Diagnose – Ja oder Nein?

„Ist das alles nur Einbildung?“, „Manchmal fühle ich mich so normal!“, „Es fällt ja keinem auf.“, „Mir geht es oft genau so!“, „Stell` dich nicht so an.“

Mit diesen und ähnlichen Fragen, Aussagen und Sätzen habe ich mich selbst und wurde ich vor, während und auch noch jetzt – nach meiner Diagnose – gequält. Schnell stellt man sich an dieser Stelle eine elementar wichtige Frage: „Warum dann den Weg der Diagnose anstreben?“ Wo er doch gerade für uns Frauen so schwierig ist, da wir durch viele Diagnoseraster fallen. Weil wir so gut kompensieren können. Weil wir uns so gut anpassen können. Weil wir gelernt haben, uns soziale Regeln abzuschauen und auch zu benutzen. Dass das schwierig ist, wir dabei an unsere Grenzen kommen, dass sieht natürlich niemand. Das weiß niemand. Weil wir es mit einer Selbstdiagnose selten kommunizieren. Weil wir denken uns glaubt niemand, denn viel zu oft haben wir schon erfahren und hören müssen, dass es NT`s angeblich und scheinbar genauso geht. Denn viel zu oft sagen sie: „Mir geht es ja genauso.“ oder „Das kenne ich auch.“ Dass wir es dann Leid werden, unsere Probleme zu äußern – verständlich – denn offensichtlich geht es ja allen Menschen auf dieser Welt gleich. Unsere Probleme sind kein Einzelfall, nichts besonderes und schon gar nicht erwähnens- oder beachtenswert.

Aber stimmt das überhaupt? Warum behaupten NT`s ihnen ginge es genauso? Woher wissen sie, wie es uns wirklich geht? UND: Geht es ihnen wirklich so – so wie uns – oder verwechseln sie ihre Unlust zu Arbeiten und ihr Leben zu ertragen mit den Problemen von Autisten? Manchmal scheint es mir, als wären unsere Probleme und Sonderbarkeiten eine gefundene Ausrede für NT`s. Bei allem zu dem ich keine Lust habe, werde ich Autist – oder so? Oder wie? Eine wahrlich interessante Fragestellung, zu welcher man sich an dieser Stelle seine eigenen Gedanken machen kann. Doch nun zurück zum eigentlich Thema: Die Diagnose – meine Diagnose – wie es dazu kam und wie der Weg dorthin war.

Schon in der Realschulzeit merkte ich, dass ich einfach „anders“ war als meine Klassenkameraden. Schminken, Mode, Jungs – alles relevante Themen für vorpubertäre oder bereits pubertierende 12 – jährige Mädchen. Nur nicht für mich. Schminken probierte ich aus – und fand die ganze Sache an sich und das Endergebnis einfach nur grauenvoll. Ich wollte so bleiben wie ich war und mir nicht noch klebrige Farbe ins Gesicht schmieren, welche mich aussehen ließ wie ein Zombie. Mit Kleidungsstücken verhielt und verhält es sich bis heute ähnlich. Noch nie habe ich viel Wert auf „Modetrends“ gelegt. Für mich ist es am Wichtigsten , dass es passt und vor allem beim Tragen nirgendwo zwickt. Ergo laufe ich seit ich denken kann eher burschikos als damenhaft durch die Gegend. Auch diese Tatsache wurde ab der Realschulzeit als sonderbar angesehen. Ausgeschlossen aus sämtlichen Cliquen und Grüppchen verbrachte ich meine Schulzeit eher als Außenseiterin und relativ alleine – aber damit war ich zufrieden. Doch nicht erst in der Realschule fiel auf, dass ich anders war. Bereits in der Grundschule äußerte meine Lehrerin den Verdacht ich könne ADHS haben. Aufgrund fehlender oder nicht passender Symptome wurde dieser Verdacht jedoch sehr schnell verworfen. Bis zu meiner Ausbildungszeit blieb das „warum“ zu meinem Verhalten unbeantwortet und so arrangierte ich mich über die Jahre hinweg mit mir selbst. Ich kannte mich nicht anders. Doch dann begann meine Ausbildungszeit und auch hier war ich vorrangig die Streberin und weniger die „gute Freundin“. Als sich auch diese Zeit langsam dem Ende zuneigte, stand das Schreiben einer Facharbeit an. Meinen Titel fand ich schnell: „Soziale Integration von Kindern mit Autismus in einen Kindergarten mit Hilfe von Alltagsmaterialien.“ Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, las Wörter wie „Kanner-Syndrom“, „Asperger-Syndrom“ und „atypischer Autismus“. Je tiefer ich in das Thema eintauchte, je mehr ich darüber las und erfuhr, desto mehr fand ich mich darin wieder. Meine Probleme, Sonderbarkeiten und meine Andersartigkeit schienen endlich einen Namen zu erhalten. Als ich meinen Verdacht gegenüber meiner Mutter äußerte, fingen sie an die Fragen und Aussagen. Bis heute höre ich Sätze wie: „(…)mir geht es doch ähnlich, (…). Ich habe auch keine Lust darauf und bin deshalb motzig.“ Viel zu schnell musste ich erfahren, dass ich von dieser Seite nicht die nötige Hilfe zu erwarten hatte. Nachdem ich zahlreiche Online-Selbsttests durchgeführt und zusätzlich noch eine Weile einer Facebookgruppe beigewohnt hatte, in welcher unentwegt gleiche und ähnliche Probleme gepostet wurden und meinen eigenen Verdacht noch untermauerten, beschloss ich meinen Verdacht an eine der diagnostizierenden Kliniken zu richten. Alsbald, das war 2014, erhielt ich von der Uniklinik Köln einen Fragebogen, welchen ich ausgefüllt zurücksendete.

