Wendepunkt

Ich spüre wie mir mein Leben – mein bisher strukturiert erscheinender Alltag – entgleitet. Nicht von jetzt auf den nächsten Moment wie bei einem Overload. Nein. Über einen langen Zeitraum hinweg wird Schicht für Schicht meines neurotypischen Wirkungsbildes – meiner Fassade – abgetragen. Weggespült. Einfach so.

Wie das Wasser des Meeres mit jeder Welle ein bisschen Sand mit sich nimmt, so nimmt mir der Alltag und das ständige unterdrücken meiner autistischen Persönlichkeit mit jedem Tag ein bisschen meiner Kraft. Manchmal kommt ein bisschen Kraft zurück, einzelne Sandkörner. Sandkörner, die mir mein Partner zurückbringt. Doch viele verschwinden im unendlichen Meer. Lösen sich von mir, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Und an dieser Stelle werden wir eins: das Meer, der Strand, die Sandkörner und ich. Wir teilen das gleiche Schicksal.

Wir verlieren an Stabilität.

Durchatmen. Neue Kraft tanken. Aufladen. Den Kopf frei kriegen. Viel zu schnell gleiten die Tage einer Krankschreibung dahin. Grund: Erschöpfung. Viel zu schnell rückt der Tag näher, an dem es wieder heißt: 100% da sein. Solange, bis alles wieder von vorne beginnt. 30 Tage Urlaub pro Jahr für, mal mehr mal weniger, 249 (Arbeitsjahr 2017) Arbeitstage reichen eben nicht aus, um mir über die schier endlos erscheinenden Durststrecken zu helfen. Doch vielleicht scheint das nur so, dass sie „schier endlos“ sind. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass meine tägliche Arbeit so unheimlich kräftezeherend ist.

Dieser Zustand des Existierens ist für mich schlimmer als ein „simpler“ Overload oder Meltdown. Meltdowns kündigen sich an, kommen, brechen aus … und verschwinden wieder. Sie hinterlassen begrenzten Schaden, es sei denn ich habe eine Scheibe eingetreten, welche es zu bezahlen gilt. Was jüngst geschehen ist. Doch solche Zustände, welche ich durchaus in die Kategorie „Autistisches Burnout“ stecken würde, kommen nicht einfach so. Sie kommen nicht und verschwinden dann wieder. Sie kommen – und sie bleiben. Je nach Intensität für ein paar Tage. Für ein paar Wochen. Für ein paar Monate. Schon vor zwei Wochen fühlte ich mich schlapp, die Kinder meiner Gruppe verlangten mir alles ab – ich war genervt. Neue Gruppenzusammenstellungen, neue Kollegen. Alles neu macht der Juli / August bei uns. Eigentlich müsste ich es kennen. Doch es fordert mich immer wieder aufs neue. Aus dem Schlappheitsgefühl entwickelte sich eine extreme Motivationsunlust- ein wirklich unschönes Gefühl. Wo ich doch so viel tun müsste. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Papier, Frühstücksbrettchen mit Leuchttürmen drauf, Teekannen, Tassen, unzählige Wasserflaschen, leere Smartiepackungen. Chaos. Aber all das ist irgendwie egal. Ich bin zu erschöpft um mich auch nur einen Meter zu bewegen. Die Tage plätschern an mir vorbei, ich räume mal hier, mal da etwas auf, aber trotzdem sieht es noch so aus wie vorher. Meine Motivation irgendetwas zu tun sinkt ins Untererirdische.

Und die Krankschreibung? Hat die jetzt was gebracht? Irgendwie nicht. Erholt bin ich nicht. Schlapp fühle ich mich immernoch und von aufgeräumt kann keine Rede sein.

Doch in einem Punkt hat sie mir diesmal weitergeholfen: Ich bin endlich – ENDLICH an dem Punkt angelangt, an dem ich zu begreifen beginne, dass ich das alles alleine nicht mehr schaffe. Davor dachte ich immer: „Da ist doch nichts. Mir gehts doch gut.“

Das war vor der Diagnose. Das war zu einer Zeit in der ich nie länger als ein Jahr am Stück arbeiten musste. Immer kam eine Knie – OP dazwischen.

Nie wäre ich auf die Ideen gekommen, dass es jemals so weit kommen könnte. Das ich vor einem Wendepunkt stehe der mich vor die Wahl stellt: Übersteige mich und mache so weiter wie bisher. Oder kehre um und suche dir einen neuen Weg. Suche dir Hilfe. Doch jetzt ist wohl der Zeitpunkt dafür gekommen. Ich wünsche mir, wieder zurück ins Leben zu finden, es wieder besser zu strukturieren – und wieder das machen zu können, wofür mir bisher die Lust, Motivation und Kreativität fehlte: Malen und Schreiben.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Weg sein wird.

Doch eines weiß ich:

Ich bin nicht alleine!

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2 Gedanken zu „Wendepunkt

  1. autistanbord

    Ich drücke dir die Daumen. Bei uns war und ist familiär wahnsinnig viel los, wenig Gutes, das Ergebnis ist ähnlich. Ich habe seit über einem Jahr nichts künstlerisches gemacht, hatte seit Dezember letzten Jahres nicht mehr kreativ geschrieben…Eigentlich ganz arges Warnzeichen bei mir.
    Dann kam ein Punkt, eine Kleinigkeit … in den letzten 10 Tagen über 50 Seiten zu Papier gebracht, einfach so, nebenher, es fließt, es will… Ich habe Lust, zu zeichnen. Nicht nur „irgendwas künstlerisches“, sondern Bleistift oder Kohle in die Hand nehmen und ab… war immer mein Medium, bis es nicht mehr ging, weil meine Zeichenhand nicht mehr mitspielte. Heute zum ersten Mal seit ca. 15 Jahren einen Zeichenbleistift in der Hand gehabt. Auch für andere Sachen ist die Motivation zurück.
    Wie gesagt… der Auslöser eine Kleinigkeit, aber gerade der Schubs, den ich wohl brauchte. Ich wünsche dir, dass sich auch bei dir zeitnah ein Energiespender findet!

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  2. Pingback: „Aber deine Prognose ist sehr gut …“ | Aspictures

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