„Aber deine Prognose ist sehr gut …“

Neulich erst erzählte ich meinem Hausarzt von meiner Diagnose. Ganze sechs Monate habe ich sie für mich behalten – mich schlichtweg nicht getraut es ihm zu sagen. Doch nun bin ich an meinem, in meinem letzten Beitrag beschriebenen, Wendepunkt angelangt. Und irgendwie war es an der Zeit, es ihm zu erzählen. Dann habe ich größere Chancen verstanden zu werden.

Ich hatte auch den Eindruck er verstünde mich, so halb wenigstens. Bis zum dem Zeitpunkt als er sagte: „Aber deine Prognose ist sehr gut. Anders als viele Menschen mit Asperger-Syndrom arbeitest du in einem sehr sozialen Beruf. Du hast einen Partner und das Wichtigste: Du weißt wo deine Probleme liegen und kannst diese formulieren. Und in diesen Punkten bist du vielen Menschen mit Asperger-Syndrom voraus. Viele weisen das nämlich von sich und sagen „Ich bin seltsam? Nö, das war doch schon immer so.“ Und genau das tust du nicht und deshalb ist deine Prognose sehr gut.“

Ähm, ja. Ich fragte mich in diesem Augenblick ob er jemals einen Asperger-Autisten vor sich hatte … oder „uns“ nur aus Büchern kennt. Ich fragte mich, woher er so genau wusste, dass meine Prognose gut sei. Ich fragte mich, warum er sich nicht fragte, warum ich dann heute in seiner Praxis saß und nicht arbeiten war? An meiner guten Prognose kann das ja irgendwie nicht gelegen haben, oder doch? Und ich fragte mich, ob er sich wirklich darüber bewusst war, was er da sagte. Natürlich arbeite ich in diesem sozialen Beruf. Weil Elementarpädagogik zu meinem Spezialinteresse zählt, weil Kinder wenig oder gar nicht fragen, sondern einen so annehmen wie man ist. Ob und in wie fern mir diese Arbeit Tag für Tag einen Haufen Kompensationsstrategien abverlangt wollte er gar nicht wissen … aber Hauptsache meine Prognose ist gut. Das ich bei ihm in der Praxis saß, weil ich Kopfweh hatte, schlapp war, mich Lust- und Antriebslos fühlte und mir in diesem Moment nicht vorstellen konnte, eine Horde Kinder zu beaufsichtigen, das nahm er scheinbar irgendwie nicht war. Aber HAUPTSACHE meine Prognose ist gut. Und ich frage mich natürlich: Ist die wirklich so gut? Wenn ich nach knapp 2 Jahren „durcharbeiten“ schon am Rande des Abgrunds stehe und einem „Autistischen Burn-Out“ buchstäblich in die Augen blicke? Nach 2 Jahren Berufstätigkeit und mit 24 Jahren?

Da nützt mir auch alles Wissen über meine Probleme nichts. Und selbst wenn meine Prognose gut sein sollte, wüsste ich nicht einmal, wie ich diese „gute Prognose“ aktivieren könnte. Der Stress bleibt trotzdem, das Funktionieren in einer nichtautistischen Welt gestaltet sich von Tag zu Tag schwieriger. Meine Kompensationsstrategien verlieren von Tag zu Tag und an der steigenden Verantwortung immer mehr an Kraft und Aufrechterhaltungsvermögen (bitte das Wort nicht googlen, es entspringt alleine meiner Fantasie).

„Das kann man gut mit einer Psychotherapie behandeln.“ Aha? Wir sind also doch behandel-, sprich heilbar? Wäre mir neu, denn – ich wiederhole mich nur ungern: Trotz Psychotherapie würde

  • der Stress bleiben
  • das Funktionieren in einer nichtautistischen Welt weiterhin von mir verlangt werden
  • meine Kompensationsstrategie mich trotzdem meiner Kräfte berauben

denn dort, wo all das von mir verlangt wird, wo all das stattfindet und entsteht, ist der, der es mindern könnte nicht dabei … der Psychotherapeut kann mir meine tägliche Arbeit nicht abnehmen. Er kann nur unterstützend darauf einwirken, doch was bringt das, wenn sich die Arbeitsstelle daran nicht ausrichten kann oder will? Mir jedenfalls nichts … und die Arbeit des Psychotherapeuten würde sich demnach im Sande verlaufen.

Aber !!

*Ironie an* HAUPTSACHE, meine Prognose ist gut … *Ironie aus*

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4 Gedanken zu „„Aber deine Prognose ist sehr gut …“

  1. WiderSinniges - Praxisalltag einer Psychologin

    Ehrlich gesagt, verstehe ich die Logik von Prognose und Asperger/Autismus nicht⁉ Ich hätte den Hausarzt gefragt, was genau er damit meint, denkt er Autismus ist heilbar?
    Wenn ich ein halbes Jahr warten würde, „meinem“ Hausarzt eine zentrale Diagnose vorzuenthalten, würde ich mich fragen, ob es der richtige Hausarzt wäre bzw. MEIN Hausarzt?! 🙂

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    1. aspicturesblog Autor

      Ich habe es grundsätzlich nicht so mit dem Sprechen und relevante Dinge zielgerichtet zu benennen fällt mir immens schwer. Bekomme da immer einen Herzschlag ins unermessliche, mir wird übel und fange an zu schwitzen. Dann entgehe ich solchen Situationen lieber. Auch ich habe das mit der Prognose nicht so ganz verstanden … Aber nachfragen wollte ich nicht 😕

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  2. jotaerresite

    Das mit der „Prognose“ habe ich sinngemäß sogar von einem Psychiater so gehört… „Ja, aber Sie haben das doch alles gut im Griff!“ Ach so, habe ich das? Dann muss ich mir wohl all die vielen Momente eingebildet haben, in denen ich nicht mehr wollte, weil ich nicht mehr konnte (kann), in denen ich einfach schreien und alles hinwerfen wollte, weil mir an so vielen, so zahllosen Tagen sogar schon der ganz banale, normale Alltag zuviel ist, selbst dann, wenn ich an dem Tag nicht mal zur Arbeit muss…
    Mein „Hausarzt“ hatte sich für die Diagnose nicht weiter interessiert. Als ich bald danach mein Antidepressivum absetzte, weil es mir nichts brachte und mich nur unnötig „ausschaltete“, bemerkte er dazu, dann müsse es mir ja offensichtlich gut gehen.
    Den passenden Hausarzt, der an der entscheidenden Stelle tatsächlich auch hilft und mit dem ich auch direkt reden kann, den suche ich auch noch… Ich verstehe deine Frustration sehr gut.

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