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Schreibkompetenz als Spezialinteresse

Wie in meinem Blogbeitrag Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes bereits beschrieben, liebe ich es und kann mich schon immer besser schriftlich als mündlich ausdrücken. Wer seine Vorliebe im mündlichen Bereich findet, d.h. lieber von Angesicht zu Angesicht erzählt und sich auch adäquat ausdrücken und dabei mit Satzteilen jonglieren kann, der verfügt möglicherweise über eine gewisse sprachliche Kompetenz bzw. Fähigkeit. Wer allerdings lieber schreibt und im Allgemeinen schriftlich unterwegs isst, Schachtelsätze und neue Welten erschaffen kann, der könnte von sich behaupten, sich eine Schreibkompetenz angeeignet zu haben, welche über die normale Normalität hinausgeht. Aber was genau ist eigentlich Schreibkompetenz? Und warum schreibe ich einen Blog darüber?

Wie in der Überschrift vermutlich ersichtlich wird, zählt diese Form des schriftsprachlichen Umgangs seit einigen Monaten zu einem meiner Spezialinteressen. Es fing langsam an, zunächst mit dem – bereits seit der Kindheit bestehenden – Wunsch, unendlich viel zu Lesen. Das begründet auch die in „Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes“ genannte Bücherzahl, welche sich in meinem Bücherregal angesammelt hat. Zudem interessierte ich mich schon immer für Zitate und Sprüche und fing irgendwann an, selbst welche zu kreieren. Immer aus Situationen heraus, aus Gedanken, welche mich beschäftigten und in meinem Kopf hängen blieben. Ich fing an, immer mehr zu lesen – auch wissenschaftlichere Bücher wie bspw. „Erkenne die Welt“ von Richard David Precht, in welchem es um die Geschichte der Philosophie geht. Auf dem Klappentext des Buches findet sich folgendes Zitat „Lesen ist denken mit einem fremden Gehirn. Doch das Gelesene zu verarbeiten, ist ein fortwährender Dialog mit uns selbst. Was lockt, ist die Aussicht, intelligenter über die Welt nachdenken zu können als zuvor.“
Je mehr ich las, desto tiefer verschwand ich in der Welt der Schriftsprache – in eine Welt aus unzähligen Buchstaben, Punkten, Ausrufezeichen und Kommata – in eine Welt in der ich mich wohl fühlte, in der ich aufblühte – in eine Welt in die ich immer tiefer eindringen wollte. Und das ist mir auch gelungen – sofern ich dies von mir behaupten kann. Neulich zeigte ich meiner Chefin meine Zielvereinbarung – Lerngeschichten der Kinder. Viiiiel zu viel geschrieben, war die Reaktion. Das können wir nicht leisten – zumal mehr als die Hälfte des Teams Deutsch nicht als Muttersprache besitzt. Aber sie freue sich, so etwas auch einmal in Händen zu halten und bewundere mein großes Wissen bezüglich der deutschen Sprache und des Verfassens von diversen Texten – und seien es bloß die weniger wissenschaftlichen Lerngeschichten der Kinder. Ich liebe es einfach zu formulieren …

Kommen wir nun zum ersten Teil der Überschrift des Blogs: Was genau ist Schreibkompetenz eigentlich? Da ich dies mit eigenen Worten eher mangelhaft erklären könnte, bediene ich mich an dieser Stelle der Informationen der Internetseite der Universität Bamberg:   Schreibkompetenz UNI Bamberg

  1. Schreibkompetenz

„Mit dem Begriff bezieht man sich im Allgemeinen auf die Fähigkeit, komplexe sprachliche Äußerungen bzw. Texte so zu verfassen, dass sie über Raum und Zeit prinzipiell für andere und einen selbst lesbar sind. […] Schreibkompetenz ist demnach ein wesentlicher Aspekt von Sprachkompetenz im Medium der Schrift.“ Diese setzt sich aus verschiedenen sprachlichen Teilfähigkeiten zusammen. „Um Teilfähigkeiten genauer zu beschreiben, orientiert man sich häufig an Schreibprozessmodellen“ (Krelle 2013, 326 f.).

