Archiv für den Monat Mai 2018

Diagnose im Bereich Autismus-Spektrum – Ja oder nein? – Gedanken

Lange habe ich gebraucht, um darüber endlich schreiben zu können.
Bereits im Januar 2017 wurde ich an der Uniklinik Köln diagnostiziert, doch erst jetzt finde ich Worte dafür.

Irgendwas ist anders – aber was?

Vor der Diagnose habe ich lange mit mir gehadert. Was stimmt nicht mit mir? Warum bin ich so anders als meine Klassenkameraden in der Schule? Warum mag ich keine Partys? Warum hasse ich Menschenmengen? Warum rede ich nicht gerne mit fremden Menschen? Warum bin ich am liebsten alleine in meinem Zimmer? Warum klappt es mit den Freunden nicht? Fühlen und sehen andere Menschen auch Wellen? Warum esse ich immer dasselbe und WARUM stört das andere Menschen? Woher kommen diese ganzen Wutausbrüche? Warum sage ich Dinge, die ich gar nicht sagen will?

Viele Fragen schwirrten mir im Kopf herum, als ich mit 13 Jahren begriff, dass das was ich mache, tue und sage nicht dem Standart der Jugend entspricht. Ich fühlte mich anders, ich war anders und wurde auch von anderen als anders wahrgenommen. Warum? Darauf konnte mir niemand eine Antwort geben. Bis ich mit 20 Jahren (im Jahr3 2013) die Aufgabe erhielt, mir ein Thema für meine Facharbeit auszusuchen. Es zog mich zu dem Lernfeld „Besondere Bedürfnisse – Unterschiedlichkeit und Vielfalt leben“ hin und schnell fand ich auch ein Thema in diesem Bereich: „Soziale Integration von Kindern mit Autismus in einen Kindergarten mit Hilfe von Alltagsritualen.“ Schnell stellte ich fest, dass vieles, was ich dort niederschrieb auch auf mich zutraf. Ich lernte mich zum ersten Mal richtig kennen und wusste auf einmal Antworten auf meine so zahlreichen Fragen.

Ohne Diagnose Sicherheit gewinnen – geht das?

Eine ungefähre Orientierung – ob ja oder nein – erhielt ich damals durch einen ersten Online Test. Natürlich war mir klar, dass ein Online-Test keine gesicherte Diagnose eines Psychiaters ersetzt, aber er kann ein entscheidender Wegweise sein. =>http://rdos.net/eng/Aspie-quiz.php
Nachdem ich über Wochen und Monate hinweg immer mal wieder solche Tests durchführte und immer ähnliche Ergebnisse herauskamen entschloss ich mich, mich in einem Forum für Menschen aus dem Autismus-Spektrum anzumelden. Ich erhielt nun die Möglichkeit, mich mit anderen Autisten auszutauschen, konnte über das Leben im Autismus-Spektrum lesen und fing an, mich immer besser zu verstehen und zu akzeptieren.
Irgendwann aber kam der Wunsch auf, es „richtig“ wissen zu wollen. Zu erfahren, ob ich mit meiner Vermutung wirklich richtig lag. Meine Mutter war da leider anderer Meinung: „Du brauchst keine Diagnose, um autistisch zu sein. Du weißt doch selbst am besten, wer du bist. Niemand anderes kann einem das sagen. Auch kein Psychiater.“ Natürlich sind wir alle indivuell, haben andere Wünsche, Vorstellungen und Ideen. Aber manchmal gibt es da eben diese eine Person, die es genauer wissen will.

Doch eine Diagnose wurde zunächst einmal verschoben mangels entsprechender Hilfe.

Diagnose? – Diagnose !

Natürlich hat eine Diagnose, wie so viele andere Sachen auch, Vor- und Nachteile.

Vor der Diagnose wog ich natürlich nicht ab, ob diese sinnvoll ist oder nicht. Ich wollte es einfach wissen. Und so kam es schlussendlich auch zu einer – im Jahre 2016/2017. Also ganze drei Jahre nach meiner ersten Selbstdiagnose.

Grund dafür war zum einen, dass es da auf einmal jemanden gab (siehe auch Aspi und NT) der sich für mich interessierte und mir helfen wollte. Zum anderen kam ein weiterer wichtiger Aspekt in Betracht: Ich konnte einfach nicht mehr. Mit dem ständigen Versuch, “neurologisch typisch” zu wirken und vor allem zu sein (was in meinem Job besonders wichtig ist), war ich mehr und mehr überfordert von dieser Situation. Ebenso war ich ausgelaugt, kaputt, müde. Bisher habe ich, ein Jahr nach der Diagnose – nur ein Hilfsmittel zur Unterstützung zur Bewältigung meines Alltages erhalten – meine zweiten Ohren. Leider musste ich feststellen, dass ich auch mit Diagnose nicht die Unterstützung erhalte, welche ich mir im Nachhinein erhofft hatte.

