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Anpassung?!

„Es ist fast immer klüger, sich den Vorstellungen anzupassen, welche die Menschen von uns haben, als ihnen ihre Illusion zu nehmen.“ *Sigmund Graff*

Doch genau das tun wir. Tag für Tag, immer wieder aufs Neue rauben wir unseren Mitmenschen die Illusion. Indem wir uns nicht so gut oder schnell anpassen können und wollen.

Anpassen, Anpassung – was ist das und wenn ja, wie funktioniert das? So ein bisschen habe ich herausgefunden, wie das mit der Anpassung funktioniert. Bei mir läuft das in etwa so ab: Zuhören. Nicken. Lächeln. „Wie bitte?!“ denken. Denn anders funktioniert es bei mir nicht. Vom „Fragen-nicht-Versteher“ bin ich nach und nach zum Mitläufer mutiert. Aber nur auf der Arbeit, denn da bietet mir das „Mitlaufen“ eine gewisse Sicherheit. Ich habe mir abgeguckt wie ich gucken muss, habe mir abgehört, was ich sagen muss und wann ich besser den Mund halte. Habe mir abgeguckt wie ich wann zu reagieren habe. So klappt das mit der Anpassung – in diesem Gebiet. Doch scheinbar bin ich nicht mehr angepasst, wenn ich nicht zugreife, wenn ein Kollege Geburtstag hat, weil ich nur bestimmte Sachen esse. Wenn ich mich bei Fortbildung in die Küche verkrümel anstatt mit den anderen an der Tafel zu dinieren und mich über sinn- und belanglose zu unterhalten. Denn fann ernte ich immer komische Kommentare und blicke. Scheinbar bin ich auch dann nicht angepasst, wenn ich mit niemandem etwas unternehmen will. Und auch mein exzessiver Sport zählt wohl nicht zu der Art „Anpassung“ die sich die anderen Menschen wünschen. Ich passe mich an – nach meinem Regeln und Möglichkeiten. Aber ich stehe trotzdem immer ein wenig außerhalb des Geschehens. Weil ich in den Augen der Anderen nicht angepasst genug bin in ihre Welt.

Jeden Tag raube ich Kollegen und anderen Menschen ihre Illusion. Wenn ich nicht wie erwartet reagiere oder meinen Partner für mich sprechen lasse.

Warum soll es klüger sein, sich den Vorstellungen anzupassen? Ich glaube, die Menschen lassen einen eher in Frieden, wenn man sich ihnen anpasst. Dann fällt man nicht so auf in der breiten Masse.

Doch wenn man diesen akrobatischen Akt der Anpassung nicht schafft, bleibt man mit seinem „andersartigen“ Verhalten immer Zielscheibe der breiten, langweiligen, angepassten Gesellschaft.

Manchmal ist es Segen, manchmal Fluch, aber trotzdem bin ich stolz darauf, Asperger – Autist zu sein, anders zu denken, zu fühlen, mehr zu sehen und wahrzunehmen – auch wenn das mit der Anpassung irgendwie nicht klappen will. Aber vielleicht soll es ja auch gar nicht klappen? Vielleicht erfüllen wir, die sich nicht anpassen können, einen ganz wichtigen Zweck in diesem / unserem Leben? Vielleicht sind wir es, die dem Leben – nicht nur unserem sondern auch dem der Anderen – mehr Farbe und Besonderheit geben?

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Schreibkompetenz als Spezialinteresse

Wie in meinem Blogbeitrag Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes bereits beschrieben, liebe ich es und kann mich schon immer besser schriftlich als mündlich ausdrücken. Wer seine Vorliebe im mündlichen Bereich findet, d.h. lieber von Angesicht zu Angesicht erzählt und sich auch adäquat ausdrücken und dabei mit Satzteilen jonglieren kann, der verfügt möglicherweise über eine gewisse sprachliche Kompetenz bzw. Fähigkeit. Wer allerdings lieber schreibt und im Allgemeinen schriftlich unterwegs isst, Schachtelsätze und neue Welten erschaffen kann, der könnte von sich behaupten, sich eine Schreibkompetenz angeeignet zu haben, welche über die normale Normalität hinausgeht. Aber was genau ist eigentlich Schreibkompetenz? Und warum schreibe ich einen Blog darüber?