Unter einer voll ausgebildeten Schreibkompetenz versteht man die Fähigkeit, einen Text abstrahiert vom Hier und Jetzt, über die unmittelbare Schreibzeit und den Schreibort hinaus und entsprechend einer Schreibfunktion prinzipiell für jedermann lesbar zu verfassen (vgl. Ossner 1995) und damit verschiedene Funktionen der Schriftlichkeit zu realisieren. Diskutiert wird Schreibkompetenz vor allem in Zusammenhang mir den (z.T. enttäuschenden) Ergebnissen aus empirischen Studien, d.h. in Bezug auf Interventionsmöglichkeiten; so erörtert z.B. Schäfer (2009) Möglichkeiten der Erfassung von “Schreibschwierigkeiten“ bei Hauptschüler/-innen. Die neuere Forschung betont aber viel grundsätzlicher, dass neben „Textwissen“ (Formen des Schreibens, Textsorten) auch „Schreibbewusstsein“ gebraucht wird (vgl. Berning 2011); dieses umfasst neben einer Reflexion von Schreibzielen und der Möglichkeit/Bereitschaft zur Textverbesserung vor allem eine metakognitive Komponente, nämlich die Fähigkeit zur (Selbst-)Beobachtung und damit Steuerung des gesamten Prozesses (vgl. Berning 2011, 12).

 

Schreibkompetenzmodelle

Modelle der Schreibkompetenz beruhen auf der Idee, dass hierfür unterschiedliche Teilkompetenzen nötig sind, die vom Schreiber sukzessive entwickelt, ausgebaut oder in eine bestehende Kompetenz integriert werden (vgl. Münch 2006). Unstrittig ist, dass Schreibkompetenz Wissen voraussetzt (z.B. über das Schreibmedium, die Rechtschreibung, die Lexik, das Thema usw.) Verschiedene Wissenstypen werden dabei differenziert (vgl. Becker-Mroczek/Schindler 2008):

  • Deklaratives Wissen (Wissen über Sachverhalte, z.B. Fakten und Begriffe)
  • Problemlösewissen (Wissen über Problemlösestrategien)
  • Prozedurales Wissen (Entlastung beim Schreibprozess durch Automatisierung von Schreiboperationen)
  • Metakognitives Wissen (Überwachung und Kontrolle selbstgesteuerter Lernprozesse)

Fix unterstützt diese Unterteilung der Wissenstypen generell. Er versteht die Schreibkompetenz des Weiteren „als die Fähigkeit,

  1. a)    pragmatisches Wissen,
  2. b)    inhaltliches Wissen,
  3. c)     Textstrukturwissen und
  4. d)    Sprachwissen

in einem Schreibprozess so anzuwenden, dass das Produkt den Anforderungen einer (selbst- oder fremdbestimmten) Schreibfunktion (z.B. Anleiten, Erklären, Unterhalten) gerecht wird“ (Fix 2008, S.33)

Damit schließt Schreibkompetenz folgende Teilkompetenzen ein:

  • Planungskompetenz (Textentwicklung: von eigenem Wissen zu differenzierter Nutzung externer Wissensspeicher, z.B. Internet, Lexika)
  • Formulierungskompetenz (Entwicklungsprozess sprachlicher Struktur- und Ausdrucksformen)
  • Überarbeitungskompetenz (Überarbeitungshandlungen, z.B. orthographische Korrekturen)
  • Ausdruckskompetenz (z.B. Textsortenspezifität, Adressatenbezug)
  • Kontextualisierungskompetenz (Textverständnis durch Kontextualisierung)
  • Antizipationskompetenz (Entwicklung von Ichbezogener Textwahrnehmung zu einem erweiterten, generalisierten Adressatenbezug)
  • Textgestaltungskompetenz (Entwicklungstendenzen von assoziativ-reihender Textgestaltung zu schema- oder textsortengestalteter Textordnung) (vgl. Pohl 2014, 114 ff.).

Dabei besteht eine enge Beziehung von Schreiben und Denken im Erfinden und Verknüpfen, im Urteilen und Schließen sowie im Erinnern.

