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Schreibkompetenz als Spezialinteresse

Wie in meinem Blogbeitrag Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes bereits beschrieben, liebe ich es und kann mich schon immer besser schriftlich als mündlich ausdrücken. Wer seine Vorliebe im mündlichen Bereich findet, d.h. lieber von Angesicht zu Angesicht erzählt und sich auch adäquat ausdrücken und dabei mit Satzteilen jonglieren kann, der verfügt möglicherweise über eine gewisse sprachliche Kompetenz bzw. Fähigkeit. Wer allerdings lieber schreibt und im Allgemeinen schriftlich unterwegs isst, Schachtelsätze und neue Welten erschaffen kann, der könnte von sich behaupten, sich eine Schreibkompetenz angeeignet zu haben, welche über die normale Normalität hinausgeht. Aber was genau ist eigentlich Schreibkompetenz? Und warum schreibe ich einen Blog darüber?

Wie in der Überschrift vermutlich ersichtlich wird, zählt diese Form des schriftsprachlichen Umgangs seit einigen Monaten zu einem meiner Spezialinteressen. Es fing langsam an, zunächst mit dem – bereits seit der Kindheit bestehenden – Wunsch, unendlich viel zu Lesen. Das begründet auch die in „Schreiben als Weg: Die kreative Kraft des Wortes“ genannte Bücherzahl, welche sich in meinem Bücherregal angesammelt hat. Zudem interessierte ich mich schon immer für Zitate und Sprüche und fing irgendwann an, selbst welche zu kreieren. Immer aus Situationen heraus, aus Gedanken, welche mich beschäftigten und in meinem Kopf hängen blieben. Ich fing an, immer mehr zu lesen – auch wissenschaftlichere Bücher wie bspw. „Erkenne die Welt“ von Richard David Precht, in welchem es um die Geschichte der Philosophie geht. Auf dem Klappentext des Buches findet sich folgendes Zitat „Lesen ist denken mit einem fremden Gehirn. Doch das Gelesene zu verarbeiten, ist ein fortwährender Dialog mit uns selbst. Was lockt, ist die Aussicht, intelligenter über die Welt nachdenken zu können als zuvor.“
Je mehr ich las, desto tiefer verschwand ich in der Welt der Schriftsprache – in eine Welt aus unzähligen Buchstaben, Punkten, Ausrufezeichen und Kommata – in eine Welt in der ich mich wohl fühlte, in der ich aufblühte – in eine Welt in die ich immer tiefer eindringen wollte. Und das ist mir auch gelungen – sofern ich dies von mir behaupten kann. Neulich zeigte ich meiner Chefin meine Zielvereinbarung – Lerngeschichten der Kinder. Viiiiel zu viel geschrieben, war die Reaktion. Das können wir nicht leisten – zumal mehr als die Hälfte des Teams Deutsch nicht als Muttersprache besitzt. Aber sie freue sich, so etwas auch einmal in Händen zu halten und bewundere mein großes Wissen bezüglich der deutschen Sprache und des Verfassens von diversen Texten – und seien es bloß die weniger wissenschaftlichen Lerngeschichten der Kinder. Ich liebe es einfach zu formulieren …

Kommen wir nun zum ersten Teil der Überschrift des Blogs: Was genau ist Schreibkompetenz eigentlich? Da ich dies mit eigenen Worten eher mangelhaft erklären könnte, bediene ich mich an dieser Stelle der Informationen der Internetseite der Universität Bamberg:   Schreibkompetenz UNI Bamberg

  1. Schreibkompetenz

„Mit dem Begriff bezieht man sich im Allgemeinen auf die Fähigkeit, komplexe sprachliche Äußerungen bzw. Texte so zu verfassen, dass sie über Raum und Zeit prinzipiell für andere und einen selbst lesbar sind. […] Schreibkompetenz ist demnach ein wesentlicher Aspekt von Sprachkompetenz im Medium der Schrift.“ Diese setzt sich aus verschiedenen sprachlichen Teilfähigkeiten zusammen. „Um Teilfähigkeiten genauer zu beschreiben, orientiert man sich häufig an Schreibprozessmodellen“ (Krelle 2013, 326 f.).

