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Die Notwendigkeit der Integration

Wie bereits erwähnt, schrieb ich meine Facharbeit im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin im Bereich „Soziale Integration von Kinder mit Autismus (…). Hier möchte ich nun einen Auszug veröffentlichen, welcher meiner Meinung nach relevant für ein gesellschaftliches Miteinander und die Akzeptanz gegenüber Menschen mit Autismus aber auch anderen beeinträchtigten Menschen ist. Die Facharbeit schrieb ich bevor ich diagnostiziert wurde. Sie war eine wichtige Tür zu meiner Diagnose.

Was ist soziale Integration? – Eine Defintion und warum diese Integration notwendig ist

Unter Integration versteht man die Betreuung und Aufnahme von unterschiedlichen Kindern in die Gesellschaft, die in einer Kindertageseinrichtung (…) betreut und gefördert werden.  Der Begriff umfasst also auch die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nicht behinderter Kinder in einer sozialen Gemeinschaft. Das bedeutet, dass eine Lebenswelt geschaffen werden sollte, in der sich Kinder mit ihren Unterschieden gegenseitig achten und wertschätzen. Offenheit sowie Respekt für diese Unterschiede sollen keine Fremdworte mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Integration ist kein Zustand der erreicht werden soll, sondern ein Weg in eine wertschätzende und achtsame Gesellschaft und das Ziel für die Bereicherung des Lebens beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Kinder und Erwachsener. Es soll also erreicht werden, dass es für die Gesellschaft völlig normal ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mit altersgerecht entwickelten Menschen in einer sozialen Gruppe zusammenleben.

„Das Bild einer Gesellschaft, die menschliche Werte über Begriffe wie Intelligenz, Schönheit, Ästhetik, Schnelligkeit und öhnliches definiert, wird durch Andersartigkeit gestört, also in ihrer Entwicklung und Ungestörtheit behindert. Es müsste demnach oft heißen, ‚der Mensch ist eine Behinderung‘ (für die anderen), nicht ‚er hat eine Behinderung‘.“ >>Angelika Rothmayr, Reha-Verlag<<

In diesem Zitat macht Angelika Rothmayr deutlich, wie wichtig und notwendig die Integration beeinträchtiger Menschen ist, da die Behinderung eines Menschen in den Köpfen der Gesellschaft beginnt und ein Problem für diese darstellt, nicht aber für den betroffenen Menschen selbst. Um dieses „Fehldenken“ der Gesellschaft dauerhaft und nachhaltig umzulenken ist es notwendig, durch Integration und damit verbundene integrative Einrichtungen nicht-behinderter Menschen von Kindheit an die Möglichkeit zu geben, Offenheit und Respekt des „Anderssein’s“ gegenüber zu entwickeln. Erst dann ist gewährleistet, behinderten Menschen durch die Achtung, Wertschätzung und respektvollen Behandlung eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. (…) Die vielen verschiedenen und vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten in Kindertagesstätten, Vereinen o.Ä. ermöglichen in Hinblick auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder und Erwachsenen Erfahrungen, Kompetenzen und eine Chance für umfassende Lernprozesse, sowie die Eingliederung von Familien von Kindern mit Beeinträchtigungen in den normalen gesellschaftlichen Lebensprozess. Wie auch die beeinträchtigten Kinder durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten der nicht-behinderten Kinder profitieren können, tun dies auch die nicht-behinderten Kinder bei auf behinderte Kinder zugeschnittenen Angeboten, wenn diese über für sie interessante und aktivierende Inhalte verfügen. Ziel der Integrationsarbeit ist es, dass alle Kinder (und auch Erwachsene) in einer Lebensgemeinschaft gemeinsam aufwachsen können und sollen. Dies bedeutet, dass beeinträchtigte und nicht-beeinträchtigte Kinder gemeinsam spielen, lernen und leben. Somit entsteht eine Veränderung der Einschätzung von Behinderung, des eigenen Selbstverständnisses und der eigenen Stärken und Schwächen von Kindern und Erwachsenen. Die Integrationsgruppe schafft einen Raum, in dem das beeinträchtigte Kind Entwicklungsschritte nach seinem eigenen Rhytmus machen und viele neue Erfahrungen sammeln kann. Durch die Arbeit in einer Integrationsgruppe wird die Aufmerksamkeit unter den Kindern aber auch Eltern füreinander geweckt, das Einfühlungsvermögen vertieft, Akzeptanz und Toleranz aufgebaut. Ein dadurch entstehendes tolerantes Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen in einer Gemeinschaft ist eine Bereicherung für alle.

 

Integration beginnt bereits bei einem Blog. Denn jeder einzelne der zahlreichen Blog von Betroffenen, so wie dieser hier, trägt dazu bei, aufzuklären, zu verstehen und akzeptieren zu können. Wir „Beeinträchtigte“ können von den Fähigkeiten und Fertigkeiten der NT’s profitieren. Das merke ich auch immer wieder bei meinem Freund. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, fühle ich mich sicher, ich bin nicht alleine – ich weiß dass er Dinge kann, die ich nicht oder noch nicht kann. Und manchmal hilft er mir, indem er mir ein winziges Türchen öffnet, welches mir ermöglicht in seinem Schutz etwas neues zu lernen oder zu erfahren. Doch genauso ist es auch anders herum. Manchmal öffne ich meinem Partner ein Türchen. Ein Türchen in meine Welt, welches ihm hilft, die Welt etwas bewusster wahrzunehmen.

Integration beginnt mit einem Blog. Integration beginnt bei einem DU und ICH. Integration beginnt bei einem WIR.