 

Schreibkompetenz erwerben: die Entwicklungsperspektive

Verschiedene Studien – beispielsweise DESI – zeigten, dass die Entwicklung von Schreibfähigkeiten (Sprach-, Wortschatz- und Syntaxentwicklung) abhängig vom Schreibinteresse, von sozialen Faktoren, Lebensalter und Rückmeldung durch geeignete Leser erfolgt. Hierbei folgen auf erste „literacy events“ und Einsichten in das Symbolsystem Schrift vielfältige Erfahrung mit Schreiben als Handeln.
Die allmähliche Entstehung von Fähigkeiten im narrativen (erzählenden), deklarativen (aufweisenden) und argumentativen (erörternden) Schreiben wird als Textkompetenzerwerb bezeichnet. Eine Längsschnittstudie von Augst et al. 2007 befasste sich mit der Entwicklung von 39 Kindern von der 2.-4. Klasse, in Bezug auf deren Fähigkeit Texte im Rahmen verschiedener kommunikativer Anforderungen zu schreiben.  Aufgabe dieser Kinder war es, je einen Text in fünf Textsorten zu verfassen. Die Auswertung erfolgte in drei Schritten:

  1. Einordnung der Textexemplare in Stufenmodelle
  2. Untersuchung der Veränderungen sprachlicher Merkmale (z.B. Textrahmungselemente, Grammatik, Textlänge)
  3. Untersuchung der Veränderung textsortenspezifischer Aspekte

Die zentralen Erkenntnisse der Längsschnittstudie ergaben, dass von Anfang an textsortenspezifische Schreibleistungen bzw. sprachliche Merkmale feststellbar waren. Innerhalb der nächsten Entwicklungsstufe konnten bereits textsortenspezifisch gewählte Textgenerierungsmechanismen unterschieden werden (z.B. spezifische Wahl von möglichen Textbausteinen; vgl. August et al. 2007)

Zum Erwerb von Text(sorten)kompetenz gibt es verschiedene Entwicklungsmodelle (vgl. ausführlicher Feilke 2003 und zusammenfassend Wrobel 2010 sowie Becker-Mroczek 2014).

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Song von Mister S: Thematik Mobbing von autistischen Schülern https://www.youtube.com/watch?v=ZgZt1BaETKc
Was ich mir wünsche von unserer Gesellschaft?
Das sie einen Blick hat, für die die nicht so können wie sie wollen, dass die die nicht so können wie sie gerne möchten mehr Unterstützung erfahren. Das die Wahrnehmung geschärft wird für unser „Anders – sein“ und das Menschen im Autismus – Spektrum äußern dürfen im Spektrum zu liegen – ohne Angst haben zu müssen, gekündigt zu werden. Wie wertvoll es wäre, wenn Menschen im Spektrum offiziell in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Horten arbeiten dürften und könnten und durch ihren „besonderen“ Blick Kinder im Spektrum erkennen und ihnen zu einer frühzeitigen diagnostischen Abklärung verhelfen und dessen Eltern unterstützen könnten. WEIL sie Ahnung haben. WEIL sie wissen wie es ist damit zu leben und das Verhalten der Kinder verstehen und deuten könnten.
WEIL sie sich einfach auskennen damit.

„Einfach frei sein, ist was ich mir wünsche

einfach frei sein im hier und jetzt

einfach frei sein und nicht nur funktionieren

einfach frei sein um nicht zu viel Kraft zu investieren

einfach frei sein

allein sein

einfach ich sein

tun was mir gefällt“

© FS

 

Gedankenwellen #4

>>Nicht viele sind der Sprache mächtig, die ich zu verstehen vermag. Einer Sprache, welche weit mehr wert ist als die unsere. Die Sprache der Natur, der Stille und die der Dunkelheit.<< ©FS

Diesen Spruch schrieb ich auf. Irgendwann im Jahre 2011. Vor der Diagnose. Zu einer Zeit in der ich lediglich ahnte, dass ich „anders“ war und bin. Heute – und nach der Diagnose – betrachte ich diesen Spruch mit einer anderen Sichtweise. Und an dieser Stelle möchte ich diese darlegen:

