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Individuelle Stärken, Schwierigkeiten und Hilfen im Arbeitsalltag

Für alle diejenigen die es noch nicht wissen sei gesagt: meine Arbeitsstelle weiß (bisher) noch nichts von meiner Asperger-Diagnose im Januar 2017 und ich weiß noch nicht, ob sie es jemals erfahren werden.

Es gibt viele Stärken, welche ich „mein Eigen“ nennen darf und die mir sehr hilfreich sind, um in der Arbeitswelt und meinem Beruf klarzukommen. Bei Mitarbeitergesprächen habe ich immer wieder gesagt bekommen, ich besäße eine gute Beobachtungsgabe. Vermutlich, weil ich eben mehr beobachte und weniger mit anderen Kollegen erzähle. Ich arbeite sehr sorgfältig. Oftmals wird dies von meinen Kollegen mit dem Satz „Du machst dir viel zu viel Arbeit.“ registriert. Doch so oft wie er gesagt wird, so oft verstehe ich ihn nicht, denn für mich ist das, was ich tue keine Arbeit. Und schon gar nicht viel zu viel. Im Arbeitsalltag arbeite ich zudem sehr detailgenau, bin verlässlich und habe ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Bei meinem Beruf ist das eines der Grundvoraussetzungen. Zudem bin ich loyal und bin der Meinung über eine sehr gute fachliche Qualifikation zu verfügen.
Natürlich gibt es im Arbeitsalltag immer wieder Schwierigkeiten, welche auch mich begleiten.
– Ich brauche länger als andere, bis ich die Abläufe im Betrieb und die sozialen Strukturen meiner Kollegen verstehe. Seit drei Jahren arbeite ich nun dort. Eineinhalb Jahre hat es gebraucht, bis ich zu 100% sagen konnte „Jetzt bin ich eingearbeitet. Jetzt verstehe ich alle sozialen Strukturen und kenne sämtliche Abläufe im Kindergarten.“
– In den Pausen ziehe ich mich nach wie vor an meine Lieblingsorte zurück, an welchen niemand anderes seine Pause verbringt. Sollte dort doch mal jemand sein, gehe ich an einen Ausweichort in der Einrichtung. Ingesamt gibt es vier Orte, an welchen ich meine Pause verbringen kann. Alleine. Finden meine Kollegen komisch, aber das ist mir egal.
– Brauche ich doch mal Unterstützung bei was auch immer fällt es mir nach wie vor nicht leicht, jemanden um Hilfe zu bitten. Oft werde ich von den Kollegen angesprochen und erhalte dann natürlich auch die benötigte Hilfe.
– Ob mein eher einzelgängerisches Verhalten immer so von meinen Kollegen verstanden wird, weiß ich nicht.
– Wird doch mal etwas intern verändert (neue Kollegin kommt in die Gruppe, oder, oder,…) bin ich meist erst einmal sauer bzw. rege ich mich darüber auf, doch kurze Zeit später bin ich dann doch eher verunsichert. Gut ist jedoch, dass ich auf der Arbeit immer rechtzeitig informiert werde, wenn sich etwas ändert. Dann habe ich genügend Zeit, mich darauf vorzubereiten und kann diese Veränderung dadurch viel besser bewältigen.

Was mir hilft:
– Seit neustem planen meine Kollegin und ich immer die kommende Woche. Dabei erstellen wir einen Tages-, bzw. Wochenplan, welcher einen Überlick über die geplanten Aktivitäten am jeweiligen Tag gibt. Wirklich sehr hilfreich!
Meine Ohren !
– Es gibt konstante Bezugspersonen, bzw. Personen welche ich bei Fragen oder Anliegen bevorzugt anspreche.
– Die Anweisungen in meinem Beruf sind grundsätzlich klar, deutlich und unmissverständlich. Untereinander kommunizieren wir klar und eindeutig.
– Es finden regelmäßig Teamgespräche statt, in welchen das Wichtigste besprochen wird.

Vom Patentrezept und den vielen Strukturen, Sicherheiten und Hilfen im Alltag

Jeder Autist ist ein Einzelfall. Jeder. Kennst du den Autisten links neben dir – dann kennst du diesen. Derjenige, welcher rechts von dir steht ist wieder ganz anders!

