Fremdwörter und entwickle detaillierte Schachtelsätze. Das alles jedoch ohne ein spezielles Wissen über Grammatikregeln – bei mir passiert das Schreiben intuitiv. Manchmal kann ich gar nicht genug bekommen von der Magie der Buchstaben, Wörter und Sätze und finde es bisweilen schade, nicht genügend Zeit zu besitzen, um mich stundenlang hinzusetzen und einfach nur zu schreiben. Denn schreiben geht nicht im hier und jetzt. Im hektischen Alltag ist keine Zeit mal eben so eine kleine Notiz zu machen, Gedanken in eine visuelle Form zu bringen. Und oftmals ist es so, dass sie dann einfach wieder verschwinden – die Gedanken. Sang- und klanglos fortgetrieben werden mit dem Strom der Zeit und man sie nicht mehr in ihrer urpsrünglichen Satzkonstellation herbei zu holen vermag. Schade eigentlich, denn manchmal sind es solch wundervolle Sätze, welche ich versuche festzuhalten bis ich Zeit finde sie niederzuschreiben. Doch es bleibt keine Zeit … Wann? Wie? Gerade während der Arbeit kann ich nicht einfach mal innhalten, die Zeit anhalten und sagen:“Stop, Kinder. Bitte hört kurz auf zu streiten, ich muss nur eben diesen oder jenen Gedankenfetzen zu Papier bringen, bevor er sich in Luft auflöst.“ Schade eigentlich, denn so viele Gedanken bleiben unnotiert. Unausgesprochen. Ein Geheimnis. Dabei sind sie doch so wundervoll. Man müsste sich Zeit schaffen, Raum schaffen. Sein Spezialinteresse ausleben dürfen. Doch das ist nicht einfach. Vor allem, wenn man ein Blatt Papier, einen Stift und ein paar Minuten Zeit genau JETZT benötigt. Oft fließen die Gedanken durch meinen Kopf ohne sich in meinen Gehirnwindungen zu verfangen. Strömen unaufhörlich durch meine Gedanken – oft sind dies meine schönsten Gedanken – und genauso oft wünsche ich mir, eine Aufnahmegerät wäre dort oben eingebaut – dort oben wo all die schönen Gedanken entstehen.

Ich liebe philosophische Texte und Metaphern – hochwertigere und gehaltvollere Bücher ziehe ich einfach formulierten Romanen vor. Insgesamt habe ich 197 Bücher – alle mindestens 1x gelesen.
Rechtschreibfehler sind mir ein Graus und es ist besonders schlimm, wenn ich bei mir selbst welche entdecke. Wo wir wieder bei der Zeit wären. Hätte ich Zeit – ja, hätte ich welche, würde das vermutlich selten bis gar nicht passieren. Aber auch besonders in Zeitungen oder Büchern empfinde ich Rechtschreibfehler als wahre Folter und frage mich oft, wie so etwas passieren kann. Bei meinen Kollegen sehe ich die Fehler zwar sofort, aber ich mache sie selten darauf aufmerksam. Viel zu oft verbreitet man mit Verbesserungen jeglicher Art Unmut, was mir mehr als fern liegt. Besonders kompliziert für mich wird es, wenn mich jemand darum bittet einen Aushang oder ähnliches durchzulesen und gegebenfalls zu verbessern. Da ich häufig eine hochtrabende Sprache entwickel wenn ich mich auf einen Text „stürze“, möchte ich meist gleich den kompletten Text ändern und es bereitet mir große Schmerzen nur „das Schlimmste“ ändern zu dürfen.

Um mein ohnehin schon ausgeprägtes Interesse an Linguistik, Büchern und Schreiben weiter zu vertiefen starte ich bald in eine neue Aufgabe: ein Fernstudium – auf das ich mich schon wahnsinnig freue ! 🙂

 

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Kommunikation – Aufnahme und Gestaltung von Gesprächen

Oftmals wird von NT’s den Menschen mit Autismus eine gewisse Unfähigkeit oder sogar der fehlende Wunsch nach der Interaktion mit anderen Menschen unterstellt. Das wird zumindest behauptet. Doch häufig ist es durchaus der Fall, dass sich dieser Wunsch nach Kontakten im Laufe des Lebens entwickeln kann oder schon immer bestand.

