Archiv für den Monat August 2017

„Aber deine Prognose ist sehr gut …“

Neulich erst erzählte ich meinem Hausarzt von meiner Diagnose. Ganze sechs Monate habe ich sie für mich behalten – mich schlichtweg nicht getraut es ihm zu sagen. Doch nun bin ich an meinem, in meinem letzten Beitrag beschriebenen, Wendepunkt angelangt. Und irgendwie war es an der Zeit, es ihm zu erzählen. Dann habe ich größere Chancen verstanden zu werden.

Ich hatte auch den Eindruck er verstünde mich, so halb wenigstens. Bis zum dem Zeitpunkt als er sagte: „Aber deine Prognose ist sehr gut. Anders als viele Menschen mit Asperger-Syndrom arbeitest du in einem sehr sozialen Beruf. Du hast einen Partner und das Wichtigste: Du weißt wo deine Probleme liegen und kannst diese formulieren. Und in diesen Punkten bist du vielen Menschen mit Asperger-Syndrom voraus. Viele weisen das nämlich von sich und sagen „Ich bin seltsam? Nö, das war doch schon immer so.“ Und genau das tust du nicht und deshalb ist deine Prognose sehr gut.“

Ähm, ja. Ich fragte mich in diesem Augenblick ob er jemals einen Asperger-Autisten vor sich hatte … oder „uns“ nur aus Büchern kennt. Ich fragte mich, woher er so genau wusste, dass meine Prognose gut sei. Ich fragte mich, warum er sich nicht fragte, warum ich dann heute in seiner Praxis saß und nicht arbeiten war? An meiner guten Prognose kann das ja irgendwie nicht gelegen haben, oder doch? Und ich fragte mich, ob er sich wirklich darüber bewusst war, was er da sagte. Natürlich arbeite ich in diesem sozialen Beruf. Weil Elementarpädagogik zu meinem Spezialinteresse zählt, weil Kinder wenig oder gar nicht fragen, sondern einen so annehmen wie man ist. Ob und in wie fern mir diese Arbeit Tag für Tag einen Haufen Kompensationsstrategien abverlangt wollte er gar nicht wissen … aber Hauptsache meine Prognose ist gut. Das ich bei ihm in der Praxis saß, weil ich Kopfweh hatte, schlapp war, mich Lust- und Antriebslos fühlte und mir in diesem Moment nicht vorstellen konnte, eine Horde Kinder zu beaufsichtigen, das nahm er scheinbar irgendwie nicht war. Aber HAUPTSACHE meine Prognose ist gut. Und ich frage mich natürlich: Ist die wirklich so gut? Wenn ich nach knapp 2 Jahren „durcharbeiten“ schon am Rande des Abgrunds stehe und einem „Autistischen Burn-Out“ buchstäblich in die Augen blicke? Nach 2 Jahren Berufstätigkeit und mit 24 Jahren?

Da nützt mir auch alles Wissen über meine Probleme nichts. Und selbst wenn meine Prognose gut sein sollte, wüsste ich nicht einmal, wie ich diese „gute Prognose“ aktivieren könnte. Der Stress bleibt trotzdem, das Funktionieren in einer nichtautistischen Welt gestaltet sich von Tag zu Tag schwieriger. Meine Kompensationsstrategien verlieren von Tag zu Tag und an der steigenden Verantwortung immer mehr an Kraft und Aufrechterhaltungsvermögen (bitte das Wort nicht googlen, es entspringt alleine meiner Fantasie).

„Das kann man gut mit einer Psychotherapie behandeln.“ Aha? Wir sind also doch behandel-, sprich heilbar? Wäre mir neu, denn – ich wiederhole mich nur ungern: Trotz Psychotherapie würde

  • der Stress bleiben
  • das Funktionieren in einer nichtautistischen Welt weiterhin von mir verlangt werden
  • meine Kompensationsstrategie mich trotzdem meiner Kräfte berauben

denn dort, wo all das von mir verlangt wird, wo all das stattfindet und entsteht, ist der, der es mindern könnte nicht dabei … der Psychotherapeut kann mir meine tägliche Arbeit nicht abnehmen. Er kann nur unterstützend darauf einwirken, doch was bringt das, wenn sich die Arbeitsstelle daran nicht ausrichten kann oder will? Mir jedenfalls nichts … und die Arbeit des Psychotherapeuten würde sich demnach im Sande verlaufen.