Unter einer voll ausgebildeten Schreibkompetenz versteht man die Fähigkeit, einen Text abstrahiert vom Hier und Jetzt, über die unmittelbare Schreibzeit und den Schreibort hinaus und entsprechend einer Schreibfunktion prinzipiell für jedermann lesbar zu verfassen (vgl. Ossner 1995) und damit verschiedene Funktionen der Schriftlichkeit zu realisieren. Diskutiert wird Schreibkompetenz vor allem in Zusammenhang mir den (z.T. enttäuschenden) Ergebnissen aus empirischen Studien, d.h. in Bezug auf Interventionsmöglichkeiten; so erörtert z.B. Schäfer (2009) Möglichkeiten der Erfassung von “Schreibschwierigkeiten“ bei Hauptschüler/-innen. Die neuere Forschung betont aber viel grundsätzlicher, dass neben „Textwissen“ (Formen des Schreibens, Textsorten) auch „Schreibbewusstsein“ gebraucht wird (vgl. Berning 2011); dieses umfasst neben einer Reflexion von Schreibzielen und der Möglichkeit/Bereitschaft zur Textverbesserung vor allem eine metakognitive Komponente, nämlich die Fähigkeit zur (Selbst-)Beobachtung und damit Steuerung des gesamten Prozesses (vgl. Berning 2011, 12).

 

Schreibkompetenzmodelle

Modelle der Schreibkompetenz beruhen auf der Idee, dass hierfür unterschiedliche Teilkompetenzen nötig sind, die vom Schreiber sukzessive entwickelt, ausgebaut oder in eine bestehende Kompetenz integriert werden (vgl. Münch 2006). Unstrittig ist, dass Schreibkompetenz Wissen voraussetzt (z.B. über das Schreibmedium, die Rechtschreibung, die Lexik, das Thema usw.) Verschiedene Wissenstypen werden dabei differenziert (vgl. Becker-Mroczek/Schindler 2008):

  • Deklaratives Wissen (Wissen über Sachverhalte, z.B. Fakten und Begriffe)
  • Problemlösewissen (Wissen über Problemlösestrategien)
  • Prozedurales Wissen (Entlastung beim Schreibprozess durch Automatisierung von Schreiboperationen)
  • Metakognitives Wissen (Überwachung und Kontrolle selbstgesteuerter Lernprozesse)

Fix unterstützt diese Unterteilung der Wissenstypen generell. Er versteht die Schreibkompetenz des Weiteren „als die Fähigkeit,

  1. a)    pragmatisches Wissen,
  2. b)    inhaltliches Wissen,
  3. c)     Textstrukturwissen und
  4. d)    Sprachwissen

in einem Schreibprozess so anzuwenden, dass das Produkt den Anforderungen einer (selbst- oder fremdbestimmten) Schreibfunktion (z.B. Anleiten, Erklären, Unterhalten) gerecht wird“ (Fix 2008, S.33)

Damit schließt Schreibkompetenz folgende Teilkompetenzen ein:

  • Planungskompetenz (Textentwicklung: von eigenem Wissen zu differenzierter Nutzung externer Wissensspeicher, z.B. Internet, Lexika)
  • Formulierungskompetenz (Entwicklungsprozess sprachlicher Struktur- und Ausdrucksformen)
  • Überarbeitungskompetenz (Überarbeitungshandlungen, z.B. orthographische Korrekturen)
  • Ausdruckskompetenz (z.B. Textsortenspezifität, Adressatenbezug)
  • Kontextualisierungskompetenz (Textverständnis durch Kontextualisierung)
  • Antizipationskompetenz (Entwicklung von Ichbezogener Textwahrnehmung zu einem erweiterten, generalisierten Adressatenbezug)
  • Textgestaltungskompetenz (Entwicklungstendenzen von assoziativ-reihender Textgestaltung zu schema- oder textsortengestalteter Textordnung) (vgl. Pohl 2014, 114 ff.).

Dabei besteht eine enge Beziehung von Schreiben und Denken im Erfinden und Verknüpfen, im Urteilen und Schließen sowie im Erinnern.