Bereits im Kindergartenalter besaß bzw. entwickelte ich kein entsprechendes Bedürfnis mit Anderen zu kommunizieren. Ich hatte nicht wirklich den Wunsch, meine Freude mit anderen zu teilen oder auf Dinge hinzuweisen, welche ich entdeckte. Auch wenn manche von uns  mit zunehmendem Alter trotzdem den Wunsch nach sozialen Kontakten entwickeln, so blieb diese „Entwicklung“ bei mir aus. Und je älter ich wurde, desto überdrüssiger wurde ich der „nervigen“ Menschen um mich herum, zog mich immer mehr zurück und bin froh um jede Kommunikation oder Interaktion die ich umgehen kann.

Dennoch bin ich eine Personen die aufgrund der späten Diagnose durchaus eine  „angemessene“ Form der Kontaktaufnahme erlernt hat und durchaus anwenden kann, wenngleich deren Einsatz oftmals schwierig ist. In Gesprächen mit Fremden oder Kollegen – gleich welcher Art – fühle ich mich grundsätzlich unwohl. Schnell entsteht in meinem Inneren eine Art „Beklemmungsgefühl“. Ein „Ich-will-da-raus“-Gedanke. Besonders häufig passiert dies bei Smalltalk oder mir gestellten Fragen, deren Beantwortung zu banal ist d.h. mir einfach keine passende Antwort einfallen möchte. Außerdem ist es mir oft ein Rätsel, wie ich anschließend oder generell die Aufmerksamkeit meines Gegenübers erregen oder beibehalten kann. Gerade wenn ich mich an dem oben genannten Smalltalk „versuche“, habe ich das Gefühl, mein Gegenüber mit meinem Wortfluss schnell zu „langweilen“, da dieser meist nur Themen beinhaltet, die mich in diesem Augenblick interessieren wohl aber nich meinen „Gesprächspartner“.

Leichter als die von mir ausgehenden Gesprächsversuche fällt mir die Reaktion auf Kontaktangebote von anderen Personen. Doch auch in diesem Bereich habe ich Schwierigkeiten damit, dass Gespräch nach Beantwortung der Frage o.Ä. aufrecht zu erhalten bzw. fortzuführen. Hier stellt sich ebenso schnell das bereits bekannte Beklemmungsgefühl ein.

Am liebsten bin ich alleine mit mir und meinen vielen Gedanken. Ohne dauernd angesprochen zu werden. Ohne dauernd Antworten geben zu müssen. Ohne dauernd reden zu müssen.

Die Notwendigkeit der Integration

Wie bereits erwähnt, schrieb ich meine Facharbeit im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin im Bereich „Soziale Integration von Kinder mit Autismus (…). Hier möchte ich nun einen Auszug veröffentlichen, welcher meiner Meinung nach relevant für ein gesellschaftliches Miteinander und die Akzeptanz gegenüber Menschen mit Autismus aber auch anderen beeinträchtigten Menschen ist. Die Facharbeit schrieb ich bevor ich diagnostiziert wurde. Sie war eine wichtige Tür zu meiner Diagnose.

Was ist soziale Integration? – Eine Defintion und warum diese Integration notwendig ist

Unter Integration versteht man die Betreuung und Aufnahme von unterschiedlichen Kindern in die Gesellschaft, die in einer Kindertageseinrichtung (…) betreut und gefördert werden.  Der Begriff umfasst also auch die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nicht behinderter Kinder in einer sozialen Gemeinschaft. Das bedeutet, dass eine Lebenswelt geschaffen werden sollte, in der sich Kinder mit ihren Unterschieden gegenseitig achten und wertschätzen. Offenheit sowie Respekt für diese Unterschiede sollen keine Fremdworte mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Integration ist kein Zustand der erreicht werden soll, sondern ein Weg in eine wertschätzende und achtsame Gesellschaft und das Ziel für die Bereicherung des Lebens beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Kinder und Erwachsener. Es soll also erreicht werden, dass es für die Gesellschaft völlig normal ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mit altersgerecht entwickelten Menschen in einer sozialen Gruppe zusammenleben.

