Schlagwort-Archive: Empfindung

Wahrnehmung

Oft werden in Verbindung mit Autismus gewisse Besonderheiten hinsichtlich der sinnlichen Wahrnehmung genannt. Insbesondere fallen hier wohl die – manchmal als sonderbar erscheinenden – Reaktionen auf sensorische Reize durch ihre extreme Über- oder eine ausgeprägte Unterempfindlichkeit auf. So reagiert der eine auf bestimmte Geräusche mehr und dafür auf Schmerz eher weniger, und umgekehrt. Auch können sich diese Empfindlichkeiten im Laufe des Lebens und der Entwicklung verändern, verschlechtern oder geringer werden. Zu betonen ist jedoch, dass diese Besonderheiten der Wahrnehmung bei Autismus zwar häufig sind, aber nicht nur auf Menschen mit Autimus zutreffen und von keinem Autisten in derselben Weise erfahren werden. Alles hier aufgeführte gehört zu meiner individuellen Wahrnehmung.

Bevor ich die Diagnose erhielt, lief ich lange Zeit mit dem Gedanken durch den Kopf, all die Menschen die mir begegnen, würden über die selbe intensive Wahrnehmung verfügen wie ich. Doch schon recht bald und gerade nach der Diagnose begriff ich, dass viele Dinge, die ich eben wahrnehme wie ich sie wahrnehme viel intensiver, ausgeprägter und anstrengender sind als die Wahrnehmung der NT`s. So können diese – anders als ich – bspw. bei Gesprächen „abschalten“ und Alltagsgeräusche überhören.

Hören: Die Überempfindlichkeit meines Gehörs ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes unüberhörbar. Viele Geräusche, Töne oder gesprochene Worte in einer bestimmten Stimmlage empfinde ich als schrecklich unangenehm und bisweilen sogar schmerzhaft. Erst am schon länger vergangenen alljährlichen Osterkaffee bei meiner Oma wurde ich mal wieder solch einer, wie ich sie nenne, „Megageräuschkulisse“ ausgesetzt. Sechs Personen saßen an einem runden Tisch. Hier unterhielten sich zwei und dort zwei quer über den Tisch miteinander. Da wurde gekaut, mit der Gabel gekratzt oder mit dem Geschirr geklappert. Je mehr Menschen sich unterhielten, desto unerträglicher wurde es. Fazit: Ohren zuhalten. Auch meinem Opa erging es nicht besser. Ob das nun an seinem Alter oder dem vermuteten Autismus lag – keine Ahnung. Nach ca. 45 Minuten Dauerbeschallung und daraus folgender Überreizung antwortete mein Körper mit einer typischen Reaktion: Gähnen (um möglichst schnell der Situation entrinnen zu können) und einem stetig anhaltenden Kopfschmerz. Grund für diese enorme Überreizung ist, dass ich außer den zahlreichen Gesprächen auch sämtliche andere Geräusche gut hörbar wahrnehme. Auch solche, die für andere nicht mehr wahrnehmbar sind. Dadurch bin ich stets einer großen Fülle an akustischen Reizen ausgesetzt. Reaktion auf dieses Zu-viel an Reizen ist das Abschalten meiner akustischen Wahrnehmung. Zudem habe ich echte  Schwierigkeit aus der Menge an Geräuschen und anderen Reizen das Wichtigste herauszufiltern. Zum Beispiel kann ich dann einem Gespräch nicht folgen, weil die Nebengeräusche die Worte meines Gegenübers übertönen. Wie bereits in Kommunikation – Missverständnisse erwähnt, wird gerade in Bezug auf die akustischen Reize – Geräusche und Sprache – eine längere Verarbeitungszeit benötigt und daher entsteht das Problem, die Bedeutung des Gehörten zu erfassen.

Sehen: Auch die Faszination von visuellen Reizen gehört zu eine meiner Besonderheiten in meiner Wahrnehmung. So nehme ich die Welt nicht als Ganzes wahr, sondern bemerke die vielen Einzelheiten drumherum. Der Blick für das große Ganze geht so häufig verloren. Viel lieber konzentriere ich mich auf die Kleinigkeiten in meiner Umgebung, welche von vielen NT’s meist übersehen werden. Ebenfalls auffällig ist meine Überempfindlichkeit gegenüber hellem Licht und grellen Farben. Das lässt gerade das Autofahren für mich sehr kompliziert werde, da hier häufiger grelle Farben auftreten. Bspw. bei Regenfällen, etc.  Auch das Vermeiden bestimmter Reize zählt zu diesem Sinnesbereich dazu. Ganz konkret meine ich damit den Blickkontakt. Wenn ich mit Menschen spreche, dann schaue ich ihnen auf den Mund oder, je nach Tagesform, auch im Raum umher.

Schmecken, Tasten und Riechen: Am liebsten bevorzuge ich die sogenannten „Nahsinne“, was im Allgemeinen bedeutet, dass ich ein starkes Interesse daran habe, bekannte, aber vor allem auch mir unbekannte Gegenstände zu betasten oder an ihnen zu riechen um sie so quasi mit allen Sinnen zu erleben. Im Bereich des Schmeckens habe ich eine  bregrenzte Auswahl an Speisen die ich bevorzuge. Diese begrenzte Auswahl ist auf die Abneigung gegenüber bestimmter Gerüche und / oder Geschmäcker der Lebensmittel zurückzuführen. So esse ich bspw. Spargel nicht gerne, weil sie mir einfach nicht schmecken, sondern weil die Konsistenz der gekochten Spargeln bei mir einen Würgereiz auslösen. Bei Overloads oder Meltdown kommt es mitunter häufig vor, dass ich als „Gegenreiz“  manchmal extreme Sinnesreize suche. Das heißt, dass ich mich bspw. selbst schlage um dem Gefühl des Meltdowns zu entkommen. Je nach Tagesform variiert auch die Wahrnehmung von Berührungen. So empfinde ich an manchen Tagen leichte Berührungen als unangenehm, stärkere Reize (feste Umarmungen) aber durchaus als angenehm. Und umgekehrt. Auch Wahrnehmung von Temperatur und Schmerz empfinde ich als gedämpft. So kann mein Partner bspw. nicht nachvollziehen wie ich mich zunächst „kochend heiß“ (um die 43°C) und anschließend eiskalt abduschen kann.

Advertisements