Es gibt kein Patentrezept

Es gibt keine Anleitung, keinen Plan, welchem man im Umgang mit mir folgen könnte. Und hat sich mein Mann gerade mal wieder einen neuen Plan zurechtgelegt, schmeiße ich ihn garantiert um (RW). Auch die Wissenschaftler und Ärzte sind sich einig – es gibt kein Patentrezept.

Für mich ist der richtige Weg im Alltag eine Mischung aus Strukturen, Sicherheiten und vielen kleinen und etwas größeren Hilfestellungen.
Als ich noch in die Schule ging und später meinen schulischen Teil der Ausbildung absolvierte, saß ich immer ganz vorne. Gruppenarbeiten gab es natürlich auch bei mir, schließlich besuchte ich eine Regelschule. Doch meist übernahm ich den Hauptteil der kognitiven und schriftlichen Arbeiten. Die Aufgabe meiner Gruppenkollegen bestand darin, das was ich geschrieben hatte den anderen vorzustellen. Denn das war das letzte was ich tun wollte. Bei Gesprächen, ob mit Freunden oder Lehrern, schaute ich meinem Gegenüber grundsätzlich auf die Nasenwurzel oder auf den Mund. In meinen Händen befand sich meist mein geliebter kleiner Puzzelball aus Radiergummi.

Strukturen, Sicherheiten, kleine und große Hilfestellungen

Im Alltag hilft es mir sehr viel mich vorzubereiten. Mittlerweile geschieht dies intuitiv vor Gesprächen. Immer und immer wieder lasse ich Sätze durch meinen Kopf gleiten, die ich meinem Gegenüber sagen könnte. Ich überlege mir mögliche Gesprächsszenarien, wie genau das Gespräch ablaufen könnte. All das bietet mir keine 100%, aber wenigstens ein wenig Sicherheit, mit welcher ich souveräner in ein Gespräch gehen kann. Planbarkeit – vor allem bei Gesprächen – ist definitiv meine erste Wahl, doch in meinem Beruf leider nicht immer möglich. Kann ich mich vorher nicht wenigstens eine halbe Stunde darauf vorbereiten, (bspw. bei Aufgabenstellungen bei Fortbildung, bei welchen man innerhalb von 2 Minuten eine Antwort parat haben muss) zerspringt mein Herz gefühlt in meiner Brust. Mir wird superheiß und mein Herz donnert gegen mein Inneres. Ein scheußliches Gefühl!
Besser läuft es da schon mit den Strukturen. Die Dienste auf der Arbeit sind klar eingeteilt. Müssen Dienste übernommen werden, wird dies mindestens eine Woche vorher schon angekündigt.
Auch der Tag verläuft strukturiert und klar.
Freispielzeit, Freispielzeitende, Morgenkreis, immer am gleichen Wochentag das gleiche Programm zu speziellen Themen (bspw. jeden Mittwoch Sport), Gartenzeit, Mittagessen, etc.). All das macht es mir einfacher so einen Tag in einem summenden und vibrierenden „Bienenhaus“ zu „ertragen“.
Es ist nicht einfach aber auch ich bin in der Lage zu lernen. Im Alltag entstehen immer wieder sehr viele interessante Arbeiten, da geht es ja nicht nur um die Betreuung der Kinder. Man hat – ganz klar – viel mit Kindern und Eltern zu tun, aber auch mit hauswirtschaftlichen oder handwerklichen Tätigkeiten. In der Küche beim Spülen kann ich bspw. prima abschalten.

Klar, manchmal kommt es zur kleineren Kommunikationsstörung zwischen meinen Kollegen und mir. Seltsamerweise aber nicht zwischen Kindern und mir. Gestiken und/oder Mimiken der Erwachsenen kann ich manchmal nicht richtig lesen und manche Metaphern nicht wirklich deuten.