Panik erfüllte mich während der Zeit des Wartens auf eine Antwort. Was, wenn es alles bloß Einbildung ist? Was, wenn ich mich durch meine Facharbeit bloß damit identifiziere, es aber nicht wirklich habe? Was wäre wenn? Dann kam die lang ersehnte Antwort. Sie möchten mich einladen zu einem ersten diagnostischen Gespräch. Doch das ließ 2 1/2 Jahre auf sich warten. 2 1/2 Jahre, in welchen ich selbst immer wieder zweifelte. 2 1/2 Jahre, in welchen ich immer wieder gefragt wurde, wofür ich diese Diagnose bräuchte – ich wüsste es ja auch so. 2 1/2 Jahre, in denen ich immer wieder meinen Verdacht in Frage stellte, weil ich manchmal ja gar so gut klarkam.

Ende 2016 war dann schließlich mein Partner der ausschlaggebende Punkt, meine Diagnose zu vollenden. Mehrere Terminvorschläge musste ich ablehnen und um neue bitten – eine Tatsache, an welcher allein ich schon gescheitert wäre, wenn er nicht gewesen wäre. Aber er war da, unterstützte mich, versuchte mich „auf dem Boden der Tatsachen zu halten, mich zu beruhigen wenn ich mal wieder auf 160 war und fuhr mit mir zu beiden Terminen nach Köln. Zwei Termine, die mir unheimlich viel Kraft raubten. Doch ohne diese wäre es nie zu einer Diagnosestellung gekommen.

Aber wofür brauche ich sie nun? Was nützt sie mir?

Bisher habe ich noch nicht wirklich das Gefühl, dass sie mir und der Aufwand für sie so viel genutzt hat. Gerade was Therapiemaßnahmen betrifft, geht es eher langsam voran, doch ich habe die Hoffnung, dass sich das im Laufe der Zeit noch ändert. Sie öffnet mir Wege und Möglichkeiten in eine andere und besser erträgliche Welt. Hinsichtlich des seelischen Aspektes muss ich sagen: Es ist einfach kein Verdacht mehr. Keine Selbstdiagnose, keine Ahnung, keine Vermutung mehr. Es ist aus diesen Dingen eine Tatsache geworden, die es mir ermöglicht, mein Leben neu zu ordnen und meine Welt neu gestalten zu können. Ich brauche mich nicht zu verstecken, denn ich weiß, dass ich die Diagnose „Asperger-Syndrom“ nicht als Ausrede für Dinge verwende die ich nicht mag. Viele Dinge mag ich vielleicht – aber ich KANN sie einfach nicht. Und das ist ein großer Unterschied. Auch ist es mit solch einer Diagnose einfacher an die Öffentlichkeit zu gehen. Natürlich geht dies auch mit einer Selbstdiagnose, doch wenn diese sich letztendlich nicht Bewahrheiten sollte, so hat man eventuell ein Problem.

Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein. Denn nun habe ich es schwarz auf weiß – und kann mein Leben ein bisschen besser werden lassen.

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