 

Schreibkompetenz erwerben: die Entwicklungsperspektive

Verschiedene Studien – beispielsweise DESI – zeigten, dass die Entwicklung von Schreibfähigkeiten (Sprach-, Wortschatz- und Syntaxentwicklung) abhängig vom Schreibinteresse, von sozialen Faktoren, Lebensalter und Rückmeldung durch geeignete Leser erfolgt. Hierbei folgen auf erste „literacy events“ und Einsichten in das Symbolsystem Schrift vielfältige Erfahrung mit Schreiben als Handeln.
Die allmähliche Entstehung von Fähigkeiten im narrativen (erzählenden), deklarativen (aufweisenden) und argumentativen (erörternden) Schreiben wird als Textkompetenzerwerb bezeichnet. Eine Längsschnittstudie von Augst et al. 2007 befasste sich mit der Entwicklung von 39 Kindern von der 2.-4. Klasse, in Bezug auf deren Fähigkeit Texte im Rahmen verschiedener kommunikativer Anforderungen zu schreiben.  Aufgabe dieser Kinder war es, je einen Text in fünf Textsorten zu verfassen. Die Auswertung erfolgte in drei Schritten:

  1. Einordnung der Textexemplare in Stufenmodelle
  2. Untersuchung der Veränderungen sprachlicher Merkmale (z.B. Textrahmungselemente, Grammatik, Textlänge)
  3. Untersuchung der Veränderung textsortenspezifischer Aspekte

Die zentralen Erkenntnisse der Längsschnittstudie ergaben, dass von Anfang an textsortenspezifische Schreibleistungen bzw. sprachliche Merkmale feststellbar waren. Innerhalb der nächsten Entwicklungsstufe konnten bereits textsortenspezifisch gewählte Textgenerierungsmechanismen unterschieden werden (z.B. spezifische Wahl von möglichen Textbausteinen; vgl. August et al. 2007)

Zum Erwerb von Text(sorten)kompetenz gibt es verschiedene Entwicklungsmodelle (vgl. ausführlicher Feilke 2003 und zusammenfassend Wrobel 2010 sowie Becker-Mroczek 2014).

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Was ist (soziale) Integration? – Eine Definition

In einem meiner letzten Blogbeiträge legte ich eines der Themen meiner Facharbeit dar, welche wie folgt lautete: Die Notwendigkeit der Integration . Heute blogge ich einen weiteren Teil meiner Facharbeit. Wie die Überschrift erkennen lässt, beschäftigt sich dieser Artikel mit der Frage „Was ist (soziale) Integration?“ überhaupt, und versucht dies ein wenig zu definieren. Da die Facharbeit im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin erstellt wurde, wird hier in erster Linie von Kindern gesprochen. Natürlich gilt all dies auch für Erwachsene.

„Integration ist nicht ein anzustrebender Zustand, sondern Weg und Ziel zugleich.“ (Wolfgang Dichans)

Unter (sozialer) Integration versteht man die Betreuung bzw. Aufnahme von unterschiedlichen Kindern in die Gesellschaft, die in einer Kindertageseinrichtung gleich ihrer Hautfarbe, Kultur, Herkunft, Krankheit oder Behinderung betreut und gefördert werden. Der Begriff umfasst also auch die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nicht – behinderter Kinder in einer sozialen Gemeinschaft. Dies bedeutet, dass eine Lebenswelt geschaffen werden soll, in der sich die Kinder mit ihren Unterschieden gegenseitig achten und wertschätzen. Offenheit sowie Respekt für diese Unterschiede sollen keine Fremdworte mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Bei meiner Recherche über Integration beschäftigte ich mich zudem auch mit Literatur von Georg Feuser, welcher in einem seiner im Internet veröffentlichten Texte „Integration als gemeinsame Tätigkeit (Spielen/Lernen/Arbeiten) am gemeinsamen Gegenstand/Produkt in Kooperation von behinderten und nichtbehinderten Menschen“ bezeichnet und dadurch verdeutlicht, dass Menschen dann integriert werden, wenn sie in eine soziale Situation, eine Arbeits- und Kommunikationsgemeinschaft mit einbezogen und in ihrem „Anderssein“ akzeptiert werden.