Und nun zu den kleinen und großen Hilfestellungen im Alltag.
Auf der Arbeit komme ich durch die vielen Routinen und Strukturen und weil ich dort seit nunmehr 3 Jahren arbeite ganz gut zurecht. Da auf der Arbeit niemand von der Diagnose weiß, MUSS ich alleine klarkommen und habe mir die eine oder andere Strategie, um mein „Überleben“ zu sichern, überlegt.
Größere Probleme bereitet mir da schon das alltägliche Drumherum, also das was passiert, wenn ich meine Arbeit am Nachmittag verlasse.
Die Hausarbeit. Das Einkaufen. Und so weiter.
Hier brauche ich durch meinen Mann viele kleine aber auch große Hilfestellungen.
Große Hilfestellungen sind beispielweise die Hilfe beim Einkaufen, egal ob Lebensmittel im Supermarkt oder Kleidung in der Stadt. Alleine geht es nicht. Alleine vergesse ich die Hälfte, weil die Reizüberflutung mich überfordert oder kaufe viel zu viel ein.
Kleinere Hilfen sind für mich zum Beispiel das Aufschreiben der Tätigkeiten, welche im Haushalt an diesem Tag erledigt werden müssen. Sonntags machen wir immer einen Plan für die Woche, welchen ich dann unter der Woche abarbeite. Ohne Plan geht es nicht. Ohne Plan mache ich einfach gar nichts. Ohne Plan wäre unser Haus eine einzige Müllhalde, weil es ohne Plan immer „wichtigere“ Sachen zu tun gibt.

Diese Konstanz und Verlässlichkeit – sowohl auf der Arbeit als auch zu Hause durch meinen Mann – geben mir Sicherheit. Alles was unerwartet kommt, kann bei mir Stress und / oder Angst hervorrufen (umgeräumte Lebensmittel in Supermärkten zum Beispiel).

Oftmals wird behauptet, wir Autisten seien in der Arbeitswelt für den IT – Bereich besonders gut geeignet. Leider trifft dies auf mich so ganz und gar nicht zu. Mit Zahlen habe ich nichts am Hut und das mein PC funktioniert freut mich – sonst aber nichts.
Meine Begabung, mein Spezialinteresse, liegt in einem komplett anderen Gebiet. Elementarpädagogik. Bildung, Betreuung und Begleitung von Kindern im Alter von derzeit 3-6 Jahren.
Und es ist möglich diesen Beruf auszuüben. Wenn es ein Spezialinteresse ist und durch die vielen Strukturen, Sicherheiten und Hilfen im Alltag.

Vermutlich seltsam für viele Wissenschaftler – aber wahr!

Sensorischer Bereich

Jeder einzelne Sinn verfügt über die Anlage zur Verfeinerung. Ohne die Umwelt und entsprechende Anreize um einen herum gäbe es keine Sensibilisierung . Stattdessen würde eine gewisse Einseitigkeit, Verflachung und eine dadurch entstehende Verkümmerung der sinnlichen Wahrnehmung herbeigeführt werden. Auch Reizüberflutungen – so wie wir sie ständig oder öfter haben – beeinträchtigen die Sinne. Sie sind dann nicht mehr zu genauen Differenzierungen fähig.

Von außen kommende Reize werden von den Sinneszellen des Menschen aufgenommen und umgeformt. Die Sinneszellen befinden sich an festgelegten, unveränderlichen Stellen in der Großhirnrinde im Gehirn des Menschen. Ankommende Reize werden an diese durch chemisch und elektrisch stattfindende Vorgänge weitergeleitet.

Die Wahrnehmung erfolgt über verschiedene Sinne:
– sehen (optische,visuelle Wahrnehmung)
– hören akustische, auditive Wahrnehmung)
– fühlen (taktile, haptische Wahrnehmung)
– riechen (olfaktorische Wahrnehmung)
– schmecken (gustatorische Wahrnehmung)
– spüren der Bewegung (kinästhetische Wahrnehmung)

Menschen wie ich, die im Autismus-Spektrum liegen, haben die gleiche Ausstattung wie andere Menschen die nicht im Spektrum liegen. Unser Gehirn sammelt und verarbeitet genauso wichtige Informationen über sein Umfeld, jedoch ist die Toleranz der Eigenwahrnehmung der Reize eine andere. Das Gehirn hat Schwierigkeiten, die Reize zu sammeln, zu filtern und zu verarbeiten und dadurch entsteht eine Über- oder Unterempfindlichkeit, welche dazu führt, dass die Impulse, die das Gehirn erreichen, entweder zu stark oder zu schwach sind. Oftmals können sie daher vom Gehirn erst gar nicht erkannt werden. Das hat oftmals falsche Reaktionen zur Folge.