Wie in der Überschrift vermutlich ersichtlich wird, zählt diese Form des schriftsprachlichen Umgangs seit einigen Monaten zu einem meiner Spezialinteressen. Es fing langsam an, zunächst mit dem – bereits seit der Kindheit bestehenden – Wunsch, unendlich viel zu Lesen. Das begründet auch die in „Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes“ genannte Bücherzahl, welche sich in meinem Bücherregal angesammelt hat. Zudem interessierte ich mich schon immer für Zitate und Sprüche und fing irgendwann an, selbst welche zu kreieren. Immer aus Situationen heraus, aus Gedanken, welche mich beschäftigten und in meinem Kopf hängen blieben. Ich fing an, immer mehr zu lesen – auch wissenschaftlichere Bücher wie bspw. „Erkenne die Welt“ von Richard David Precht, in welchem es um die Geschichte der Philosophie geht. Auf dem Klappentext des Buches findet sich folgendes Zitat „Lesen ist denken mit einem fremden Gehirn. Doch das Gelesene zu verarbeiten, ist ein fortwährender Dialog mit uns selbst. Was lockt, ist die Aussicht, intelligenter über die Welt nachdenken zu können als zuvor.“
Je mehr ich las, desto tiefer verschwand ich in der Welt der Schriftsprache – in eine Welt aus unzähligen Buchstaben, Punkten, Ausrufezeichen und Kommata – in eine Welt in der ich mich wohl fühlte, in der ich aufblühte – in eine Welt in die ich immer tiefer eindringen wollte. Und das ist mir auch gelungen – sofern ich dies von mir behaupten kann. Neulich zeigte ich meiner Chefin meine Zielvereinbarung – Lerngeschichten der Kinder. Viiiiel zu viel geschrieben, war die Reaktion. Das können wir nicht leisten – zumal mehr als die Hälfte des Teams Deutsch nicht als Muttersprache besitzt. Aber sie freue sich, so etwas auch einmal in Händen zu halten und bewundere mein großes Wissen bezüglich der deutschen Sprache und des Verfassens von diversen Texten – und seien es bloß die weniger wissenschaftlichen Lerngeschichten der Kinder. Ich liebe es einfach zu formulieren …

Kommen wir nun zum ersten Teil der Überschrift des Blogs: Was genau ist Schreibkompetenz eigentlich? Da ich dies mit eigenen Worten eher mangelhaft erklären könnte, bediene ich mich an dieser Stelle der Informationen der Internetseite der Universität Bamberg:   Schreibkompetenz UNI Bamberg

  1. Schreibkompetenz

„Mit dem Begriff bezieht man sich im Allgemeinen auf die Fähigkeit, komplexe sprachliche Äußerungen bzw. Texte so zu verfassen, dass sie über Raum und Zeit prinzipiell für andere und einen selbst lesbar sind. […] Schreibkompetenz ist demnach ein wesentlicher Aspekt von Sprachkompetenz im Medium der Schrift.“ Diese setzt sich aus verschiedenen sprachlichen Teilfähigkeiten zusammen. „Um Teilfähigkeiten genauer zu beschreiben, orientiert man sich häufig an Schreibprozessmodellen“ (Krelle 2013, 326 f.).

Unter einer voll ausgebildeten Schreibkompetenz versteht man die Fähigkeit, einen Text abstrahiert vom Hier und Jetzt, über die unmittelbare Schreibzeit und den Schreibort hinaus und entsprechend einer Schreibfunktion prinzipiell für jedermann lesbar zu verfassen (vgl. Ossner 1995) und damit verschiedene Funktionen der Schriftlichkeit zu realisieren. Diskutiert wird Schreibkompetenz vor allem in Zusammenhang mir den (z.T. enttäuschenden) Ergebnissen aus empirischen Studien, d.h. in Bezug auf Interventionsmöglichkeiten; so erörtert z.B. Schäfer (2009) Möglichkeiten der Erfassung von “Schreibschwierigkeiten“ bei Hauptschüler/-innen. Die neuere Forschung betont aber viel grundsätzlicher, dass neben „Textwissen“ (Formen des Schreibens, Textsorten) auch „Schreibbewusstsein“ gebraucht wird (vgl. Berning 2011); dieses umfasst neben einer Reflexion von Schreibzielen und der Möglichkeit/Bereitschaft zur Textverbesserung vor allem eine metakognitive Komponente, nämlich die Fähigkeit zur (Selbst-)Beobachtung und damit Steuerung des gesamten Prozesses (vgl. Berning 2011, 12).