Die Sprache der Natur

Schon immer verbrachte ich gerne viel Zeit in der Natur. Besonders gerne im Wald. Später dann bei meinen Schildkröten. Die Natur hat für mich eine Sprache, welche durch ihre Klänge, Düfte, Texturen sowie Muster und Farben mit mir kommuniziert. Stundenlang könnte ich die sich im Wind bewegenden Blätter einer Birke beobachten, wie sie grün – gräulich glitzern und bei jedem Windstoß hin und her bewegen ohne den Halt zu verlieren und davongetragen zu werden. Stundenlang könnte ich mit der Hand über die Rinde eines Baumes oder über die samtige Oberfläche eines Blattes fahren, um dessen Textur zu spüren. Die Natur mit all ihren Gegebenheiten und Wundern verfügt über eine tiefgründige und wunderschöne Komplexität, welche es mir ermöglicht zu entspannen und einfach nur zu genießen.

Die Sprache der Stille

Stille ist ein wichtiges Gut für mich in dieser viel zu lauten und viel zu schnellen Welt. Früher schon saß ich stundenlang in meinem Zimmer am Schreibtisch, tat dies und das oder blickte aus dem Fenster – und es war still. Einfach leise. Manchmal habe ich eine große Sehnsucht nach Stille. Einer Stille in und vor allem außerhalb von mir, welche mich endlich von dem permanenten Druck der Gesellschaft und des „funktionieren-müssens“ befreit. Einer Stille, welche all meine Gedanken und mich selbst zu einem Ort bringt, an welchem es kein „Außen“ mehr gibt und ich ich sein darf und kann. Kein „Außen“ mehr, welches ständig und jeden Tag aufs neue von mir erwartet, dass ich seinen Vorstellungen entsprechend funktioniere – ungeachtet dessen, ob ich meine Grenzen ständig überschreite oder nicht. Stille und das Erfahren der Stille ist ein wichtiges Prinzip in meinem Leben. Lärm und Alltagsstress / -Geräusche überreizen meine Nerven, lenken extrem meine Aufmerksamkeit ab und mich in Overloads. In der Stille habe ich die Möglichkeit zu echten freien Gestaltung – sei es das Schreiben oder Malen – und kann mich Ablösen von dem ziellosen und lärmenden Alltag der Gesellschaft um mich herum. Doch je seltener ich zu diesen Stillemomenten komme, desto unkreativer werde ich, desto overloadgeprägter ist mein Alltag und desto größer ist mein Frust nicht meinen Spezialinteressen nachgehen zu können.

Die Sprache der Dunkelheit

Genau wie die Stille spielt auch die Dunkelheit eine wesentliche und wichtige Rolle innerhalb meines Alltages. Oftmals werde ich im Tagesverlauf mit vielen Reizüberflutungen überfordert und bisweilen an meine Grenzen gebracht. Die Dunkelheit tritt mit der Stille in eine Verbindung. Beide gehören für mich zusammen, Stille und Dunkelheit – Dunkelheit und Stille, und trotzdem kann ich sie unabhängig voneinander für mich erfahrbar machen. Jetzt beginnen wieder die dunklen Monate. Die Monate, in welchen es am Morgen später hell und am Abend früher dunkel wird. Im Gegensatz zu den meisten NT’s macht mir das nichts aus. Im Gegenteil. Für mich ist die Dunkelheit besser, denn so bleiben die vielen Reizüberflutungen aus. Daraus resultiert auch, dass ich mich besser konzentrieren kann und vor allem denken – weil die Welt da draußen nicht da ist. Das einzige was mich stört – an dieser Dunkelheit – sind die Leuchtstoffröhren unserer meiner Einrichtung. Unnatürliches Licht, welches in den Augen schmerzt. An kalten Wintertagen ohne Sonne leuchtet es den ganzen Tag grell von der Decke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Musik zu Gefühlen wird