Wie auch schon im Zitat von Wolfgang Dichans geschrieben, ist die Integration nicht ein Zustand, der erreicht werden soll, sondern der Weg in eine wertschätzende und achtsame Gesellschaft und das Ziel für die Bereicherung des Lebens nichtbehinderter und behinderter Kinder und Erwachsener. Es soll also erreicht werden, dass es für die Gesellschaft völlig normal ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mit altersgerecht entwickelten Menschen in einer sozialen Gruppe zusammenleben.

Doch wie ist diese Integration bei autistischen Kindern umsetzbar? Was kann die Gesellschaft tun um uns, um Autisten, in ihren Alltag zu integrieren? Um nicht zu viel in einen Blog zu packen werde ich dies aus strukturellen und „Übersichts-“ Gründen in einem meiner folgenden Blogbeiträge darlegen.

Gedankenwellen #4

>>Nicht viele sind der Sprache mächtig, die ich zu verstehen vermag. Einer Sprache, welche weit mehr wert ist als die unsere. Die Sprache der Natur, der Stille und die der Dunkelheit.<< ©FS

Diesen Spruch schrieb ich auf. Irgendwann im Jahre 2011. Vor der Diagnose. Zu einer Zeit in der ich lediglich ahnte, dass ich „anders“ war und bin. Heute – und nach der Diagnose – betrachte ich diesen Spruch mit einer anderen Sichtweise. Und an dieser Stelle möchte ich diese darlegen:

Die Sprache der Natur

Schon immer verbrachte ich gerne viel Zeit in der Natur. Besonders gerne im Wald. Später dann bei meinen Schildkröten. Die Natur hat für mich eine Sprache, welche durch ihre Klänge, Düfte, Texturen sowie Muster und Farben mit mir kommuniziert. Stundenlang könnte ich die sich im Wind bewegenden Blätter einer Birke beobachten, wie sie grün – gräulich glitzern und bei jedem Windstoß hin und her bewegen ohne den Halt zu verlieren und davongetragen zu werden. Stundenlang könnte ich mit der Hand über die Rinde eines Baumes oder über die samtige Oberfläche eines Blattes fahren, um dessen Textur zu spüren. Die Natur mit all ihren Gegebenheiten und Wundern verfügt über eine tiefgründige und wunderschöne Komplexität, welche es mir ermöglicht zu entspannen und einfach nur zu genießen.

Die Sprache der Stille

Stille ist ein wichtiges Gut für mich in dieser viel zu lauten und viel zu schnellen Welt. Früher schon saß ich stundenlang in meinem Zimmer am Schreibtisch, tat dies und das oder blickte aus dem Fenster – und es war still. Einfach leise. Manchmal habe ich eine große Sehnsucht nach Stille. Einer Stille in und vor allem außerhalb von mir, welche mich endlich von dem permanenten Druck der Gesellschaft und des „funktionieren-müssens“ befreit. Einer Stille, welche all meine Gedanken und mich selbst zu einem Ort bringt, an welchem es kein „Außen“ mehr gibt und ich ich sein darf und kann. Kein „Außen“ mehr, welches ständig und jeden Tag aufs neue von mir erwartet, dass ich seinen Vorstellungen entsprechend funktioniere – ungeachtet dessen, ob ich meine Grenzen ständig überschreite oder nicht. Stille und das Erfahren der Stille ist ein wichtiges Prinzip in meinem Leben. Lärm und Alltagsstress / -Geräusche überreizen meine Nerven, lenken extrem meine Aufmerksamkeit ab und mich in Overloads. In der Stille habe ich die Möglichkeit zu echten freien Gestaltung – sei es das Schreiben oder Malen – und kann mich Ablösen von dem ziellosen und lärmenden Alltag der Gesellschaft um mich herum. Doch je seltener ich zu diesen Stillemomenten komme, desto unkreativer werde ich, desto overloadgeprägter ist mein Alltag und desto größer ist mein Frust nicht meinen Spezialinteressen nachgehen zu können.