 

Schreibkompetenzmodelle

Modelle der Schreibkompetenz beruhen auf der Idee, dass hierfür unterschiedliche Teilkompetenzen nötig sind, die vom Schreiber sukzessive entwickelt, ausgebaut oder in eine bestehende Kompetenz integriert werden (vgl. Münch 2006). Unstrittig ist, dass Schreibkompetenz Wissen voraussetzt (z.B. über das Schreibmedium, die Rechtschreibung, die Lexik, das Thema usw.) Verschiedene Wissenstypen werden dabei differenziert (vgl. Becker-Mroczek/Schindler 2008):

  • Deklaratives Wissen (Wissen über Sachverhalte, z.B. Fakten und Begriffe)
  • Problemlösewissen (Wissen über Problemlösestrategien)
  • Prozedurales Wissen (Entlastung beim Schreibprozess durch Automatisierung von Schreiboperationen)
  • Metakognitives Wissen (Überwachung und Kontrolle selbstgesteuerter Lernprozesse)

Fix unterstützt diese Unterteilung der Wissenstypen generell. Er versteht die Schreibkompetenz des Weiteren „als die Fähigkeit,

  1. a)    pragmatisches Wissen,
  2. b)    inhaltliches Wissen,
  3. c)     Textstrukturwissen und
  4. d)    Sprachwissen

in einem Schreibprozess so anzuwenden, dass das Produkt den Anforderungen einer (selbst- oder fremdbestimmten) Schreibfunktion (z.B. Anleiten, Erklären, Unterhalten) gerecht wird“ (Fix 2008, S.33)

Damit schließt Schreibkompetenz folgende Teilkompetenzen ein:

  • Planungskompetenz (Textentwicklung: von eigenem Wissen zu differenzierter Nutzung externer Wissensspeicher, z.B. Internet, Lexika)
  • Formulierungskompetenz (Entwicklungsprozess sprachlicher Struktur- und Ausdrucksformen)
  • Überarbeitungskompetenz (Überarbeitungshandlungen, z.B. orthographische Korrekturen)
  • Ausdruckskompetenz (z.B. Textsortenspezifität, Adressatenbezug)
  • Kontextualisierungskompetenz (Textverständnis durch Kontextualisierung)
  • Antizipationskompetenz (Entwicklung von Ichbezogener Textwahrnehmung zu einem erweiterten, generalisierten Adressatenbezug)
  • Textgestaltungskompetenz (Entwicklungstendenzen von assoziativ-reihender Textgestaltung zu schema- oder textsortengestalteter Textordnung) (vgl. Pohl 2014, 114 ff.).

Dabei besteht eine enge Beziehung von Schreiben und Denken im Erfinden und Verknüpfen, im Urteilen und Schließen sowie im Erinnern.

 

Schreibkompetenz erwerben: die Entwicklungsperspektive

Verschiedene Studien – beispielsweise DESI – zeigten, dass die Entwicklung von Schreibfähigkeiten (Sprach-, Wortschatz- und Syntaxentwicklung) abhängig vom Schreibinteresse, von sozialen Faktoren, Lebensalter und Rückmeldung durch geeignete Leser erfolgt. Hierbei folgen auf erste „literacy events“ und Einsichten in das Symbolsystem Schrift vielfältige Erfahrung mit Schreiben als Handeln.
Die allmähliche Entstehung von Fähigkeiten im narrativen (erzählenden), deklarativen (aufweisenden) und argumentativen (erörternden) Schreiben wird als Textkompetenzerwerb bezeichnet. Eine Längsschnittstudie von Augst et al. 2007 befasste sich mit der Entwicklung von 39 Kindern von der 2.-4. Klasse, in Bezug auf deren Fähigkeit Texte im Rahmen verschiedener kommunikativer Anforderungen zu schreiben.  Aufgabe dieser Kinder war es, je einen Text in fünf Textsorten zu verfassen. Die Auswertung erfolgte in drei Schritten:

  1. Einordnung der Textexemplare in Stufenmodelle
  2. Untersuchung der Veränderungen sprachlicher Merkmale (z.B. Textrahmungselemente, Grammatik, Textlänge)
  3. Untersuchung der Veränderung textsortenspezifischer Aspekte