 

Kommunikation – Missverständnisse

Oft schon habe ich mich gefragt, in wie weit meine Kommunikation mit meinen Mitmenschen und gerade mit meinen Arbeitskollegen „funktioniert“. Erst vor kurzem fand ein Gespräch zwischen einer Arbeitskollegin, meiner Chefin und mir statt. Themenpunkt: Meine Reaktion auf Situationen bzw. auf die Ansprache vonseiten der Kollegin sei oft wohl nicht so, wie diese es in diesem oder jenem Moment erwarten oder sich wünschen würde. Erwähnenswert ist, dass dort bisher niemand über meine Diagnose Bescheid weis.

An dieser Stelle einer der Gründe für das o.g. Gespräch: Mittagesessenszeit in unserer Einrichtung. Die Kinder sind bereits alle fertig mit der täglichen Nahrungsaufnahme. Ich gehe meiner mir selbst aufgebauten Routine nach – dem Wegstellen der Schüsseln in die Küche. Urplötzlich wird mein normaler Ablauf durch einen ohrenbetäubenden Knall gestört. Der Teller eines Kindes fiel auf den Boden und zersprang in tausend Porzelanscherben. Bis unter den Herd wurden sie geschleudert. Hübsch sah es aus. Das war mein erster Gedanke. Mein zweiter Gedanke galt dem lauten Knall oder vielmehr dem Scheppern, welches noch immer in meinen Ohren widerhallte. Grauenvoll. Am liebsten wäre ich geflüchtet. Von draußen sprach meine Kollegin sehr energisch. „Keiner bewegt sich vom Fleck. Alle gehen weg! Keiner verlässt seinen Platz.“ Mein folgender Gedanke galt diesem verwirrenden Satz: Wie konnte man sich nicht vom Fleck bewegen, gleichzeitig weg gehen und trotzdem nicht seinen Platz verlassen? In Trance und immernoch geschockt von dem Geräusch, das sich wohlbemerkt immernoch in meinen Ohren befand, verließ ich routinemäßig die Küche. Meine Kollegin kreischte:“ Keiner rührt sich vom Fleck!“ Zu diesem Zeitpunkt stand ich bereits in diesem wunderhübschen Scherbenmeer. Mich immernoch in Trance befindend antwortete ich:“ Ich hab`ja Schuhe an.“ – Das war am 20. März, 12:25 Uhr / Frühlingsanfang. Gestern war das Gespräch. Und ich hatte schon längst vergessen, was an diesem Tag, am 20. März um 12:25 Uhr, passiert war. Auf dem Weg nach Hause regte ich mich auf. 30 Minuten länger auf der Arbeit. Wegen etwas völlig sinnlosen. 30 Minuten Zeitverschiebung. Alles aus der Bahn, alles neu planen. Aber für meine Kollegin war es wohl schrecklich. Keine Ahnung warum. Aber eines weiß ich ganz genau: Das ich nicht weiß, was meine Kollegin jetzt eigentlich von mir wollte.

Das Fazit, welches ich aus diesem Gespräch für mich ziehen konnte ist, dass meine „Andersartigkeit“ im täglichen Umgang mit meinen Kollegen in der Kommunikation und im Sozialverhalten sowie der Art und Weise, wie ich Kontakt aufnehme und gestalte mehr auffällt, als ich bisher dachte. Und es daher offensichtlich zu Missverständnissen kommt. Diese Missverständnisse und Schwierigkeiten entstehen, da ich Probleme mit der sozialen Interaktion und Kommunikation im Allgemeinen habe. Erschwerend kommt hinzu, dass ich Aussagen anderer meist nicht oder anders verstehe und mich selbst – trotz meines recht hohen Sprachniveaus – oft nicht verständlich ausdrücken kann. Zudem ist meine Verarbeitungskapazität für verbale Informationen und Sätze eingeschränkt oder wird durch äußere Reize, welche gerade in einer Kindertagesstätte reichlich vorhanden sind, gestört. Dadurch ist die Verarbeitungszeit viel länger und die Reaktionen meinerseits erfolgen aus diesem Grund verzögert. Oder eben gar nicht. Auch lenken mich andere Reize sehr schnell und leicht ab, bspw. die Schönheit der Scherben – am liebsten hätte ich sie fotografiert – und vergesse darüber hinaus, was gesagt wurde und reagiere mehr aus meiner Routine heraus als aufgrund des an mich gerichteten Satzes. Dabei macht sich auch die Schwierigkeit bemerkbar, flexibel auf neue oder veränderte Situationen zu reagieren.

Gerade im oft hektischen, lauten und bisweilen chaotischen Kita-Alltag oder bei solchen „Sondersituationen“ kann ich mich nur schwer auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren und überhöre dadurch oft wichtige Hinweise und Aufforderungen, welche durch den Tonfall, die Sprachmelodie oder andere nonverbale Signale vermittelt wurden. Und so entstehen diese Missverständnisse und der Eindruck von Desinteresse oder Ablehnung der betreffenden Person.

Viele Jahre habe ich gebraucht mühsam zu erlernen, welche Gesten, Mimiken und Körperhaltungen was bedeuten und wie und wann sie am besten eingesetzt werden. Perfekt darin bin ich bis heute nicht. Viele Stunden verbringe und habe ich vor unserem Bad-Spiegel verbracht, um im Alltag wahrgenommene Mimiken nachzuahmen und mir einzuprägen, wie sich bei welcher Grimasse mein Gesicht anfühlt. Diese erlernten Gefühle und Grimassen versuche ich auf soziale Situationen zu übertragen.