„Das Bild einer Gesellschaft, die menschliche Werte über Begriffe wie Intelligenz, Schönheit, Ästhetik, Schnelligkeit und öhnliches definiert, wird durch Andersartigkeit gestört, also in ihrer Entwicklung und Ungestörtheit behindert. Es müsste demnach oft heißen, ‚der Mensch ist eine Behinderung‘ (für die anderen), nicht ‚er hat eine Behinderung‘.“ >>Angelika Rothmayr, Reha-Verlag<<

In diesem Zitat macht Angelika Rothmayr deutlich, wie wichtig und notwendig die Integration beeinträchtiger Menschen ist, da die Behinderung eines Menschen in den Köpfen der Gesellschaft beginnt und ein Problem für diese darstellt, nicht aber für den betroffenen Menschen selbst. Um dieses „Fehldenken“ der Gesellschaft dauerhaft und nachhaltig umzulenken ist es notwendig, durch Integration und damit verbundene integrative Einrichtungen nicht-behinderter Menschen von Kindheit an die Möglichkeit zu geben, Offenheit und Respekt des „Anderssein’s“ gegenüber zu entwickeln. Erst dann ist gewährleistet, behinderten Menschen durch die Achtung, Wertschätzung und respektvollen Behandlung eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. (…) Die vielen verschiedenen und vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten in Kindertagesstätten, Vereinen o.Ä. ermöglichen in Hinblick auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder und Erwachsenen Erfahrungen, Kompetenzen und eine Chance für umfassende Lernprozesse, sowie die Eingliederung von Familien von Kindern mit Beeinträchtigungen in den normalen gesellschaftlichen Lebensprozess. Wie auch die beeinträchtigten Kinder durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten der nicht-behinderten Kinder profitieren können, tun dies auch die nicht-behinderten Kinder bei auf behinderte Kinder zugeschnittenen Angeboten, wenn diese über für sie interessante und aktivierende Inhalte verfügen. Ziel der Integrationsarbeit ist es, dass alle Kinder (und auch Erwachsene) in einer Lebensgemeinschaft gemeinsam aufwachsen können und sollen. Dies bedeutet, dass beeinträchtigte und nicht-beeinträchtigte Kinder gemeinsam spielen, lernen und leben. Somit entsteht eine Veränderung der Einschätzung von Behinderung, des eigenen Selbstverständnisses und der eigenen Stärken und Schwächen von Kindern und Erwachsenen. Die Integrationsgruppe schafft einen Raum, in dem das beeinträchtigte Kind Entwicklungsschritte nach seinem eigenen Rhytmus machen und viele neue Erfahrungen sammeln kann. Durch die Arbeit in einer Integrationsgruppe wird die Aufmerksamkeit unter den Kindern aber auch Eltern füreinander geweckt, das Einfühlungsvermögen vertieft, Akzeptanz und Toleranz aufgebaut. Ein dadurch entstehendes tolerantes Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen in einer Gemeinschaft ist eine Bereicherung für alle.

 

Integration beginnt bereits bei einem Blog. Denn jeder einzelne der zahlreichen Blog von Betroffenen, so wie dieser hier, trägt dazu bei, aufzuklären, zu verstehen und akzeptieren zu können. Wir „Beeinträchtigte“ können von den Fähigkeiten und Fertigkeiten der NT’s profitieren. Das merke ich auch immer wieder bei meinem Freund. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, fühle ich mich sicher, ich bin nicht alleine – ich weiß dass er Dinge kann, die ich nicht oder noch nicht kann. Und manchmal hilft er mir, indem er mir ein winziges Türchen öffnet, welches mir ermöglicht in seinem Schutz etwas neues zu lernen oder zu erfahren. Doch genauso ist es auch anders herum. Manchmal öffne ich meinem Partner ein Türchen. Ein Türchen in meine Welt, welches ihm hilft, die Welt etwas bewusster wahrzunehmen.

Integration beginnt mit einem Blog. Integration beginnt bei einem DU und ICH. Integration beginnt bei einem WIR.

 

Diagnose – Ja oder Nein?