Die zentralen Erkenntnisse der Längsschnittstudie ergaben, dass von Anfang an textsortenspezifische Schreibleistungen bzw. sprachliche Merkmale feststellbar waren. Innerhalb der nächsten Entwicklungsstufe konnten bereits textsortenspezifisch gewählte Textgenerierungsmechanismen unterschieden werden (z.B. spezifische Wahl von möglichen Textbausteinen; vgl. August et al. 2007)

Zum Erwerb von Text(sorten)kompetenz gibt es verschiedene Entwicklungsmodelle (vgl. ausführlicher Feilke 2003 und zusammenfassend Wrobel 2010 sowie Becker-Mroczek 2014).

Gedankenwellen #4

>>Nicht viele sind der Sprache mächtig, die ich zu verstehen vermag. Einer Sprache, welche weit mehr wert ist als die unsere. Die Sprache der Natur, der Stille und die der Dunkelheit.<< ©FS

Diesen Spruch schrieb ich auf. Irgendwann im Jahre 2011. Vor der Diagnose. Zu einer Zeit in der ich lediglich ahnte, dass ich „anders“ war und bin. Heute – und nach der Diagnose – betrachte ich diesen Spruch mit einer anderen Sichtweise. Und an dieser Stelle möchte ich diese darlegen:

Die Sprache der Natur

Schon immer verbrachte ich gerne viel Zeit in der Natur. Besonders gerne im Wald. Später dann bei meinen Schildkröten. Die Natur hat für mich eine Sprache, welche durch ihre Klänge, Düfte, Texturen sowie Muster und Farben mit mir kommuniziert. Stundenlang könnte ich die sich im Wind bewegenden Blätter einer Birke beobachten, wie sie grün – gräulich glitzern und bei jedem Windstoß hin und her bewegen ohne den Halt zu verlieren und davongetragen zu werden. Stundenlang könnte ich mit der Hand über die Rinde eines Baumes oder über die samtige Oberfläche eines Blattes fahren, um dessen Textur zu spüren. Die Natur mit all ihren Gegebenheiten und Wundern verfügt über eine tiefgründige und wunderschöne Komplexität, welche es mir ermöglicht zu entspannen und einfach nur zu genießen.

Die Sprache der Stille

Stille ist ein wichtiges Gut für mich in dieser viel zu lauten und viel zu schnellen Welt. Früher schon saß ich stundenlang in meinem Zimmer am Schreibtisch, tat dies und das oder blickte aus dem Fenster – und es war still. Einfach leise. Manchmal habe ich eine große Sehnsucht nach Stille. Einer Stille in und vor allem außerhalb von mir, welche mich endlich von dem permanenten Druck der Gesellschaft und des „funktionieren-müssens“ befreit. Einer Stille, welche all meine Gedanken und mich selbst zu einem Ort bringt, an welchem es kein „Außen“ mehr gibt und ich ich sein darf und kann. Kein „Außen“ mehr, welches ständig und jeden Tag aufs neue von mir erwartet, dass ich seinen Vorstellungen entsprechend funktioniere – ungeachtet dessen, ob ich meine Grenzen ständig überschreite oder nicht. Stille und das Erfahren der Stille ist ein wichtiges Prinzip in meinem Leben. Lärm und Alltagsstress / -Geräusche überreizen meine Nerven, lenken extrem meine Aufmerksamkeit ab und mich in Overloads. In der Stille habe ich die Möglichkeit zu echten freien Gestaltung – sei es das Schreiben oder Malen – und kann mich Ablösen von dem ziellosen und lärmenden Alltag der Gesellschaft um mich herum. Doch je seltener ich zu diesen Stillemomenten komme, desto unkreativer werde ich, desto overloadgeprägter ist mein Alltag und desto größer ist mein Frust nicht meinen Spezialinteressen nachgehen zu können.