Wie nehmen autistische Menschen von außen kommende Impulse wahr?

SEHEN – Menschen im Autismus-Spektrum können Wissenschaftlern zufolge einen besonders entwickelten Sehsinn haben und Gegenstände aus dreifach größerer Entfernung sehen, als nicht-autistische Menschen. Sie haben auch die Fähigkeit, Gegenstände klar zu erkennen, die vor Hintergründen mit komplizierten Mustern platziert wurden oder gleiche Dinge wiederzuerkennen. Stichwort Detailwahrnehmung. Ich richte meinen Blick oft auf Linien, Ecken, Muster, kleine Blütenblätter, Steinchen, etc. – auf die kleinsten Details eben. Das große Ganze, das Bild ansich, wird dadurch für mich unsichtbar.

HÖREN – Der Hörsinn von Autisten kann entweder über- oder unterempfindlich sein. Ich gehöre zu denjenigen, die sehr gut hören, und fliehe oft vor akustischen Reizen, indem ich mir z.B. die Ohren zuhalte, summe oder gänzlich den Raum verlassen, um die vielen Geräusche um mich herum zu übertönen. eine weitere große Hilfe bieten mir meine „Ohren„.

FÜHLEN – Viele Autisten im Autismus – Spektrum möchten nicht gerne berührt oder umarmt werden. Auch häufiges Wechseln der Kleidung, dass Kämmen der Haare oder das Waschen fällt vielen nicht leicht. Berührungen werden oftmals als unangenehm bis schmerzlich empfunden. Doch manche Autisten empfinden hier das Gegenteil und können bei bestimmten Berührungen richtig abschalten und entspannen. Ist die Wahrnehmung eher schwach ausgeprägt, erzeugen manche Autisten die Reize selbst indem sie sich beißen, schlagen oder kratzen. Dies geschieht bei mir vor allem dann, wenn ich mich gerade in einem Overload, Shutdown oder Meltdown befinde. In solchen Momenten fühle ich keinen Schmerz und habe den inneren Antrieb mir selbst welchen zuzufügen, damit ich „den Weg zurück“ wiederfinde …

RIECHEN – Die Geruchswelt ist eine vielfältige und gerade dort, wo viele Menschen aufeinander treffen, sammeln sich viele unterschiedliche Gerüche. Umgebungsgerüche, Blumen, Rauch, Abgase, Seife, Shampoo, Essensgerüche, Feuchtigkeit, Waschmittel, Parfüm, der individuelle Geruch von Kleidung und Schuhen – um nur einige wenige zu nennen – sind starke Reize, welche alle im selben Moment auf mich einprasseln. Ist es zu viel, löst dies bei mir Kopfweh und Abgeschlagenheit aus. Meist bin ich dann unfähig „weiterzumachen“ und möchte einfach nur noch nach Hause.

SCHMECKEN – Schmecken, ein ganz heikles Thema. Viele Autisten haben Schwierigkeiten mit den Konsistenzen oder dem Geschmack der Nahrungsmittel. So auch ich und daher werden bestimmte Nahrungsmittel von mir entweder völlig abgelehnt oder ich esse diese exzessiv. An erster Stelle für „exzessiv“ stehen bei mir ganz klar saure Gurken. Ein Glas schaffe ich in zwei, maximal drei Tagen. Käse umfasst den Hauptbestandteil meiner Nahrung. Nudeln mag ich überhaupt nicht und so weiter …