„Ist das alles nur Einbildung?“, „Manchmal fühle ich mich so normal!“, „Es fällt ja keinem auf.“, „Mir geht es oft genau so!“, „Stell` dich nicht so an.“

Mit diesen und ähnlichen Fragen, Aussagen und Sätzen habe ich mich selbst und wurde ich vor, während und auch noch jetzt – nach meiner Diagnose – gequält. Schnell stellt man sich an dieser Stelle eine elementar wichtige Frage: „Warum dann den Weg der Diagnose anstreben?“ Wo er doch gerade für uns Frauen so schwierig ist, da wir durch viele Diagnoseraster fallen. Weil wir so gut kompensieren können. Weil wir uns so gut anpassen können. Weil wir gelernt haben, uns soziale Regeln abzuschauen und auch zu benutzen. Dass das schwierig ist, wir dabei an unsere Grenzen kommen, dass sieht natürlich niemand. Das weiß niemand. Weil wir es mit einer Selbstdiagnose selten kommunizieren. Weil wir denken uns glaubt niemand, denn viel zu oft haben wir schon erfahren und hören müssen, dass es NT`s angeblich und scheinbar genauso geht. Denn viel zu oft sagen sie: „Mir geht es ja genauso.“ oder „Das kenne ich auch.“ Dass wir es dann Leid werden, unsere Probleme zu äußern – verständlich – denn offensichtlich geht es ja allen Menschen auf dieser Welt gleich. Unsere Probleme sind kein Einzelfall, nichts besonderes und schon gar nicht erwähnens- oder beachtenswert.

Aber stimmt das überhaupt? Warum behaupten NT`s ihnen ginge es genauso? Woher wissen sie, wie es uns wirklich geht? UND: Geht es ihnen wirklich so – so wie uns – oder verwechseln sie ihre Unlust zu Arbeiten und ihr Leben zu ertragen mit den Problemen von Autisten? Manchmal scheint es mir, als wären unsere Probleme und Sonderbarkeiten eine gefundene Ausrede für NT`s. Bei allem zu dem ich keine Lust habe, werde ich Autist – oder so? Oder wie? Eine wahrlich interessante Fragestellung, zu welcher man sich an dieser Stelle seine eigenen Gedanken machen kann. Doch nun zurück zum eigentlich Thema: Die Diagnose – meine Diagnose – wie es dazu kam und wie der Weg dorthin war.

Schon in der Realschulzeit merkte ich, dass ich einfach „anders“ war als meine Klassenkameraden. Schminken, Mode, Jungs – alles relevante Themen für vorpubertäre oder bereits pubertierende 12 – jährige Mädchen. Nur nicht für mich. Schminken probierte ich aus – und fand die ganze Sache an sich und das Endergebnis einfach nur grauenvoll. Ich wollte so bleiben wie ich war und mir nicht noch klebrige Farbe ins Gesicht schmieren, welche mich aussehen ließ wie ein Zombie. Mit Kleidungsstücken verhielt und verhält es sich bis heute ähnlich. Noch nie habe ich viel Wert auf „Modetrends“ gelegt. Für mich ist es am Wichtigsten , dass es passt und vor allem beim Tragen nirgendwo zwickt. Ergo laufe ich seit ich denken kann eher burschikos als damenhaft durch die Gegend. Auch diese Tatsache wurde ab der Realschulzeit als sonderbar angesehen. Ausgeschlossen aus sämtlichen Cliquen und Grüppchen verbrachte ich meine Schulzeit eher als Außenseiterin und relativ alleine – aber damit war ich zufrieden. Doch nicht erst in der Realschule fiel auf, dass ich anders war. Bereits in der Grundschule äußerte meine Lehrerin den Verdacht ich könne ADHS haben. Aufgrund fehlender oder nicht passender Symptome wurde dieser Verdacht jedoch sehr schnell verworfen. Bis zu meiner Ausbildungszeit blieb das „warum“ zu meinem Verhalten unbeantwortet und so arrangierte ich mich über die Jahre hinweg mit mir selbst. Ich kannte mich nicht anders. Doch dann begann meine Ausbildungszeit und auch hier war ich vorrangig die Streberin und weniger die „gute Freundin“. Als sich auch diese Zeit langsam dem Ende zuneigte, stand das Schreiben einer Facharbeit an. Meinen Titel fand ich schnell: „Soziale Integration von Kindern mit Autismus in einen Kindergarten mit Hilfe von Alltagsmaterialien.“ Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, las Wörter wie „Kanner-Syndrom“, „Asperger-Syndrom“ und „atypischer Autismus“. Je tiefer ich in das Thema eintauchte, je mehr ich darüber las und erfuhr, desto mehr fand ich mich darin wieder. Meine Probleme, Sonderbarkeiten und meine Andersartigkeit schienen endlich einen Namen zu erhalten. Als ich meinen Verdacht gegenüber meiner Mutter äußerte, fingen sie an die Fragen und Aussagen. Bis heute höre ich Sätze wie: „(…)mir geht es doch ähnlich, (…). Ich habe auch keine Lust darauf und bin deshalb motzig.“ Viel zu schnell musste ich erfahren, dass ich von dieser Seite nicht die nötige Hilfe zu erwarten hatte. Nachdem ich zahlreiche Online-Selbsttests durchgeführt und zusätzlich noch eine Weile einer Facebookgruppe beigewohnt hatte, in welcher unentwegt gleiche und ähnliche Probleme gepostet wurden und meinen eigenen Verdacht noch untermauerten, beschloss ich meinen Verdacht an eine der diagnostizierenden Kliniken zu richten. Alsbald, das war 2014, erhielt ich von der Uniklinik Köln einen Fragebogen, welchen ich ausgefüllt zurücksendete.