Die Sprache der Dunkelheit

Genau wie die Stille spielt auch die Dunkelheit eine wesentliche und wichtige Rolle innerhalb meines Alltages. Oftmals werde ich im Tagesverlauf mit vielen Reizüberflutungen überfordert und bisweilen an meine Grenzen gebracht. Die Dunkelheit tritt mit der Stille in eine Verbindung. Beide gehören für mich zusammen, Stille und Dunkelheit – Dunkelheit und Stille, und trotzdem kann ich sie unabhängig voneinander für mich erfahrbar machen. Jetzt beginnen wieder die dunklen Monate. Die Monate, in welchen es am Morgen später hell und am Abend früher dunkel wird. Im Gegensatz zu den meisten NT’s macht mir das nichts aus. Im Gegenteil. Für mich ist die Dunkelheit besser, denn so bleiben die vielen Reizüberflutungen aus. Daraus resultiert auch, dass ich mich besser konzentrieren kann und vor allem denken – weil die Welt da draußen nicht da ist. Das einzige was mich stört – an dieser Dunkelheit – sind die Leuchtstoffröhren unserer meiner Einrichtung. Unnatürliches Licht, welches in den Augen schmerzt. An kalten Wintertagen ohne Sonne leuchtet es den ganzen Tag grell von der Decke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kognitiv besonders

Bisher ist nicht wirklich bekannt, was genau Autismus verursacht oder woher es kommt. Vermutlich spielen eine ganze Reihe von vielen verschiedenen Faktoren eine wichtige Rolle. Auch Beeinträchtigung der Entwicklung des zentralen Nervensystems vor oder nach der Geburt sind möglich. Da in über 90% der Fälle der Autismus eine genetische Grundlage hat, ist es wohl wenig verwunderlich, dass ich in meiner Familie nicht die einzige bin, die „anders und besonders“ ist.

Eine der vielen verschiedenen Besonderheiten und Facetten die mit der Autismus – Spektrums – Störung verbunden sind, ist die Besonderheit in der Sammlung, Verarbeitung und Verwendung von Informationen – also die kognitiven Leistungen der Person. Der normale Prozess der Informationsverarbeitung ist äußerst kompliziert. Ankommende Informationen werden im Gehirn auf verschiedenen Ebenen analysiert und miteinander verbunden. Dabei werden passende Handlungsstrategien mit der Situation verglichen, um dann ausgewählt zu werden oder eine völlig neue zu entwickeln.

In meiner Grundschulzeit vermutete meine damalige Lehrerin, dass ich ADHS haben könnte. Grund dieser Annahme war die Tatsache, dass ich mich am Unterricht nur gelegentlich beteiligte, mich sehr schnell ablenken ließ und nicht über einen längeren Zeitraum konzentriert bei der Sache bleiben konnte – also eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne besaß. Doch so ganz belegen konnte sie ihren Verdacht nie, denn ich war durchaus in der Lage, meine Aufmerksamkeit lange und ausdauernd auf etwas zu richten oder mich mit einer Tätigkeit zu beschäftigen – sofern diese mich interessierte. Die Aufmerksamkeitsspanne hing und hängt heute noch also sehr von der Motivation und meinem Interesse gegenüber der gestellten Aufgabe ab. Und dies passte für meine Lehrerin damals nicht in eine klassische ADHS. Sie sagte einmal zu meiner Mutter: „Irgendwas ist es. Aber ich weiß nicht genau was, denn für ADHS fehlen zu viele Faktoren und Symptome.“ Manche Reize aus meiner Umwelt nehme ich viele intensiver wahr und reagiere sehr extrem darauf (z.B. Geräusche), andere widerrum beachte ich nur kurz oder gar nicht. Eine mögliche Ursache für diese zu starke oder zu schwache Reaktion könnte darin liegen, dass ich diese Reize anders in deren Wichtig- und Unwichtigkeit einstufe. Oft achte ich auch auf ungewöhnliche Reize d.h. auf solche, die von anderen oft nicht als relevant und / oder  bedeutungsvoll angesehen werden. Bspw. visuelle Reize: Sonnenuntergänge, Wolkenstellungen, Waffeln als „Hütchen“ auf einer Kugel Eis in einer Waffeltüte, Wassertropfen, etc.)  Meine volle Aufmerksamkeit ist dann auf Details gerichtet und ich vernachlässige mir unwichtig Erscheinendes. (Ich war so fasziniert von den umgedrehten Eiskugeln die auf Waffeln gestellt wurden, dass ich darüber hinaus vergaß, den Kindern ihr Eis zu bringen.)