Fazit

In erster Linie strebte ich ein gesichters Wissen an. Ich wollte nicht mein Leben damit verbringen zu ahnen, dass ich autistisch sein könnte. Ich wollte wissen ob ich mich irre oder richtig liege. Das war der Hauptgrund der Diagnose.

Nebenbei auftretender Grund war die mögliche Inanspruchnahme diverser Hilfen die bis dato noch nicht sehr weit gediehen sind. Ein Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis wurde abgelehnt – lediglich 30% gestanden sie mir zu, OHNE zu wissen, wie mein Leben tatsächlich abläuft. Aber hier ist der Kampf noch nicht verloren.
Vor einer Diagnose sollte auf jeden Fall überlegt, welche Unterstützung man braucht und wie bzw. woher man sie bekommen kann. Dann kann man darüber nachdenken, ob eine Autismus-Spektrum-Diagnose dafür unbedingt nötig ist oder ob einem die Selbstdiagnose reicht.

Und wem die Selbstdiagnose nicht reicht, der kann sich natürlich diagnostizieren lassen.

Bereut habe ich es bisher nicht – im Gegenteil – ich habe mich und mein Verhalten besser verstehen und lieben lernen können.

Wer Interesse an meiner Facharbeit hat – über Amazon ist sie erhältlich:

Facharbeit „Soziale Integration von Kindern mit Autismus“ Amazon-Link

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Anpassung?!

„Es ist fast immer klüger, sich den Vorstellungen anzupassen, welche die Menschen von uns haben, als ihnen ihre Illusion zu nehmen.“ *Sigmund Graff*

Doch genau das tun wir. Tag für Tag, immer wieder aufs Neue rauben wir unseren Mitmenschen die Illusion. Indem wir uns nicht so gut oder schnell anpassen können und wollen.

Anpassen, Anpassung – was ist das und wenn ja, wie funktioniert das? So ein bisschen habe ich herausgefunden, wie das mit der Anpassung funktioniert. Bei mir läuft das in etwa so ab: Zuhören. Nicken. Lächeln. „Wie bitte?!“ denken. Denn anders funktioniert es bei mir nicht. Vom „Fragen-nicht-Versteher“ bin ich nach und nach zum Mitläufer mutiert. Aber nur auf der Arbeit, denn da bietet mir das „Mitlaufen“ eine gewisse Sicherheit. Ich habe mir abgeguckt wie ich gucken muss, habe mir abgehört, was ich sagen muss und wann ich besser den Mund halte. Habe mir abgeguckt wie ich wann zu reagieren habe. So klappt das mit der Anpassung – in diesem Gebiet. Doch scheinbar bin ich nicht mehr angepasst, wenn ich nicht zugreife, wenn ein Kollege Geburtstag hat, weil ich nur bestimmte Sachen esse. Wenn ich mich bei Fortbildung in die Küche verkrümel anstatt mit den anderen an der Tafel zu dinieren und mich über sinn- und belanglose zu unterhalten. Denn fann ernte ich immer komische Kommentare und blicke. Scheinbar bin ich auch dann nicht angepasst, wenn ich mit niemandem etwas unternehmen will. Und auch mein exzessiver Sport zählt wohl nicht zu der Art „Anpassung“ die sich die anderen Menschen wünschen. Ich passe mich an – nach meinem Regeln und Möglichkeiten. Aber ich stehe trotzdem immer ein wenig außerhalb des Geschehens. Weil ich in den Augen der Anderen nicht angepasst genug bin in ihre Welt.

Jeden Tag raube ich Kollegen und anderen Menschen ihre Illusion. Wenn ich nicht wie erwartet reagiere oder meinen Partner für mich sprechen lasse.

Warum soll es klüger sein, sich den Vorstellungen anzupassen? Ich glaube, die Menschen lassen einen eher in Frieden, wenn man sich ihnen anpasst. Dann fällt man nicht so auf in der breiten Masse.

Doch wenn man diesen akrobatischen Akt der Anpassung nicht schafft, bleibt man mit seinem „andersartigen“ Verhalten immer Zielscheibe der breiten, langweiligen, angepassten Gesellschaft.