Panik erfüllte mich während der Zeit des Wartens auf eine Antwort. Was, wenn es alles bloß Einbildung ist? Was, wenn ich mich durch meine Facharbeit bloß damit identifiziere, es aber nicht wirklich habe? Was wäre wenn? Dann kam die lang ersehnte Antwort. Sie möchten mich einladen zu einem ersten diagnostischen Gespräch. Doch das ließ 2 1/2 Jahre auf sich warten. 2 1/2 Jahre, in welchen ich selbst immer wieder zweifelte. 2 1/2 Jahre, in welchen ich immer wieder gefragt wurde, wofür ich diese Diagnose bräuchte – ich wüsste es ja auch so. 2 1/2 Jahre, in denen ich immer wieder meinen Verdacht in Frage stellte, weil ich manchmal ja gar so gut klarkam.

Ende 2016 war dann schließlich mein Partner der ausschlaggebende Punkt, meine Diagnose zu vollenden. Mehrere Terminvorschläge musste ich ablehnen und um neue bitten – eine Tatsache, an welcher allein ich schon gescheitert wäre, wenn er nicht gewesen wäre. Aber er war da, unterstützte mich, versuchte mich „auf dem Boden der Tatsachen zu halten, mich zu beruhigen wenn ich mal wieder auf 160 war und fuhr mit mir zu beiden Terminen nach Köln. Zwei Termine, die mir unheimlich viel Kraft raubten. Doch ohne diese wäre es nie zu einer Diagnosestellung gekommen.

Aber wofür brauche ich sie nun? Was nützt sie mir?

Bisher habe ich noch nicht wirklich das Gefühl, dass sie mir und der Aufwand für sie so viel genutzt hat. Gerade was Therapiemaßnahmen betrifft, geht es eher langsam voran, doch ich habe die Hoffnung, dass sich das im Laufe der Zeit noch ändert. Sie öffnet mir Wege und Möglichkeiten in eine andere und besser erträgliche Welt. Hinsichtlich des seelischen Aspektes muss ich sagen: Es ist einfach kein Verdacht mehr. Keine Selbstdiagnose, keine Ahnung, keine Vermutung mehr. Es ist aus diesen Dingen eine Tatsache geworden, die es mir ermöglicht, mein Leben neu zu ordnen und meine Welt neu gestalten zu können. Ich brauche mich nicht zu verstecken, denn ich weiß, dass ich die Diagnose „Asperger-Syndrom“ nicht als Ausrede für Dinge verwende die ich nicht mag. Viele Dinge mag ich vielleicht – aber ich KANN sie einfach nicht. Und das ist ein großer Unterschied. Auch ist es mit solch einer Diagnose einfacher an die Öffentlichkeit zu gehen. Natürlich geht dies auch mit einer Selbstdiagnose, doch wenn diese sich letztendlich nicht Bewahrheiten sollte, so hat man eventuell ein Problem.

Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein. Denn nun habe ich es schwarz auf weiß – und kann mein Leben ein bisschen besser werden lassen.