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Wenn Musik zu Gefühlen wird

Mit dem Fahrrad querfeldein, vorbei an Häusern, vorbei an Menschen. Bäume ziehen wie grüne Schleier an mir vorbei. Jeder Vogel, jeder Mensch, jeder Grashalm, welcher sich im Wind bewegt, bekommt mit jedem neuen Rhytmus der Musik in meinen Ohren ein Gefühl geschenkt. Eine Welle, die mich das Fühlen leert. Je nach Melodie ist sie traurig, euphorisch, fröhlich, glücklich, verliebt…“Adel Tawil – Ist da jemand“ dröhnt in Maximal- aber noch erträglicher -Lautstärke in meinen Ohren. Es könnte mein Gehör schädigen, sagt mir mein MP3-Player jedesmal. Mir egal, denke ich mir. Das, was ich dafür bekomme ist so viel mehr wert. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, denke an meinen Partner. Eine warme Welle rollt auf mich zu und schlägt über mir zusammen. Und in diesem Moment kann ich fühlen. Fühlen wie sehr ich ihn liebe …

Musik kann in mir Gefühle auslösen bzw. meine Standard – Wellen verstärken und intensivieren. Mein Leben ist hauptsächlich von einer kalten Gefühlslosigkeit geprägt. Dass einzige was ich „fühle“ sind unterschiedliche Wellen in unterschiedlich starken Ausprägungen. Quasi meine Erinnerungen an Gefühle. Dazwischen gibt es eine kalte Leere, welche einzig und alleine durch das Hören von Musik gefüllt werden kann. Am liebsten höre ich Musik während des Fahrrad fahrens. So laut, dass sämtliche Außengeräusche verschwinden. Zu dieser Zeit, meist um die zwei Stunden, kann ich komplett abschalten und die Welt bis auf einen einzigen Reiz (das Sehen) ausblenden. Sobald die Musik in meinen Ohren ankommt schaltet mein Gehirn um auf Automodus. Und alles in der Natur wird musikalisch untermalt und begleitet. So lässt sie mich bspw. fühlen, wie der Wind durch die Grashalme streift. Gesichtsausdrücke von Menschen die mir begegnen werden besser erfasst, ausgewertet und einem Gefühl zugeordnet. Ob das Gefühl stimmt oder nicht ist in diesem Moment völlig gleichgültig. Hauptsache Gefühl. Ein weiteres, welches als Welle für später abgespeichert werden kann.

Dieses „Abspeichern“ bringt mich ein bisschen näher an die Welt der NT’s. Denn ich kann mir etwas aufbauen, was diese schon längt besitzen. Eine intensive und ausgeprägte Gefühlswelt. Ob sie jemals so intensiv und ausegprägt sein wird wie die der NT’s weiß ich nicht. Aber wenigstens komme ich ihr damit ein Stückchen näher.

Klar ist, dass dieses Phänomen nicht alleine den (Asperger-) Autisten zuteil wird. Auch die gängigen NT – Modelle lassen sich durch Musik emotional anstecken. Wenn sie beispielsweise eine fröhliche Melodie hören, beginnen sie zu lächeln. Oft bleibt dies jedoch unbemerkt. Doch auch ganz bewusst können diese Gefühle herbeigeführt werden, indem sie ganz bewusst jene Musik hören, welche sie an ein ganz bestimmtes Ereigniss erinnert, um die Emotionen, die mit diesem Ereignis verbunden sind, zu erleben. Der entscheidende Unterschied zwischen NT’s und mir ist jedoch, dass NT’s in der Regel auch ohne Musik über eine breite Gefühlspalette verfügen. Und diese durchaus auch ohne Musik zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufen können. Ich kann mit solch einer Gefühlspalette leider nicht dienen und bin angewiesen auf das, was Musik in mir auslöst um die Gefühle für später speichern zu können.

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Die Notwendigkeit der Integration

Wie bereits erwähnt, schrieb ich meine Facharbeit im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin im Bereich „Soziale Integration von Kinder mit Autismus (…). Hier möchte ich nun einen Auszug veröffentlichen, welcher meiner Meinung nach relevant für ein gesellschaftliches Miteinander und die Akzeptanz gegenüber Menschen mit Autismus aber auch anderen beeinträchtigten Menschen ist. Die Facharbeit schrieb ich bevor ich diagnostiziert wurde. Sie war eine wichtige Tür zu meiner Diagnose.