Häufig werden bei Menschen mit einer ASS auch besondere Fähigkeiten beobachtet welche als ungewöhnliche Gedächtnisleistung angesehen werden. So haben manche Autisten ein sehr musikalisches Gedächtnis, können gut und detailgetreu zeichnen oder besitzen eine mechanische Lesefähigkeit, können sich gehörte Texte gut merken und oftmals wortgetreu wiedergeben. Ich für meinen Teil hatte schon immer eine besondere Verbindung zur Linguistik und verfügte bereits im Grundschulalter über ein „gutes Gedächtnis im sprachlichen Bereich“, einen „umfangreichen, differenzierten Wortschatz“ und ich konnte „ausdrucksstarke und fanatsieviolle Geschichten“ schreiben. Doch wenn es „besonders gute“ Besonderheiten gibt, dann gibt es meist auch „Stolpersteine“. So bleiben Handlungen oder Ereignisse, an welchen ich aktiv teilnehme, weniger gut in meiner Erinnerung als jene, an welchen ich nur passiv mitgewirkt und andere bei ihrer Tätigkeit beobachtet habe. Streits, Gespräche und sonstige Situationen an welchen ich aktiv beteiligt war, vergesse ich bereits nach wenigen Minuten wieder und verstehe nicht, warum mein Gegenüber das nicht auch kann. An besonders relevante oder mir wichtige Ereignisse kann ich mich dennoch erinnern – dies dann meist sehr differenziert und detailliert.

Im täglichen Leben und im Zusammenleben mit meinen Arbeitskollegen ist mir schon sehr oft aufgefallen, das deren Aufgaben und Ereignisse für mich den Eindruck erwecken, planvoll und zielgerichtet zu sein. Sie verwenden angemessene Strategien um möglichst schnell ein in der Zukunft liegendes Ziel erreichen zu können. Die Aufgaben wirken geplant, sowohl zeitlich als auch die einzelnen Handlungsschritte betreffend. Ich habe auch meine Pläne im Kopf, halte mich an feste Strukturen und bin der Meinung, dass meine Tage und Wochen voll durchgeplant sind. Das sind sie auch, nur eben nicht so, wie bei NT`s. Anders als sie kann ich – wenn ich bspw. beim Rad fahren einen Schmetterling sehe und diesen unbedingt fotografieren möchte – nicht meine inneren Impulse kontrollieren oder gar abstellen, sondern lasse mich dazu hinreißen, unmittelbar auf diese Reizgegebenheit (den Schmetterling) zu reagieren. D.h. ich halte an, steige ab und fotografiere diesen Schmetterling. Im Alltag kann ich mich dadurch nur sehr schwer auf veränderte Situationen einstellen und halte in der Regel und so gut es eben geht an meinen Routinen fest. Für andere mag das kognitiv gesehen sehr starr und unflexibel wirken. Für mich jedoch bedeutet es das pure kognitive Gleichgewicht, wenn alles „glatt läuft“ und ich nicht darüber nachdenken muss wann ich was plane.

Und wenn ich für ein Problem einmal einen Lösungsweg gefunden habe, so beharre ich sehr vehement auf diesen.

Kommunikation – Missverständnisse

Oft schon habe ich mich gefragt, in wie weit meine Kommunikation mit meinen Mitmenschen und gerade mit meinen Arbeitskollegen „funktioniert“. Erst vor kurzem fand ein Gespräch zwischen einer Arbeitskollegin, meiner Chefin und mir statt. Themenpunkt: Meine Reaktion auf Situationen bzw. auf die Ansprache vonseiten der Kollegin sei oft wohl nicht so, wie diese es in diesem oder jenem Moment erwarten oder sich wünschen würde. Erwähnenswert ist, dass dort bisher niemand über meine Diagnose Bescheid weis.