Manchmal ist es Segen, manchmal Fluch, aber trotzdem bin ich stolz darauf, Asperger – Autist zu sein, anders zu denken, zu fühlen, mehr zu sehen und wahrzunehmen – auch wenn das mit der Anpassung irgendwie nicht klappen will. Aber vielleicht soll es ja auch gar nicht klappen? Vielleicht erfüllen wir, die sich nicht anpassen können, einen ganz wichtigen Zweck in diesem / unserem Leben? Vielleicht sind wir es, die dem Leben – nicht nur unserem sondern auch dem der Anderen – mehr Farbe und Besonderheit geben?

Aspi und NT

Viele „Freunde“ hatte ich in meiner Jugendzeit, ohne wirklich zu wissen, was „Liebe“ wirklich ist, wie man „richtig“ fühlt und sich als Partner verhält. „Freunde“ kann man daher meine Ausflüge in eine andere, mir unbekannte Welt, eigentlich nicht nennen. Doch nach zahlreichen fehlgeschlagenen Versuchen habe ich mich noch einmal auf den Weg ins Abenteuer „Liebe und Partnerschaft“ begeben. Und bisher habe ich es nicht bereut. Seit ein paar Monaten wohnen wir zusammen was sich als wahrliche sinnvolle Entscheidung herausgestellt hat. Wo ich zu Anfang noch zweifelte, Angst hatte, meine Routinen und meinen Halt zu verlieren, habe ich jetzt – nach einigen Monaten – mehr Sicherheit gewonnen als ich mir jemals erträumt hätte. Beim Zusammenleben gibt es durchaus einige Vorteile die man genießt. Ganz gleich ob ich etwas gemacht habe, was jemand beeindrucken könnte, ob es da eine Rechnung gibt, die man sich teilen könnte, mit dem ich lachen und reden kann – es gibt jemanden und dieser jemand interessiert sich für mich, für das was ich mache, was mich bewegt, interessiert, beschäftigt – einfach alles. Ich brauche meinen Partner um in der Spur bleiben zu können, der mich stützt wenn es mal wieder bergab geht. Er hat sich umfassend über das Asperger – Syndrom informiert und weiß einfach irgendwie immer, wie er mit mir umgehen muss. Viel zu oft sage ich ihm:“ Warum ist das bei uns so? Ich hatte so etwas noch nie.“ Und das stimmt auch. So etwas HATTE ich einfach noch nie.  Jeder andere den ich bisher meinen „Freund“ genannt habe, hatte und konnte nicht das, was mein jetziger Partner kann und macht. Vermutlich liegt es daran, das er bereit ist, sich über meine „Probleme“ zu informieren, sich bewusst zu machen, mit wem oder was er es hier zu tun hat. Mit wem er da zusammenlebt und was alles passieren kann. Er ist für mich da , wenn ich ihn brauche, bestärkt und lobt mich für Dinge die ich gut mache und vor allem kann er unterscheiden zwischen „nicht tun wollen“ und „nicht tun können“!! Und das ist sehr wertvoll im Hinblick auf sehr viele Sequenzen des Tages, unseres Lebens. Auch reden wir sehr viel miteinander, gerade wenn Missverständnisse entstehen. So gibt er auch mir die Möglichkeit seine Gedanken und Gefühle immer besser verstehen zu können. Aspi und Nt lautet der Titel dieses Blogbeitrages. Warum? Weil er ein NT ist – ich bin Aspi.

Er hat sich auf das Abenteuer „Asperger“ eingelassen, meistert Aufgaben und Hürden wie in einem seiner Computerspiele um zum nächsten Level aufzusteigen. Er besiegt schwarze Löcher, bekämpft Ängste und hält abstruse Sorgen und Gedanken in Schach. Er setzt Zauberwörte und besondere Aktionen ein, um sein Aspi-Mädchen glücklich zu machen und vergrößert dadurch immer mehr das Farbspektrum seiner Wellen die er sendet. Er tut alles für uns und unsere wunderbare Beziehung… und dafür habe ich die kunterbuntesten Wellen für ihn. Oder für NT’s: Dafür liebe ich ihn über alles!!

Das einzige, was mir manchmal Sorgen bereitet ist, dass ich nicht weiß, wie ich ihm das zurückgeben kann. Ich mache nicht so wunderhübsche Dinge wie er. Ich mache ihm Obstschälchen, backe Kuchen, kuschel ihn wenn der k.o. ist (obwohl ich vielleicht gerade meine „Nicht – Anfassen – 5 Minuten“ habe.

Aber trotzdem habe ich das Gefühl, er gibt mir mehr als ich (geben kann)…….