Die Sprache der Dunkelheit

Genau wie die Stille spielt auch die Dunkelheit eine wesentliche und wichtige Rolle innerhalb meines Alltages. Oftmals werde ich im Tagesverlauf mit vielen Reizüberflutungen überfordert und bisweilen an meine Grenzen gebracht. Die Dunkelheit tritt mit der Stille in eine Verbindung. Beide gehören für mich zusammen, Stille und Dunkelheit – Dunkelheit und Stille, und trotzdem kann ich sie unabhängig voneinander für mich erfahrbar machen. Jetzt beginnen wieder die dunklen Monate. Die Monate, in welchen es am Morgen später hell und am Abend früher dunkel wird. Im Gegensatz zu den meisten NT’s macht mir das nichts aus. Im Gegenteil. Für mich ist die Dunkelheit besser, denn so bleiben die vielen Reizüberflutungen aus. Daraus resultiert auch, dass ich mich besser konzentrieren kann und vor allem denken – weil die Welt da draußen nicht da ist. Das einzige was mich stört – an dieser Dunkelheit – sind die Leuchtstoffröhren unserer meiner Einrichtung. Unnatürliches Licht, welches in den Augen schmerzt. An kalten Wintertagen ohne Sonne leuchtet es den ganzen Tag grell von der Decke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Musik zu Gefühlen wird

Mit dem Fahrrad querfeldein, vorbei an Häusern, vorbei an Menschen. Bäume ziehen wie grüne Schleier an mir vorbei. Jeder Vogel, jeder Mensch, jeder Grashalm, welcher sich im Wind bewegt, bekommt mit jedem neuen Rhytmus der Musik in meinen Ohren ein Gefühl geschenkt. Eine Welle, die mich das Fühlen leert. Je nach Melodie ist sie traurig, euphorisch, fröhlich, glücklich, verliebt…“Adel Tawil – Ist da jemand“ dröhnt in Maximal- aber noch erträglicher -Lautstärke in meinen Ohren. Es könnte mein Gehör schädigen, sagt mir mein MP3-Player jedesmal. Mir egal, denke ich mir. Das, was ich dafür bekomme ist so viel mehr wert. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, denke an meinen Partner. Eine warme Welle rollt auf mich zu und schlägt über mir zusammen. Und in diesem Moment kann ich fühlen. Fühlen wie sehr ich ihn liebe …

Musik kann in mir Gefühle auslösen bzw. meine Standard – Wellen verstärken und intensivieren. Mein Leben ist hauptsächlich von einer kalten Gefühlslosigkeit geprägt. Dass einzige was ich „fühle“ sind unterschiedliche Wellen in unterschiedlich starken Ausprägungen. Quasi meine Erinnerungen an Gefühle. Dazwischen gibt es eine kalte Leere, welche einzig und alleine durch das Hören von Musik gefüllt werden kann. Am liebsten höre ich Musik während des Fahrrad fahrens. So laut, dass sämtliche Außengeräusche verschwinden. Zu dieser Zeit, meist um die zwei Stunden, kann ich komplett abschalten und die Welt bis auf einen einzigen Reiz (das Sehen) ausblenden. Sobald die Musik in meinen Ohren ankommt schaltet mein Gehirn um auf Automodus. Und alles in der Natur wird musikalisch untermalt und begleitet. So lässt sie mich bspw. fühlen, wie der Wind durch die Grashalme streift. Gesichtsausdrücke von Menschen die mir begegnen werden besser erfasst, ausgewertet und einem Gefühl zugeordnet. Ob das Gefühl stimmt oder nicht ist in diesem Moment völlig gleichgültig. Hauptsache Gefühl. Ein weiteres, welches als Welle für später abgespeichert werden kann.

Dieses „Abspeichern“ bringt mich ein bisschen näher an die Welt der NT’s. Denn ich kann mir etwas aufbauen, was diese schon längt besitzen. Eine intensive und ausgeprägte Gefühlswelt. Ob sie jemals so intensiv und ausegprägt sein wird wie die der NT’s weiß ich nicht. Aber wenigstens komme ich ihr damit ein Stückchen näher.