Mit dem Fahrrad querfeldein, vorbei an Häusern, vorbei an Menschen. Bäume ziehen wie grüne Schleier an mir vorbei. Jeder Vogel, jeder Mensch, jeder Grashalm, welcher sich im Wind bewegt, bekommt mit jedem neuen Rhytmus der Musik in meinen Ohren ein Gefühl geschenkt. Eine Welle, die mich das Fühlen leert. Je nach Melodie ist sie traurig, euphorisch, fröhlich, glücklich, verliebt…“Adel Tawil – Ist da jemand“ dröhnt in Maximal- aber noch erträglicher -Lautstärke in meinen Ohren. Es könnte mein Gehör schädigen, sagt mir mein MP3-Player jedesmal. Mir egal, denke ich mir. Das, was ich dafür bekomme ist so viel mehr wert. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, denke an meinen Partner. Eine warme Welle rollt auf mich zu und schlägt über mir zusammen. Und in diesem Moment kann ich fühlen. Fühlen wie sehr ich ihn liebe …

Musik kann in mir Gefühle auslösen bzw. meine Standard – Wellen verstärken und intensivieren. Mein Leben ist hauptsächlich von einer kalten Gefühlslosigkeit geprägt. Dass einzige was ich „fühle“ sind unterschiedliche Wellen in unterschiedlich starken Ausprägungen. Quasi meine Erinnerungen an Gefühle. Dazwischen gibt es eine kalte Leere, welche einzig und alleine durch das Hören von Musik gefüllt werden kann. Am liebsten höre ich Musik während des Fahrrad fahrens. So laut, dass sämtliche Außengeräusche verschwinden. Zu dieser Zeit, meist um die zwei Stunden, kann ich komplett abschalten und die Welt bis auf einen einzigen Reiz (das Sehen) ausblenden. Sobald die Musik in meinen Ohren ankommt schaltet mein Gehirn um auf Automodus. Und alles in der Natur wird musikalisch untermalt und begleitet. So lässt sie mich bspw. fühlen, wie der Wind durch die Grashalme streift. Gesichtsausdrücke von Menschen die mir begegnen werden besser erfasst, ausgewertet und einem Gefühl zugeordnet. Ob das Gefühl stimmt oder nicht ist in diesem Moment völlig gleichgültig. Hauptsache Gefühl. Ein weiteres, welches als Welle für später abgespeichert werden kann.

Dieses „Abspeichern“ bringt mich ein bisschen näher an die Welt der NT’s. Denn ich kann mir etwas aufbauen, was diese schon längt besitzen. Eine intensive und ausgeprägte Gefühlswelt. Ob sie jemals so intensiv und ausegprägt sein wird wie die der NT’s weiß ich nicht. Aber wenigstens komme ich ihr damit ein Stückchen näher.

Klar ist, dass dieses Phänomen nicht alleine den (Asperger-) Autisten zuteil wird. Auch die gängigen NT – Modelle lassen sich durch Musik emotional anstecken. Wenn sie beispielsweise eine fröhliche Melodie hören, beginnen sie zu lächeln. Oft bleibt dies jedoch unbemerkt. Doch auch ganz bewusst können diese Gefühle herbeigeführt werden, indem sie ganz bewusst jene Musik hören, welche sie an ein ganz bestimmtes Ereigniss erinnert, um die Emotionen, die mit diesem Ereignis verbunden sind, zu erleben. Der entscheidende Unterschied zwischen NT’s und mir ist jedoch, dass NT’s in der Regel auch ohne Musik über eine breite Gefühlspalette verfügen. Und diese durchaus auch ohne Musik zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufen können. Ich kann mit solch einer Gefühlspalette leider nicht dienen und bin angewiesen auf das, was Musik in mir auslöst um die Gefühle für später speichern zu können.

Diagnose – Ja oder Nein?