FAZIT

Nur wenige Menschen und nur Menschen aus meinem nahen Umfeld wissen von meiner Asperger – Diagnose. Daher stoße ich im Alltag oft mit meinem Verhalten auf Unverständnis anderer Erwachsener. Ich selbst hingegen wundere mich sehr oft darüber, warum andere Erwachsene lachen, weinen oder manche Gesten und Tätigkeiten ausüben. Dadurch entsteht zwischen mir und „den Anderen“ eine Mauer. Ich bleibe in MEINER Welt, wundere mich, ertrage es, aber sage nicht weiter. In meinem Alltag wünsche ich mir einfach nur Routinen, Sicherheit und keine unvorhergesehenen oder ungeplanten Ereignisse.
All das ist Gott sei Dank bei meiner Arbeitsstelle und auch bei mir zu Hause gegeben. Natürlich gibt es immer mal wieder kleinere Veränderungen, aber damit komme ich soweit zurecht solange „das große Ganze“ im Rahmen und in Fluss bleibt.

Meine „Ohren“

Ich arbeite Vollzeit in einem Kindergarten.
Dort ist es oft laut und anstrengend.
So laut, dass es manchmal kaum auszuhalten ist.
Während und kurz nach meiner Ausbilung empfand ich das noch nicht als all zu schlimm – einfach deshalb, weil ich gerade während meiner Ausbildung nicht täglich in einem Kindergarten war. 2015 trat ich dann meine erste richtige Stelle an, allerdings nur auf einer 3/4 Stelle. Auch das war noch ok, nicht zuletzt deshalb, weil es eine kleine Einrichtung mit drei geschlossenen Gruppen war.
2016 wechselte ich dann in eine große KiTa. 120 Kinder, ingesamt sechs Gruppen, offenes Konzept. Und dort fing es dann an.
Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, das Gefühl nach der Arbeit nichts mehr tun zu können und zu wollen, all das wurde immer stärker – doch ich wusste nicht warum.
Als ich Anfang 2017 dann meine Diagnose erhielt, hatte ich endlich eine Antwort auf mein Problem, dass die Lautstärke auf der Arbeit scheinbar nur mich so belastete.
Doch was tun?
Job kündigen, weiter ertragen und daran kaputt gehen? Oder doch etwas ganz anderes?
Ich entschied mich für die dritte Variante: Etwas ganz anderes tun, da ich weder meinen Job kündigen (Spezialinteresse) noch daran kaputt gehen wollte.
Auf die eigentliche Idee brachte mich meine Mutter:“Dann mach‘ dir doch Oropax in die Ohren.“ sagte sie damals. Tat ich auch, doch die waren unbequem und total unpraktisch. Sie machten leise. Leider alles. Auch das, was meine Kollegen und die Kinder sagten. Nicht so gut in meinem Beruf.
Eine weitere Idee hatte mein jetziger Mann. Er schlug mir vor, zu einem Hörgeräteakustiker zu gehen. „Hörgeräte?“ dachte ich erst, weil taub bin ich ja nicht. Doch dort gibt es nicht nur Hörgeräte, sondern auch angepasste „Stöpsel für die Ohren“, welche die Fähigkeit besitzen, störende Nebengeräusche zu filtern und nur die Sprache durchzulassen.
Also ließ ich mir so „Dinger“ einmal anfertigen und war gespannt, ob dies die Lösung meines „Problemes“ war.
Wenige Wochen nachdem der Abdruck gemacht worden war, hielt ich sie endlich in den Händen – und war von Anfang an begeistert. Sie sind an meine Ohrmuschel angepasst, was es auf jeden Fall erträglicher macht, sie zu tragen. Ich spüre sie immernoch – ganz an dieses zweite Ohrenpaar gewöhnen werde ich mich wohl nie.
Doch das lässt sich ertragen im Hinblick darauf, was sie mir ermöglichen: Ich kann meinem Spezialinteresse nachgehen und meinen Traumberuf ausüben ohne körperlich und seelisch daran zu zerbrechen.
Denn hätte ich „meine Ohren“ nicht, würde ich schon lange nicht mehr arbeiten!

Vorurteile, Alltag, unsichtbar …

Wer gut kompensieren kann, fällt nicht auf.
Wer nicht auffällt, hat augenscheinlich und gerade für den Blick der allgemeinen Gesellschaft, keine Probleme.

Wer keine Probleme hat, oder vielmehr keine Probleme zeigt, ist „normal“.