Aber !!

*Ironie an* HAUPTSACHE, meine Prognose ist gut … *Ironie aus*

Advertisements

Wendepunkt

Ich spüre wie mir mein Leben – mein bisher strukturiert erscheinender Alltag – entgleitet. Nicht von jetzt auf den nächsten Moment wie bei einem Overload. Nein. Über einen langen Zeitraum hinweg wird Schicht für Schicht meines neurotypischen Wirkungsbildes – meiner Fassade – abgetragen. Weggespült. Einfach so.

Wie das Wasser des Meeres mit jeder Welle ein bisschen Sand mit sich nimmt, so nimmt mir der Alltag und das ständige unterdrücken meiner autistischen Persönlichkeit mit jedem Tag ein bisschen meiner Kraft. Manchmal kommt ein bisschen Kraft zurück, einzelne Sandkörner. Sandkörner, die mir mein Partner zurückbringt. Doch viele verschwinden im unendlichen Meer. Lösen sich von mir, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Und an dieser Stelle werden wir eins: das Meer, der Strand, die Sandkörner und ich. Wir teilen das gleiche Schicksal.

Wir verlieren an Stabilität.

Durchatmen. Neue Kraft tanken. Aufladen. Den Kopf frei kriegen. Viel zu schnell gleiten die Tage einer Krankschreibung dahin. Grund: Erschöpfung. Viel zu schnell rückt der Tag näher, an dem es wieder heißt: 100% da sein. Solange, bis alles wieder von vorne beginnt. 30 Tage Urlaub pro Jahr für, mal mehr mal weniger, 249 (Arbeitsjahr 2017) Arbeitstage reichen eben nicht aus, um mir über die schier endlos erscheinenden Durststrecken zu helfen. Doch vielleicht scheint das nur so, dass sie „schier endlos“ sind. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass meine tägliche Arbeit so unheimlich kräftezeherend ist.

Dieser Zustand des Existierens ist für mich schlimmer als ein „simpler“ Overload oder Meltdown. Meltdowns kündigen sich an, kommen, brechen aus … und verschwinden wieder. Sie hinterlassen begrenzten Schaden, es sei denn ich habe eine Scheibe eingetreten, welche es zu bezahlen gilt. Was jüngst geschehen ist. Doch solche Zustände, welche ich durchaus in die Kategorie „Autistisches Burnout“ stecken würde, kommen nicht einfach so. Sie kommen nicht und verschwinden dann wieder. Sie kommen – und sie bleiben. Je nach Intensität für ein paar Tage. Für ein paar Wochen. Für ein paar Monate. Schon vor zwei Wochen fühlte ich mich schlapp, die Kinder meiner Gruppe verlangten mir alles ab – ich war genervt. Neue Gruppenzusammenstellungen, neue Kollegen. Alles neu macht der Juli / August bei uns. Eigentlich müsste ich es kennen. Doch es fordert mich immer wieder aufs neue. Aus dem Schlappheitsgefühl entwickelte sich eine extreme Motivationsunlust- ein wirklich unschönes Gefühl. Wo ich doch so viel tun müsste. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Papier, Frühstücksbrettchen mit Leuchttürmen drauf, Teekannen, Tassen, unzählige Wasserflaschen, leere Smartiepackungen. Chaos. Aber all das ist irgendwie egal. Ich bin zu erschöpft um mich auch nur einen Meter zu bewegen. Die Tage plätschern an mir vorbei, ich räume mal hier, mal da etwas auf, aber trotzdem sieht es noch so aus wie vorher. Meine Motivation irgendetwas zu tun sinkt ins Untererirdische.

Und die Krankschreibung? Hat die jetzt was gebracht? Irgendwie nicht. Erholt bin ich nicht. Schlapp fühle ich mich immernoch und von aufgeräumt kann keine Rede sein.

Doch in einem Punkt hat sie mir diesmal weitergeholfen: Ich bin endlich – ENDLICH an dem Punkt angelangt, an dem ich zu begreifen beginne, dass ich das alles alleine nicht mehr schaffe. Davor dachte ich immer: „Da ist doch nichts. Mir gehts doch gut.“

Das war vor der Diagnose. Das war zu einer Zeit in der ich nie länger als ein Jahr am Stück arbeiten musste. Immer kam eine Knie – OP dazwischen.