Klar ist, dass dieses Phänomen nicht alleine den (Asperger-) Autisten zuteil wird. Auch die gängigen NT – Modelle lassen sich durch Musik emotional anstecken. Wenn sie beispielsweise eine fröhliche Melodie hören, beginnen sie zu lächeln. Oft bleibt dies jedoch unbemerkt. Doch auch ganz bewusst können diese Gefühle herbeigeführt werden, indem sie ganz bewusst jene Musik hören, welche sie an ein ganz bestimmtes Ereigniss erinnert, um die Emotionen, die mit diesem Ereignis verbunden sind, zu erleben. Der entscheidende Unterschied zwischen NT’s und mir ist jedoch, dass NT’s in der Regel auch ohne Musik über eine breite Gefühlspalette verfügen. Und diese durchaus auch ohne Musik zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufen können. Ich kann mit solch einer Gefühlspalette leider nicht dienen und bin angewiesen auf das, was Musik in mir auslöst um die Gefühle für später speichern zu können.

Wahrnehmung

Oft werden in Verbindung mit Autismus gewisse Besonderheiten hinsichtlich der sinnlichen Wahrnehmung genannt. Insbesondere fallen hier wohl die – manchmal als sonderbar erscheinenden – Reaktionen auf sensorische Reize durch ihre extreme Über- oder eine ausgeprägte Unterempfindlichkeit auf. So reagiert der eine auf bestimmte Geräusche mehr und dafür auf Schmerz eher weniger, und umgekehrt. Auch können sich diese Empfindlichkeiten im Laufe des Lebens und der Entwicklung verändern, verschlechtern oder geringer werden. Zu betonen ist jedoch, dass diese Besonderheiten der Wahrnehmung bei Autismus zwar häufig sind, aber nicht nur auf Menschen mit Autimus zutreffen und von keinem Autisten in derselben Weise erfahren werden. Alles hier aufgeführte gehört zu meiner individuellen Wahrnehmung.

Bevor ich die Diagnose erhielt, lief ich lange Zeit mit dem Gedanken durch den Kopf, all die Menschen die mir begegnen, würden über die selbe intensive Wahrnehmung verfügen wie ich. Doch schon recht bald und gerade nach der Diagnose begriff ich, dass viele Dinge, die ich eben wahrnehme wie ich sie wahrnehme viel intensiver, ausgeprägter und anstrengender sind als die Wahrnehmung der NT`s. So können diese – anders als ich – bspw. bei Gesprächen „abschalten“ und Alltagsgeräusche überhören.

Hören: Die Überempfindlichkeit meines Gehörs ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes unüberhörbar. Viele Geräusche, Töne oder gesprochene Worte in einer bestimmten Stimmlage empfinde ich als schrecklich unangenehm und bisweilen sogar schmerzhaft. Erst am schon länger vergangenen alljährlichen Osterkaffee bei meiner Oma wurde ich mal wieder solch einer, wie ich sie nenne, „Megageräuschkulisse“ ausgesetzt. Sechs Personen saßen an einem runden Tisch. Hier unterhielten sich zwei und dort zwei quer über den Tisch miteinander. Da wurde gekaut, mit der Gabel gekratzt oder mit dem Geschirr geklappert. Je mehr Menschen sich unterhielten, desto unerträglicher wurde es. Fazit: Ohren zuhalten. Auch meinem Opa erging es nicht besser. Ob das nun an seinem Alter oder dem vermuteten Autismus lag – keine Ahnung. Nach ca. 45 Minuten Dauerbeschallung und daraus folgender Überreizung antwortete mein Körper mit einer typischen Reaktion: Gähnen (um möglichst schnell der Situation entrinnen zu können) und einem stetig anhaltenden Kopfschmerz. Grund für diese enorme Überreizung ist, dass ich außer den zahlreichen Gesprächen auch sämtliche andere Geräusche gut hörbar wahrnehme. Auch solche, die für andere nicht mehr wahrnehmbar sind. Dadurch bin ich stets einer großen Fülle an akustischen Reizen ausgesetzt. Reaktion auf dieses Zu-viel an Reizen ist das Abschalten meiner akustischen Wahrnehmung. Zudem habe ich echte  Schwierigkeit aus der Menge an Geräuschen und anderen Reizen das Wichtigste herauszufiltern. Zum Beispiel kann ich dann einem Gespräch nicht folgen, weil die Nebengeräusche die Worte meines Gegenübers übertönen. Wie bereits in Kommunikation – Missverständnisse erwähnt, wird gerade in Bezug auf die akustischen Reize – Geräusche und Sprache – eine längere Verarbeitungszeit benötigt und daher entsteht das Problem, die Bedeutung des Gehörten zu erfassen.