Was aber wirklich in einem Menschen los ist, was passiert, wenn …, wie viel Kraft es diesen Menschen kostet, tagtäglich über viele Stunden hinweg zu kompensieren, dass sieht niemand. Meine Arbeit spielt für mich UND ist mein Spezialinteresse. Das ist ein großer Vorteil. Denn ich arbeite als Erzieherin in einem Kindergarten. Hier gibt es Regeln, Strukturen, eine Linie, welche sich durch den Alltag, den Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresverlauf zieht. Termine werden rechtzeitig angekündigt, manchmal schon ein Jahr im Voraus. Das heißt, ich weiß genau wann was passiert. Wenn etwas geschieht, dass unvorhergesehen kommt, kann ich es viel besser einplanen wie wenn mein Berufsalltag ohnehin chaotisch wäre.

Nun werden viele sagen „Strukturen sind ja noch lange nicht alles. Was ist mit den Geräuschen, dem vielen Lärm in so einer Einrichtung?“ Dafür habe ich meine „Stöpsel für die Ohren“, einfach nur „Ohren“ genannt. Aber darüber berichte ich in einem anderen Beitrag.

Wenn ich irgendjemanden von meinen Kollegen fragen würde ob sie finden, dass ich „anders“ bin, würde dies vermutlich niemand bejaen. Generell ist mir aufgefallen, dass über uns Menschen im Autismus – Spektrum scheußliche Ansichten kursieren. Als autistisch gilt ein Mensch hier wohl NUR, wenn er auch alle typischen autistischen Zeichen zeigt. Nicht in die Augen schauen beispielsweise. Kann man das (scheinbar – ich schaue generell immer auf den Mund oder auf die Nase. Das wirkt so, als ob ich in die Augen schauen würde) doch, ist man nicht autistisch. An dieser Stelle sei kurz gesagt: Es ging hier nicht um mich. Niemand auf meiner Arbeit weiß, dass ich im Autismus – Spektrum liege. Die Welt anders sehe. Aspi bin.

So gibt es viele und noch einige andere befremdliche Ansichten. Wenn ich hier heute sagen würde, dass ich das Asperger – Syndrom habe, meine Welt ein bisschen anders aussieht, ich deshalb so „still“ bin, viel und gut beobachte und meine Pause immer alleine (und ritualisiert [zuerst wird der Joghurt gegessen und dann das Ei,…] verbringe, würden ALLE aus allen Wolken fallen (Sprichwort) und mir vermutlich nicht einmal glauben, weil … ich kann ja in die „Augen schauen“. Wohin ich wirklich blicke sieht und weiß keiner !

Und das ist der Grund, warum ich vermutlich für immer „unsichtbar“ bleiben werde und mein Leben so lebe und gestalte, wie es für mich am Besten ist.

Wie es für mich am erträglichsten ist.

Diagnose im Bereich Autismus-Spektrum – Ja oder nein? – Gedanken

Lange habe ich gebraucht, um darüber endlich schreiben zu können.
Bereits im Januar 2017 wurde ich an der Uniklinik Köln diagnostiziert, doch erst jetzt finde ich Worte dafür.

Irgendwas ist anders – aber was?

Vor der Diagnose habe ich lange mit mir gehadert. Was stimmt nicht mit mir? Warum bin ich so anders als meine Klassenkameraden in der Schule? Warum mag ich keine Partys? Warum hasse ich Menschenmengen? Warum rede ich nicht gerne mit fremden Menschen? Warum bin ich am liebsten alleine in meinem Zimmer? Warum klappt es mit den Freunden nicht? Fühlen und sehen andere Menschen auch Wellen? Warum esse ich immer dasselbe und WARUM stört das andere Menschen? Woher kommen diese ganzen Wutausbrüche? Warum sage ich Dinge, die ich gar nicht sagen will?