An dieser Stelle einer der Gründe für das o.g. Gespräch: Mittagesessenszeit in unserer Einrichtung. Die Kinder sind bereits alle fertig mit der täglichen Nahrungsaufnahme. Ich gehe meiner mir selbst aufgebauten Routine nach – dem Wegstellen der Schüsseln in die Küche. Urplötzlich wird mein normaler Ablauf durch einen ohrenbetäubenden Knall gestört. Der Teller eines Kindes fiel auf den Boden und zersprang in tausend Porzelanscherben. Bis unter den Herd wurden sie geschleudert. Hübsch sah es aus. Das war mein erster Gedanke. Mein zweiter Gedanke galt dem lauten Knall oder vielmehr dem Scheppern, welches noch immer in meinen Ohren widerhallte. Grauenvoll. Am liebsten wäre ich geflüchtet. Von draußen sprach meine Kollegin sehr energisch. „Keiner bewegt sich vom Fleck. Alle gehen weg! Keiner verlässt seinen Platz.“ Mein folgender Gedanke galt diesem verwirrenden Satz: Wie konnte man sich nicht vom Fleck bewegen, gleichzeitig weg gehen und trotzdem nicht seinen Platz verlassen? In Trance und immernoch geschockt von dem Geräusch, das sich wohlbemerkt immernoch in meinen Ohren befand, verließ ich routinemäßig die Küche. Meine Kollegin kreischte:“ Keiner rührt sich vom Fleck!“ Zu diesem Zeitpunkt stand ich bereits in diesem wunderhübschen Scherbenmeer. Mich immernoch in Trance befindend antwortete ich:“ Ich hab`ja Schuhe an.“ – Das war am 20. März, 12:25 Uhr / Frühlingsanfang. Gestern war das Gespräch. Und ich hatte schon längst vergessen, was an diesem Tag, am 20. März um 12:25 Uhr, passiert war. Auf dem Weg nach Hause regte ich mich auf. 30 Minuten länger auf der Arbeit. Wegen etwas völlig sinnlosen. 30 Minuten Zeitverschiebung. Alles aus der Bahn, alles neu planen. Aber für meine Kollegin war es wohl schrecklich. Keine Ahnung warum. Aber eines weiß ich ganz genau: Das ich nicht weiß, was meine Kollegin jetzt eigentlich von mir wollte.

Das Fazit, welches ich aus diesem Gespräch für mich ziehen konnte ist, dass meine „Andersartigkeit“ im täglichen Umgang mit meinen Kollegen in der Kommunikation und im Sozialverhalten sowie der Art und Weise, wie ich Kontakt aufnehme und gestalte mehr auffällt, als ich bisher dachte. Und es daher offensichtlich zu Missverständnissen kommt. Diese Missverständnisse und Schwierigkeiten entstehen, da ich Probleme mit der sozialen Interaktion und Kommunikation im Allgemeinen habe. Erschwerend kommt hinzu, dass ich Aussagen anderer meist nicht oder anders verstehe und mich selbst – trotz meines recht hohen Sprachniveaus – oft nicht verständlich ausdrücken kann. Zudem ist meine Verarbeitungskapazität für verbale Informationen und Sätze eingeschränkt oder wird durch äußere Reize, welche gerade in einer Kindertagesstätte reichlich vorhanden sind, gestört. Dadurch ist die Verarbeitungszeit viel länger und die Reaktionen meinerseits erfolgen aus diesem Grund verzögert. Oder eben gar nicht. Auch lenken mich andere Reize sehr schnell und leicht ab, bspw. die Schönheit der Scherben – am liebsten hätte ich sie fotografiert – und vergesse darüber hinaus, was gesagt wurde und reagiere mehr aus meiner Routine heraus als aufgrund des an mich gerichteten Satzes. Dabei macht sich auch die Schwierigkeit bemerkbar, flexibel auf neue oder veränderte Situationen zu reagieren.

Gerade im oft hektischen, lauten und bisweilen chaotischen Kita-Alltag oder bei solchen „Sondersituationen“ kann ich mich nur schwer auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren und überhöre dadurch oft wichtige Hinweise und Aufforderungen, welche durch den Tonfall, die Sprachmelodie oder andere nonverbale Signale vermittelt wurden. Und so entstehen diese Missverständnisse und der Eindruck von Desinteresse oder Ablehnung der betreffenden Person.

Viele Jahre habe ich gebraucht mühsam zu erlernen, welche Gesten, Mimiken und Körperhaltungen was bedeuten und wie und wann sie am besten eingesetzt werden. Perfekt darin bin ich bis heute nicht. Viele Stunden verbringe und habe ich vor unserem Bad-Spiegel verbracht, um im Alltag wahrgenommene Mimiken nachzuahmen und mir einzuprägen, wie sich bei welcher Grimasse mein Gesicht anfühlt. Diese erlernten Gefühle und Grimassen versuche ich auf soziale Situationen zu übertragen.