Sehen: Auch die Faszination von visuellen Reizen gehört zu eine meiner Besonderheiten in meiner Wahrnehmung. So nehme ich die Welt nicht als Ganzes wahr, sondern bemerke die vielen Einzelheiten drumherum. Der Blick für das große Ganze geht so häufig verloren. Viel lieber konzentriere ich mich auf die Kleinigkeiten in meiner Umgebung, welche von vielen NT’s meist übersehen werden. Ebenfalls auffällig ist meine Überempfindlichkeit gegenüber hellem Licht und grellen Farben. Das lässt gerade das Autofahren für mich sehr kompliziert werde, da hier häufiger grelle Farben auftreten. Bspw. bei Regenfällen, etc.  Auch das Vermeiden bestimmter Reize zählt zu diesem Sinnesbereich dazu. Ganz konkret meine ich damit den Blickkontakt. Wenn ich mit Menschen spreche, dann schaue ich ihnen auf den Mund oder, je nach Tagesform, auch im Raum umher.

Schmecken, Tasten und Riechen: Am liebsten bevorzuge ich die sogenannten „Nahsinne“, was im Allgemeinen bedeutet, dass ich ein starkes Interesse daran habe, bekannte, aber vor allem auch mir unbekannte Gegenstände zu betasten oder an ihnen zu riechen um sie so quasi mit allen Sinnen zu erleben. Im Bereich des Schmeckens habe ich eine  bregrenzte Auswahl an Speisen die ich bevorzuge. Diese begrenzte Auswahl ist auf die Abneigung gegenüber bestimmter Gerüche und / oder Geschmäcker der Lebensmittel zurückzuführen. So esse ich bspw. Spargel nicht gerne, weil sie mir einfach nicht schmecken, sondern weil die Konsistenz der gekochten Spargeln bei mir einen Würgereiz auslösen. Bei Overloads oder Meltdown kommt es mitunter häufig vor, dass ich als „Gegenreiz“  manchmal extreme Sinnesreize suche. Das heißt, dass ich mich bspw. selbst schlage um dem Gefühl des Meltdowns zu entkommen. Je nach Tagesform variiert auch die Wahrnehmung von Berührungen. So empfinde ich an manchen Tagen leichte Berührungen als unangenehm, stärkere Reize (feste Umarmungen) aber durchaus als angenehm. Und umgekehrt. Auch Wahrnehmung von Temperatur und Schmerz empfinde ich als gedämpft. So kann mein Partner bspw. nicht nachvollziehen wie ich mich zunächst „kochend heiß“ (um die 43°C) und anschließend eiskalt abduschen kann.

Routine „Sport“

Früher hasste ich Sport. Sport in der Schule war der pure Horror. Sport im Verein, in welchen mich meine Mutter steckte, ein nerviges Übel. Das alles aber änderte sich 2014. 2014 kaufte ich mir ein Mountainbike. Kurz vor meiner vierten Knie-OP. Und zum ersten Mal entwickelte ich Wellen für einen Gegenstand.

Überall kann man es lesen: Sport ist gesund. Sport fördert die Beweglichkeit und hilft dem Herzen sowie bei einer gesünderen Lebensweise. Das sind Gründe warum man Sport machen könnte. Ich mache Sport aber nicht aus diesen Gründen. Ich mache Sport, weil er mich das Leben spüren lässt. Und weil er bisher verhindern kann, dass aus den depressionsähnlichen Zuständen, die mich hin und wieder ereilen, richtige Depressionen werden.