Was ist soziale Integration? – Eine Defintion und warum diese Integration notwendig ist

Unter Integration versteht man die Betreuung und Aufnahme von unterschiedlichen Kindern in die Gesellschaft, die in einer Kindertageseinrichtung (…) betreut und gefördert werden.  Der Begriff umfasst also auch die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nicht behinderter Kinder in einer sozialen Gemeinschaft. Das bedeutet, dass eine Lebenswelt geschaffen werden sollte, in der sich Kinder mit ihren Unterschieden gegenseitig achten und wertschätzen. Offenheit sowie Respekt für diese Unterschiede sollen keine Fremdworte mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Integration ist kein Zustand der erreicht werden soll, sondern ein Weg in eine wertschätzende und achtsame Gesellschaft und das Ziel für die Bereicherung des Lebens beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Kinder und Erwachsener. Es soll also erreicht werden, dass es für die Gesellschaft völlig normal ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mit altersgerecht entwickelten Menschen in einer sozialen Gruppe zusammenleben.

„Das Bild einer Gesellschaft, die menschliche Werte über Begriffe wie Intelligenz, Schönheit, Ästhetik, Schnelligkeit und öhnliches definiert, wird durch Andersartigkeit gestört, also in ihrer Entwicklung und Ungestörtheit behindert. Es müsste demnach oft heißen, ‚der Mensch ist eine Behinderung‘ (für die anderen), nicht ‚er hat eine Behinderung‘.“ >>Angelika Rothmayr, Reha-Verlag<<

In diesem Zitat macht Angelika Rothmayr deutlich, wie wichtig und notwendig die Integration beeinträchtiger Menschen ist, da die Behinderung eines Menschen in den Köpfen der Gesellschaft beginnt und ein Problem für diese darstellt, nicht aber für den betroffenen Menschen selbst. Um dieses „Fehldenken“ der Gesellschaft dauerhaft und nachhaltig umzulenken ist es notwendig, durch Integration und damit verbundene integrative Einrichtungen nicht-behinderter Menschen von Kindheit an die Möglichkeit zu geben, Offenheit und Respekt des „Anderssein’s“ gegenüber zu entwickeln. Erst dann ist gewährleistet, behinderten Menschen durch die Achtung, Wertschätzung und respektvollen Behandlung eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. (…) Die vielen verschiedenen und vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten in Kindertagesstätten, Vereinen o.Ä. ermöglichen in Hinblick auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder und Erwachsenen Erfahrungen, Kompetenzen und eine Chance für umfassende Lernprozesse, sowie die Eingliederung von Familien von Kindern mit Beeinträchtigungen in den normalen gesellschaftlichen Lebensprozess. Wie auch die beeinträchtigten Kinder durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten der nicht-behinderten Kinder profitieren können, tun dies auch die nicht-behinderten Kinder bei auf behinderte Kinder zugeschnittenen Angeboten, wenn diese über für sie interessante und aktivierende Inhalte verfügen. Ziel der Integrationsarbeit ist es, dass alle Kinder (und auch Erwachsene) in einer Lebensgemeinschaft gemeinsam aufwachsen können und sollen. Dies bedeutet, dass beeinträchtigte und nicht-beeinträchtigte Kinder gemeinsam spielen, lernen und leben. Somit entsteht eine Veränderung der Einschätzung von Behinderung, des eigenen Selbstverständnisses und der eigenen Stärken und Schwächen von Kindern und Erwachsenen. Die Integrationsgruppe schafft einen Raum, in dem das beeinträchtigte Kind Entwicklungsschritte nach seinem eigenen Rhytmus machen und viele neue Erfahrungen sammeln kann. Durch die Arbeit in einer Integrationsgruppe wird die Aufmerksamkeit unter den Kindern aber auch Eltern füreinander geweckt, das Einfühlungsvermögen vertieft, Akzeptanz und Toleranz aufgebaut. Ein dadurch entstehendes tolerantes Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen in einer Gemeinschaft ist eine Bereicherung für alle.

 

Integration beginnt bereits bei einem Blog. Denn jeder einzelne der zahlreichen Blog von Betroffenen, so wie dieser hier, trägt dazu bei, aufzuklären, zu verstehen und akzeptieren zu können. Wir „Beeinträchtigte“ können von den Fähigkeiten und Fertigkeiten der NT’s profitieren. Das merke ich auch immer wieder bei meinem Freund. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, fühle ich mich sicher, ich bin nicht alleine – ich weiß dass er Dinge kann, die ich nicht oder noch nicht kann. Und manchmal hilft er mir, indem er mir ein winziges Türchen öffnet, welches mir ermöglicht in seinem Schutz etwas neues zu lernen oder zu erfahren. Doch genauso ist es auch anders herum. Manchmal öffne ich meinem Partner ein Türchen. Ein Türchen in meine Welt, welches ihm hilft, die Welt etwas bewusster wahrzunehmen.

Integration beginnt mit einem Blog. Integration beginnt bei einem DU und ICH. Integration beginnt bei einem WIR.