„Ist das alles nur Einbildung?“, „Manchmal fühle ich mich so normal!“, „Es fällt ja keinem auf.“, „Mir geht es oft genau so!“, „Stell` dich nicht so an.“

Mit diesen und ähnlichen Fragen, Aussagen und Sätzen habe ich mich selbst und wurde ich vor, während und auch noch jetzt – nach meiner Diagnose – gequält. Schnell stellt man sich an dieser Stelle eine elementar wichtige Frage: „Warum dann den Weg der Diagnose anstreben?“ Wo er doch gerade für uns Frauen so schwierig ist, da wir durch viele Diagnoseraster fallen. Weil wir so gut kompensieren können. Weil wir uns so gut anpassen können. Weil wir gelernt haben, uns soziale Regeln abzuschauen und auch zu benutzen. Dass das schwierig ist, wir dabei an unsere Grenzen kommen, dass sieht natürlich niemand. Das weiß niemand. Weil wir es mit einer Selbstdiagnose selten kommunizieren. Weil wir denken uns glaubt niemand, denn viel zu oft haben wir schon erfahren und hören müssen, dass es NT`s angeblich und scheinbar genauso geht. Denn viel zu oft sagen sie: „Mir geht es ja genauso.“ oder „Das kenne ich auch.“ Dass wir es dann Leid werden, unsere Probleme zu äußern – verständlich – denn offensichtlich geht es ja allen Menschen auf dieser Welt gleich. Unsere Probleme sind kein Einzelfall, nichts besonderes und schon gar nicht erwähnens- oder beachtenswert.

Aber stimmt das überhaupt? Warum behaupten NT`s ihnen ginge es genauso? Woher wissen sie, wie es uns wirklich geht? UND: Geht es ihnen wirklich so – so wie uns – oder verwechseln sie ihre Unlust zu Arbeiten und ihr Leben zu ertragen mit den Problemen von Autisten? Manchmal scheint es mir, als wären unsere Probleme und Sonderbarkeiten eine gefundene Ausrede für NT`s. Bei allem zu dem ich keine Lust habe, werde ich Autist – oder so? Oder wie? Eine wahrlich interessante Fragestellung, zu welcher man sich an dieser Stelle seine eigenen Gedanken machen kann. Doch nun zurück zum eigentlich Thema: Die Diagnose – meine Diagnose – wie es dazu kam und wie der Weg dorthin war.

Schon in der Realschulzeit merkte ich, dass ich einfach „anders“ war als meine Klassenkameraden. Schminken, Mode, Jungs – alles relevante Themen für vorpubertäre oder bereits pubertierende 12 – jährige Mädchen. Nur nicht für mich. Schminken probierte ich aus – und fand die ganze Sache an sich und das Endergebnis einfach nur grauenvoll. Ich wollte so bleiben wie ich war und mir nicht noch klebrige Farbe ins Gesicht schmieren, welche mich aussehen ließ wie ein Zombie. Mit Kleidungsstücken verhielt und verhält es sich bis heute ähnlich. Noch nie habe ich viel Wert auf „Modetrends“ gelegt. Für mich ist es am Wichtigsten , dass es passt und vor allem beim Tragen nirgendwo zwickt. Ergo laufe ich seit ich denken kann eher burschikos als damenhaft durch die Gegend. Auch diese Tatsache wurde ab der Realschulzeit als sonderbar angesehen. Ausgeschlossen aus sämtlichen Cliquen und Grüppchen verbrachte ich meine Schulzeit eher als Außenseiterin und relativ alleine – aber damit war ich zufrieden. Doch nicht erst in der Realschule fiel auf, dass ich anders war. Bereits in der Grundschule äußerte meine Lehrerin den Verdacht ich könne ADHS haben. Aufgrund fehlender oder nicht passender Symptome wurde dieser Verdacht jedoch sehr schnell verworfen. Bis zu meiner Ausbildungszeit blieb das „warum“ zu meinem Verhalten unbeantwortet und so arrangierte ich mich über die Jahre hinweg mit mir selbst. Ich kannte mich nicht anders. Doch dann begann meine Ausbildungszeit und auch hier war ich vorrangig die Streberin und weniger die „gute Freundin“. Als sich auch diese Zeit langsam dem Ende zuneigte, stand das Schreiben einer Facharbeit an. Meinen Titel fand ich schnell: „Soziale Integration von Kindern mit Autismus in einen Kindergarten mit Hilfe von Alltagsmaterialien.“ Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, las Wörter wie „Kanner-Syndrom“, „Asperger-Syndrom“ und „atypischer Autismus“. Je tiefer ich in das Thema eintauchte, je mehr ich darüber las und erfuhr, desto mehr fand ich mich darin wieder. Meine Probleme, Sonderbarkeiten und meine Andersartigkeit schienen endlich einen Namen zu erhalten. Als ich meinen Verdacht gegenüber meiner Mutter äußerte, fingen sie an die Fragen und Aussagen. Bis heute höre ich Sätze wie: „(…)mir geht es doch ähnlich, (…). Ich habe auch keine Lust darauf und bin deshalb motzig.“ Viel zu schnell musste ich erfahren, dass ich von dieser Seite nicht die nötige Hilfe zu erwarten hatte. Nachdem ich zahlreiche Online-Selbsttests durchgeführt und zusätzlich noch eine Weile einer Facebookgruppe beigewohnt hatte, in welcher unentwegt gleiche und ähnliche Probleme gepostet wurden und meinen eigenen Verdacht noch untermauerten, beschloss ich meinen Verdacht an eine der diagnostizierenden Kliniken zu richten. Alsbald, das war 2014, erhielt ich von der Uniklinik Köln einen Fragebogen, welchen ich ausgefüllt zurücksendete.