Einige der Menschen mit Asperger-Syndrom die ich kenne mögen Sport. Diesen führen sie aber in der Regel nicht als Mannschaftssport aus, sondern ziehen es vor Sportarten zu wählen, die sie alleine machen können. Darunter fallen zum Beispiel das Rad fahren, schwimmen oder laufen.
Ich selbst gehe zwei Mal pro Woche schwimmen und fahre bis zu 4-5 Mal die Woche Fahrrad bzw. Mountainbike. Durch diese zwei Sportarten, vor allem durch das Fahrrad fahren, habe ich gelernt, meinen Körper richtig wahrzunehmen, meine Grenzen kennen zu lernen und mein Stresslevel auf einem akzeptablen Mittelpunkt zu halten. Zu Beginn des Trainings erforderte es sehr viel Disziplin von mir, vor allem im Bereich des Schwimmtrainings. Wer möchte schon bei Wind und Wetter auf sein Rad steigen? Oder sich in einer lauten Halle in eisig kaltes Wasser quälen? Aber nachdem ich bemerkte, was der Sport mit meinem Körper macht und das ich ihn brauche, wurde es mit der Zeit zu einer meiner Routinen. Nun ist er ein fest integrierter Bestandteil meines Alltages und nicht mehr wegzudenken. Schwimmen gehe ich regelmäßig montags und mittwochs. Nach wie vor quäle ich mich ins Wasser. Ich schwimme in einem Verein, in einer festen Gruppe mit immer den gleichen „Trainingspartnern“. Wobei es keine wirklichen Trainingspartner sind. Wir alle arbeiten nur ein und denselben Trainingsplan ab. Mehr nicht.

Mit meinem Mountainbike bin ich immer alleine unterwegs. Ich habe feste Routen mit unterschiedlichen Kilometerzahlen (10 – 40km), die ich je nach Wetterlage auswähle. In den Ohren habe ich grundsätzlich meine Stöpsel aus denen Musik kommt. Ich brauche zum Sport treiben einfach meine Ruhe von Außengeräuschen. Nur dann kann ich mich auf mich selbst konzentrieren und mich spüren und werde nicht von der Umgebung, dem vielen unterschiedlichen Lärm und den Menschen abgelenkt.
All das habe ich mir ganz ohne Trainer aufgebaut. Ich brauche auch niemanden der mir sagt, was ich tun und lassen soll, der mich antreiben oder motivieren will. Ich kann selbst bestimmen, wann ich wieviele Kilometer Fahrrad fahre, oder welche Schwimmstile ich anwende.

Aber eigentlich bin ich überhaupt nicht an Sport interessiert. Ich tue es, um nicht abzurutschen in eines der schwarzen Löcher. Um meinen Alltag zu bewältigen und einen Ausgleich zu meiner Arbeit zu schaffen. Und ich tue es, um im Gleichgewicht zu bleiben. Doch was ist wenn es einfach mal nicht geht? Immer wieder kommt es vor, dass ich krank werde. Sei es durch zu viel Stress oder weil ich von Viren und Bakterien heimgesucht werde. Dann ist es natürlich nicht möglich schwimmen zu gehen oder Fahrrad zu fahren, was für mich eine Unterbrechung meiner normalen Routinen beudeutet. Das widerrum bedeutet Stress und Stress verwandelt sich sehr schnell in Overloads. Eine Woche Zwangspause gestalten sich als äußerst kompliziert, weil mein Körper stetig nach der Fortsetzung seiner Routinen strebt. Was erschwerend hinzukommt, sind die oben genannten depressionsähnlichen Zustände. Diese werden durch den exzesessiven Sport (kurzzeitig!) abgemildert oder unterdrückt. Kann ich keinen Sport treiben, flammen diese Zustände – je länger die Sportpause dauert – immer mehr auf. Und je mehr sie aufflammen, desto unzufriedener, unausgeglichener und anfälliger werde ich für sie.

Die Übersetzung der Welt

Ein Blog der die Welt übersetzt? Gibt es so etwas überhaupt? Kann man die Welt übersetzen? Oh ja, das kann man! Vor allem dann, wenn sie ein klein wenig anders ist und eine Übersetzung notwendig, um “die andere Welt” zu verstehen.

Ich bin Asperger – Autistin, nur wusste das keiner bis ich ungefähr 12  war. Davor war ich einfach nur anders, dass aufgedrehte, in sich gekehrte Mädchen das am aller liebsten für sich ganz alleine war.

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