Viele Fragen schwirrten mir im Kopf herum, als ich mit 13 Jahren begriff, dass das was ich mache, tue und sage nicht dem Standart der Jugend entspricht. Ich fühlte mich anders, ich war anders und wurde auch von anderen als anders wahrgenommen. Warum? Darauf konnte mir niemand eine Antwort geben. Bis ich mit 20 Jahren (im Jahr3 2013) die Aufgabe erhielt, mir ein Thema für meine Facharbeit auszusuchen. Es zog mich zu dem Lernfeld „Besondere Bedürfnisse – Unterschiedlichkeit und Vielfalt leben“ hin und schnell fand ich auch ein Thema in diesem Bereich: „Soziale Integration von Kindern mit Autismus in einen Kindergarten mit Hilfe von Alltagsritualen.“ Schnell stellte ich fest, dass vieles, was ich dort niederschrieb auch auf mich zutraf. Ich lernte mich zum ersten Mal richtig kennen und wusste auf einmal Antworten auf meine so zahlreichen Fragen.

Ohne Diagnose Sicherheit gewinnen – geht das?

Eine ungefähre Orientierung – ob ja oder nein – erhielt ich damals durch einen ersten Online Test. Natürlich war mir klar, dass ein Online-Test keine gesicherte Diagnose eines Psychiaters ersetzt, aber er kann ein entscheidender Wegweise sein. =>http://rdos.net/eng/Aspie-quiz.php
Nachdem ich über Wochen und Monate hinweg immer mal wieder solche Tests durchführte und immer ähnliche Ergebnisse herauskamen entschloss ich mich, mich in einem Forum für Menschen aus dem Autismus-Spektrum anzumelden. Ich erhielt nun die Möglichkeit, mich mit anderen Autisten auszutauschen, konnte über das Leben im Autismus-Spektrum lesen und fing an, mich immer besser zu verstehen und zu akzeptieren.
Irgendwann aber kam der Wunsch auf, es „richtig“ wissen zu wollen. Zu erfahren, ob ich mit meiner Vermutung wirklich richtig lag. Meine Mutter war da leider anderer Meinung: „Du brauchst keine Diagnose, um autistisch zu sein. Du weißt doch selbst am besten, wer du bist. Niemand anderes kann einem das sagen. Auch kein Psychiater.“ Natürlich sind wir alle indivuell, haben andere Wünsche, Vorstellungen und Ideen. Aber manchmal gibt es da eben diese eine Person, die es genauer wissen will.

Doch eine Diagnose wurde zunächst einmal verschoben mangels entsprechender Hilfe.

Diagnose? – Diagnose !

Natürlich hat eine Diagnose, wie so viele andere Sachen auch, Vor- und Nachteile.

Vor der Diagnose wog ich natürlich nicht ab, ob diese sinnvoll ist oder nicht. Ich wollte es einfach wissen. Und so kam es schlussendlich auch zu einer – im Jahre 2016/2017. Also ganze drei Jahre nach meiner ersten Selbstdiagnose.

Grund dafür war zum einen, dass es da auf einmal jemanden gab (siehe auch Aspi und NT) der sich für mich interessierte und mir helfen wollte. Zum anderen kam ein weiterer wichtiger Aspekt in Betracht: Ich konnte einfach nicht mehr. Mit dem ständigen Versuch, “neurologisch typisch” zu wirken und vor allem zu sein (was in meinem Job besonders wichtig ist), war ich mehr und mehr überfordert von dieser Situation. Ebenso war ich ausgelaugt, kaputt, müde. Bisher habe ich, ein Jahr nach der Diagnose – nur ein Hilfsmittel zur Unterstützung zur Bewältigung meines Alltages erhalten – meine zweiten Ohren. Leider musste ich feststellen, dass ich auch mit Diagnose nicht die Unterstützung erhalte, welche ich mir im Nachhinein erhofft hatte.

Fazit

In erster Linie strebte ich ein gesichters Wissen an. Ich wollte nicht mein Leben damit verbringen zu ahnen, dass ich autistisch sein könnte. Ich wollte wissen ob ich mich irre oder richtig liege. Das war der Hauptgrund der Diagnose.