Panik erfüllte mich während der Zeit des Wartens auf eine Antwort. Was, wenn es alles bloß Einbildung ist? Was, wenn ich mich durch meine Facharbeit bloß damit identifiziere, es aber nicht wirklich habe? Was wäre wenn? Dann kam die lang ersehnte Antwort. Sie möchten mich einladen zu einem ersten diagnostischen Gespräch. Doch das ließ 2 1/2 Jahre auf sich warten. 2 1/2 Jahre, in welchen ich selbst immer wieder zweifelte. 2 1/2 Jahre, in welchen ich immer wieder gefragt wurde, wofür ich diese Diagnose bräuchte – ich wüsste es ja auch so. 2 1/2 Jahre, in denen ich immer wieder meinen Verdacht in Frage stellte, weil ich manchmal ja gar so gut klarkam.

Ende 2016 war dann schließlich mein Partner der ausschlaggebende Punkt, meine Diagnose zu vollenden. Mehrere Terminvorschläge musste ich ablehnen und um neue bitten – eine Tatsache, an welcher allein ich schon gescheitert wäre, wenn er nicht gewesen wäre. Aber er war da, unterstützte mich, versuchte mich „auf dem Boden der Tatsachen zu halten, mich zu beruhigen wenn ich mal wieder auf 160 war und fuhr mit mir zu beiden Terminen nach Köln. Zwei Termine, die mir unheimlich viel Kraft raubten. Doch ohne diese wäre es nie zu einer Diagnosestellung gekommen.

Aber wofür brauche ich sie nun? Was nützt sie mir?

Bisher habe ich noch nicht wirklich das Gefühl, dass sie mir und der Aufwand für sie so viel genutzt hat. Gerade was Therapiemaßnahmen betrifft, geht es eher langsam voran, doch ich habe die Hoffnung, dass sich das im Laufe der Zeit noch ändert. Sie öffnet mir Wege und Möglichkeiten in eine andere und besser erträgliche Welt. Hinsichtlich des seelischen Aspektes muss ich sagen: Es ist einfach kein Verdacht mehr. Keine Selbstdiagnose, keine Ahnung, keine Vermutung mehr. Es ist aus diesen Dingen eine Tatsache geworden, die es mir ermöglicht, mein Leben neu zu ordnen und meine Welt neu gestalten zu können. Ich brauche mich nicht zu verstecken, denn ich weiß, dass ich die Diagnose „Asperger-Syndrom“ nicht als Ausrede für Dinge verwende die ich nicht mag. Viele Dinge mag ich vielleicht – aber ich KANN sie einfach nicht. Und das ist ein großer Unterschied. Auch ist es mit solch einer Diagnose einfacher an die Öffentlichkeit zu gehen. Natürlich geht dies auch mit einer Selbstdiagnose, doch wenn diese sich letztendlich nicht Bewahrheiten sollte, so hat man eventuell ein Problem.

Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein. Denn nun habe ich es schwarz auf weiß – und kann mein Leben ein bisschen besser werden lassen.