Vom Patentrezept und den vielen Strukturen, Sicherheiten und Hilfen im Alltag

Jeder Autist ist ein Einzelfall. Jeder. Kennst du den Autisten links neben dir – dann kennst du diesen. Derjenige, welcher rechts von dir steht ist wieder ganz anders!

Es gibt kein Patentrezept

Es gibt keine Anleitung, keinen Plan, welchem man im Umgang mit mir folgen könnte. Und hat sich mein Mann gerade mal wieder einen neuen Plan zurechtgelegt, schmeiße ich ihn garantiert um (RW). Auch die Wissenschaftler und Ärzte sind sich einig – es gibt kein Patentrezept.

Für mich ist der richtige Weg im Alltag eine Mischung aus Strukturen, Sicherheiten und vielen kleinen und etwas größeren Hilfestellungen.
Als ich noch in die Schule ging und später meinen schulischen Teil der Ausbildung absolvierte, saß ich immer ganz vorne. Gruppenarbeiten gab es natürlich auch bei mir, schließlich besuchte ich eine Regelschule. Doch meist übernahm ich den Hauptteil der kognitiven und schriftlichen Arbeiten. Die Aufgabe meiner Gruppenkollegen bestand darin, das was ich geschrieben hatte den anderen vorzustellen. Denn das war das letzte was ich tun wollte. Bei Gesprächen, ob mit Freunden oder Lehrern, schaute ich meinem Gegenüber grundsätzlich auf die Nasenwurzel oder auf den Mund. In meinen Händen befand sich meist mein geliebter kleiner Puzzelball aus Radiergummi.

Strukturen, Sicherheiten, kleine und große Hilfestellungen

Im Alltag hilft es mir sehr viel mich vorzubereiten. Mittlerweile geschieht dies intuitiv vor Gesprächen. Immer und immer wieder lasse ich Sätze durch meinen Kopf gleiten, die ich meinem Gegenüber sagen könnte. Ich überlege mir mögliche Gesprächsszenarien, wie genau das Gespräch ablaufen könnte. All das bietet mir keine 100%, aber wenigstens ein wenig Sicherheit, mit welcher ich souveräner in ein Gespräch gehen kann. Planbarkeit – vor allem bei Gesprächen – ist definitiv meine erste Wahl, doch in meinem Beruf leider nicht immer möglich. Kann ich mich vorher nicht wenigstens eine halbe Stunde darauf vorbereiten, (bspw. bei Aufgabenstellungen bei Fortbildung, bei welchen man innerhalb von 2 Minuten eine Antwort parat haben muss) zerspringt mein Herz gefühlt in meiner Brust. Mir wird superheiß und mein Herz donnert gegen mein Inneres. Ein scheußliches Gefühl!
Besser läuft es da schon mit den Strukturen. Die Dienste auf der Arbeit sind klar eingeteilt. Müssen Dienste übernommen werden, wird dies mindestens eine Woche vorher schon angekündigt.
Auch der Tag verläuft strukturiert und klar.
Freispielzeit, Freispielzeitende, Morgenkreis, immer am gleichen Wochentag das gleiche Programm zu speziellen Themen (bspw. jeden Mittwoch Sport), Gartenzeit, Mittagessen, etc.). All das macht es mir einfacher so einen Tag in einem summenden und vibrierenden „Bienenhaus“ zu „ertragen“.
Es ist nicht einfach aber auch ich bin in der Lage zu lernen. Im Alltag entstehen immer wieder sehr viele interessante Arbeiten, da geht es ja nicht nur um die Betreuung der Kinder. Man hat – ganz klar – viel mit Kindern und Eltern zu tun, aber auch mit hauswirtschaftlichen oder handwerklichen Tätigkeiten. In der Küche beim Spülen kann ich bspw. prima abschalten.

Klar, manchmal kommt es zur kleineren Kommunikationsstörung zwischen meinen Kollegen und mir. Seltsamerweise aber nicht zwischen Kindern und mir. Gestiken und/oder Mimiken der Erwachsenen kann ich manchmal nicht richtig lesen und manche Metaphern nicht wirklich deuten.

Und nun zu den kleinen und großen Hilfestellungen im Alltag.
Auf der Arbeit komme ich durch die vielen Routinen und Strukturen und weil ich dort seit nunmehr 3 Jahren arbeite ganz gut zurecht. Da auf der Arbeit niemand von der Diagnose weiß, MUSS ich alleine klarkommen und habe mir die eine oder andere Strategie, um mein „Überleben“ zu sichern, überlegt.
Größere Probleme bereitet mir da schon das alltägliche Drumherum, also das was passiert, wenn ich meine Arbeit am Nachmittag verlasse.
Die Hausarbeit. Das Einkaufen. Und so weiter.
Hier brauche ich durch meinen Mann viele kleine aber auch große Hilfestellungen.
Große Hilfestellungen sind beispielweise die Hilfe beim Einkaufen, egal ob Lebensmittel im Supermarkt oder Kleidung in der Stadt. Alleine geht es nicht. Alleine vergesse ich die Hälfte, weil die Reizüberflutung mich überfordert oder kaufe viel zu viel ein.
Kleinere Hilfen sind für mich zum Beispiel das Aufschreiben der Tätigkeiten, welche im Haushalt an diesem Tag erledigt werden müssen. Sonntags machen wir immer einen Plan für die Woche, welchen ich dann unter der Woche abarbeite. Ohne Plan geht es nicht. Ohne Plan mache ich einfach gar nichts. Ohne Plan wäre unser Haus eine einzige Müllhalde, weil es ohne Plan immer „wichtigere“ Sachen zu tun gibt.

Diese Konstanz und Verlässlichkeit – sowohl auf der Arbeit als auch zu Hause durch meinen Mann – geben mir Sicherheit. Alles was unerwartet kommt, kann bei mir Stress und / oder Angst hervorrufen (umgeräumte Lebensmittel in Supermärkten zum Beispiel).

Oftmals wird behauptet, wir Autisten seien in der Arbeitswelt für den IT – Bereich besonders gut geeignet. Leider trifft dies auf mich so ganz und gar nicht zu. Mit Zahlen habe ich nichts am Hut und das mein PC funktioniert freut mich – sonst aber nichts.
Meine Begabung, mein Spezialinteresse, liegt in einem komplett anderen Gebiet. Elementarpädagogik. Bildung, Betreuung und Begleitung von Kindern im Alter von derzeit 3-6 Jahren.
Und es ist möglich diesen Beruf auszuüben. Wenn es ein Spezialinteresse ist und durch die vielen Strukturen, Sicherheiten und Hilfen im Alltag.

Vermutlich seltsam für viele Wissenschaftler – aber wahr!

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