Nebenbei auftretender Grund war die mögliche Inanspruchnahme diverser Hilfen die bis dato noch nicht sehr weit gediehen sind. Ein Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis wurde abgelehnt – lediglich 30% gestanden sie mir zu, OHNE zu wissen, wie mein Leben tatsächlich abläuft. Aber hier ist der Kampf noch nicht verloren.
Vor einer Diagnose sollte auf jeden Fall überlegt, welche Unterstützung man braucht und wie bzw. woher man sie bekommen kann. Dann kann man darüber nachdenken, ob eine Autismus-Spektrum-Diagnose dafür unbedingt nötig ist oder ob einem die Selbstdiagnose reicht.

Und wem die Selbstdiagnose nicht reicht, der kann sich natürlich diagnostizieren lassen.

Bereut habe ich es bisher nicht – im Gegenteil – ich habe mich und mein Verhalten besser verstehen und lieben lernen können.

Wer Interesse an meiner Facharbeit hat – über Amazon ist sie erhältlich:

Facharbeit „Soziale Integration von Kindern mit Autismus“ Amazon-Link

Anpassung?!

„Es ist fast immer klüger, sich den Vorstellungen anzupassen, welche die Menschen von uns haben, als ihnen ihre Illusion zu nehmen.“ *Sigmund Graff*

Doch genau das tun wir. Tag für Tag, immer wieder aufs Neue rauben wir unseren Mitmenschen die Illusion. Indem wir uns nicht so gut oder schnell anpassen können und wollen.

Anpassen, Anpassung – was ist das und wenn ja, wie funktioniert das? So ein bisschen habe ich herausgefunden, wie das mit der Anpassung funktioniert. Bei mir läuft das in etwa so ab: Zuhören. Nicken. Lächeln. „Wie bitte?!“ denken. Denn anders funktioniert es bei mir nicht. Vom „Fragen-nicht-Versteher“ bin ich nach und nach zum Mitläufer mutiert. Aber nur auf der Arbeit, denn da bietet mir das „Mitlaufen“ eine gewisse Sicherheit. Ich habe mir abgeguckt wie ich gucken muss, habe mir abgehört, was ich sagen muss und wann ich besser den Mund halte. Habe mir abgeguckt wie ich wann zu reagieren habe. So klappt das mit der Anpassung – in diesem Gebiet. Doch scheinbar bin ich nicht mehr angepasst, wenn ich nicht zugreife, wenn ein Kollege Geburtstag hat, weil ich nur bestimmte Sachen esse. Wenn ich mich bei Fortbildung in die Küche verkrümel anstatt mit den anderen an der Tafel zu dinieren und mich über sinn- und belanglose zu unterhalten. Denn fann ernte ich immer komische Kommentare und blicke. Scheinbar bin ich auch dann nicht angepasst, wenn ich mit niemandem etwas unternehmen will. Und auch mein exzessiver Sport zählt wohl nicht zu der Art „Anpassung“ die sich die anderen Menschen wünschen. Ich passe mich an – nach meinem Regeln und Möglichkeiten. Aber ich stehe trotzdem immer ein wenig außerhalb des Geschehens. Weil ich in den Augen der Anderen nicht angepasst genug bin in ihre Welt.

Jeden Tag raube ich Kollegen und anderen Menschen ihre Illusion. Wenn ich nicht wie erwartet reagiere oder meinen Partner für mich sprechen lasse.

Warum soll es klüger sein, sich den Vorstellungen anzupassen? Ich glaube, die Menschen lassen einen eher in Frieden, wenn man sich ihnen anpasst. Dann fällt man nicht so auf in der breiten Masse.

Doch wenn man diesen akrobatischen Akt der Anpassung nicht schafft, bleibt man mit seinem „andersartigen“ Verhalten immer Zielscheibe der breiten, langweiligen, angepassten Gesellschaft.

Manchmal ist es Segen, manchmal Fluch, aber trotzdem bin ich stolz darauf, Asperger – Autist zu sein, anders zu denken, zu fühlen, mehr zu sehen und wahrzunehmen – auch wenn das mit der Anpassung irgendwie nicht klappen will. Aber vielleicht soll es ja auch gar nicht klappen? Vielleicht erfüllen wir, die sich nicht anpassen können, einen ganz wichtigen Zweck in diesem / unserem Leben? Vielleicht sind wir es, die dem Leben – nicht nur unserem sondern auch dem der Anderen – mehr Farbe und Besonderheit geben?