Nie wäre ich auf die Ideen gekommen, dass es jemals so weit kommen könnte. Das ich vor einem Wendepunkt stehe der mich vor die Wahl stellt: Übersteige mich und mache so weiter wie bisher. Oder kehre um und suche dir einen neuen Weg. Suche dir Hilfe. Doch jetzt ist wohl der Zeitpunkt dafür gekommen. Ich wünsche mir, wieder zurück ins Leben zu finden, es wieder besser zu strukturieren – und wieder das machen zu können, wofür mir bisher die Lust, Motivation und Kreativität fehlte: Malen und Schreiben.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Weg sein wird.

Doch eines weiß ich:

Ich bin nicht alleine!

Atemlos …

… oder mit anderen Worten: Ich kann nicht mehr …

Schon viele Jahre lebe ich mit meinen diversen Schwierigkeiten im Kontakt mit meinen Mitmenschen. Unbemerkt. Oder nur ansatzweise bemerkt. Abgetan als „Seltsamkeit“. Habe mir mit der Zeit – mit dem „Älter werden“ – mehr oder weniger hilfreiche Strategien gesucht – und eventuell auch gefunden – um meinen sehr sozialen Alltag so gut wie möglich überleben zu können. Und vor allem um so wenig wie möglich oder bestenfalls gar nicht aufzufallen. Denn das wäre fatal. Mein gesellschaftliches und vielleicht auch berufliches Ende. Gedanken, die mich fast jeden Tag begleiten. Bloß nicht auffallen. Einfach exisitieren. Einfach funktionieren. Irgendwie geht das schon. Irgendwie muss das ja. Scheinbar sind meine bisherigen Anpassungsleistungen sehr gut gelungen. Sonst wäre ich wohl kaum eine staatl. anerk. Erzieherin mit Gruppenleitunsfunktion. Erstaunlich, wenn man bedenkt was die Gesellschaft so denkt. Was wir Autisten angeblich alles nicht schaffen, habe ich dennoch geschafft. In einem sozialen Beruf arbeiten? Unmöglich, sagen NT’s, wo wir doch sozial nichts können. Mit Kindern arbeiten? Unmöglich. Solche Fähigkeiten werden uns abgesprochen. Aufgrund von simplen Klischees. Meine Schwierigkeiten mit anderen Menschen und im allgemeinen sozialen Umgang sind für andere oft gar nicht bzw. so ohne Weiteres erkennbar. Wichtig ist es nur – und das habe ich während meiner Ausbildung gelernt – mir die Fähigkeit anzueignen, andere Personen anzuschauen wenn ich mit diesen spreche. Neugierde zeigen. Interesse am Gegenüber. Könnte mein Spiegel erzählen – er könnte ein ganzes Buch füllen über meine Abende unter der Dusche und von meinen gezogenen Grimassen. Aber wer weiß das schon? Was hinter der Fassade dieser zurückhaltenden und stillen jungen Frau steckt? Doch je stärker von mir Flexibilität abverlangt wird, was in meinem Beruf nun wirklich keine Seltenheit ist, desto deutlicher wird meine Überforderung. Ich komme ins Strudeln. Vergesse Sachen. Reagiere falsch. Reagiere anders. Kollegen verstehen meine Verhaltensweisen nicht und zu allem Überfluss sprechen sie mich auch noch darauf an. Schlimmer kann es gar nicht kommen. Der soziale Kontakt zu meinen Kollegen und den Eltern mag bisweilen etwas unbeholfen und komisch wirken, aber mehr wird von ihnen selten wahrgenommen. Das ich „anders“ sein könnte schon mal gar nicht. Eher unkollegial oder so. Ich weiß noch nicht mal wie das geht – unkollegial sein.

Ich stehe jeden Tag, 7Stunden und 30 Minuten ohne Überstunden, 5 Tage die Woche unter Strom und erlebe meinen Tag mit einer großen Anspannung, welche mich schnell erschöpft. Und wenn ich erschöpft schreibe, dann meine ich das auch so. Es ist einfach das „Zu-viel“ an sozialen Kontakten zu Kindern, Eltern, Kollegen. Es kostet Konzentration. Viel Konzetration und irgendwann fängt sie an zu schwinden, es wird anstrengend, stressreich und überfordernd.Aber das darf ich nicht sagen. Ich kann nicht mehr. Weder bei meiner Mutter, noch bei meiner restlichen Familie und schon mal gar nicht auf meiner Arbeit. Es wäre ja ein Zeichen von Schwäche, Schwäche die es nicht geben darf. Nein. Ich muss funktionieren – das erwarten die anderen um mich herum offensichtlich von mir. „So ist das eben.“, „Mir geht es ja auch nicht anders.“, „Da müssen wir durch.“. Und ich könnte schreien. „Da müssen WIR durch?“. WIR? Wenn du da durch willst, dann geh – aber ohne mich. Ich steige aus. Manchmal möchte ich sie anbrüllen. sie fragen, ob sie alle irgendwie nicht mehr ganz dicht sind. Aber dann besinne ich mich, gehe aufs Klo. 5 Minuten Ruhe tanken. 5 Minuten Ruhe für die nächsten 2 oder 3 Stunden sammeln. So komme ich über den Tag. Irgendwie. Aber fragt jetzt nicht nach dem „Wie“.

Am Anfang half dieses „Luft holen“ noch, aber mittlerweile fällt es mir jeden Tag schwerer, die vielen Erwartungen zu erfüllen. Hier will ein Kind etwas, da falle ich gerade bei einer Kollegin in Ungnade. Und ich? Ich muss funktionieren als gäbe es die vielen Stressfaktoren nicht, die mich erdrücken und einengen. Außerdem muss ich vorsichtig sein, was ich sage. Vor allem auf der Arbeit. Die Wahrheit wollen die meisten Menschen nicht hören. Oder würden sie mir nicht glauben.

Doch ich muss weitermachen, jeden Morgen aufstehen – jeden Morgen auf die Arbeit gehen, auch wenn die innerliche Erschöpfung immer spürbarer und intensiver wird. Ich stehe unter Druck. Autistisch sein auf meiner Arbeit – das darf ich nicht. Es weiß schließlich keiner. Verstehen, wie schwer es ist 7h30 zu kompensieren und alles dafür zu tun nicht aufzufallen, das kann nur ein Mensch der ins Spektrum gehört.

Jetzt werden viele sagen oder denken „Warum hat sie sich dann diesen Job ausgesucht?“ Ja warum? Es gibt eine ganz einfache Antwort: Weil ich meinen Job liebe. Weil ich mir nicht vorstellen kann, etwas anderes zu machen, wenngleich die Chancen groß wären, dass dieser andere Beruf ruhiger sein könnte. Elementarpädagogik gehört zu meinem Spezialinteresse und die Arbeit mit Kindern macht mir Spaß. Trotzdem wünsche ich mir so sehr, dass aus diesem „Zu-viel“ an täglichen Stressfaktoren wieder eine zu bewältigende und gleichbleibende Belastung wird. Eine, mit der ich klarkomme. Aber dafür benötige ich langsam aber sicher Unterstützung. Unterstützung, die mich irgendwie entlastet. Ich arbeite in einer Einrichtung. In einer Einrichtung in der nicht selten auch von Inklusion die Rede ist. Aber was wäre, wenn ich heute sagen würde, dass ich Autistin bin? Dürfte ich bleiben? Müsste ich gehen? Würden sie mir ÜBERHAUPT glauben? Oder weiterhin verlangen, dass ich mich anpasse und einfach nur funktioniere, weil es in einem Kiga-Alltag nicht anders geht?
Ich wüsste gerne ob sie mich so annehmen würden, wie ich bin, obwohl ich nicht ihrer Norm entspreche, sondern anders bin. Besonders.

Aber wenn ich nichts sage – wenn ich mich nicht traue etwas zu sagen, einfach weil ich Angst habe vor möglichen Konsequenzen, werden sie mich weiter fordern, überfordern und meine Grenzen, welche ich schon längst hinter mir gelassen habe und selbst schon gar nicht mehr wahrnehmen kann, niemals respektieren. Weder meine, noch die eines anderen…

Ich kann nicht mehr.