Archiv der Kategorie: Asperger-Syndrom

Wenn Musik zu Gefühlen wird

Mit dem Fahrrad querfeldein, vorbei an Häusern, vorbei an Menschen. Bäume ziehen wie grüne Schleier an mir vorbei. Jeder Vogel, jeder Mensch, jeder Grashalm, welcher sich im Wind bewegt, bekommt mit jedem neuen Rhytmus der Musik in meinen Ohren ein Gefühl geschenkt. Eine Welle, die mich das Fühlen leert. Je nach Melodie ist sie traurig, euphorisch, fröhlich, glücklich, verliebt…“Adel Tawil – Ist da jemand“ dröhnt in Maximal- aber noch erträglicher -Lautstärke in meinen Ohren. Es könnte mein Gehör schädigen, sagt mir mein MP3-Player jedesmal. Mir egal, denke ich mir. Das, was ich dafür bekomme ist so viel mehr wert. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, denke an meinen Partner. Eine warme Welle rollt auf mich zu und schlägt über mir zusammen. Und in diesem Moment kann ich fühlen. Fühlen wie sehr ich ihn liebe …

Musik kann in mir Gefühle auslösen bzw. meine Standard – Wellen verstärken und intensivieren. Mein Leben ist hauptsächlich von einer kalten Gefühlslosigkeit geprägt. Dass einzige was ich „fühle“ sind unterschiedliche Wellen in unterschiedlich starken Ausprägungen. Quasi meine Erinnerungen an Gefühle. Dazwischen gibt es eine kalte Leere, welche einzig und alleine durch das Hören von Musik gefüllt werden kann. Am liebsten höre ich Musik während des Fahrrad fahrens. So laut, dass sämtliche Außengeräusche verschwinden. Zu dieser Zeit, meist um die zwei Stunden, kann ich komplett abschalten und die Welt bis auf einen einzigen Reiz (das Sehen) ausblenden. Sobald die Musik in meinen Ohren ankommt schaltet mein Gehirn um auf Automodus. Und alles in der Natur wird musikalisch untermalt und begleitet. So lässt sie mich bspw. fühlen, wie der Wind durch die Grashalme streift. Gesichtsausdrücke von Menschen die mir begegnen werden besser erfasst, ausgewertet und einem Gefühl zugeordnet. Ob das Gefühl stimmt oder nicht ist in diesem Moment völlig gleichgültig. Hauptsache Gefühl. Ein weiteres, welches als Welle für später abgespeichert werden kann.

Dieses „Abspeichern“ bringt mich ein bisschen näher an die Welt der NT’s. Denn ich kann mir etwas aufbauen, was diese schon längt besitzen. Eine intensive und ausgeprägte Gefühlswelt. Ob sie jemals so intensiv und ausegprägt sein wird wie die der NT’s weiß ich nicht. Aber wenigstens komme ich ihr damit ein Stückchen näher.

Klar ist, dass dieses Phänomen nicht alleine den (Asperger-) Autisten zuteil wird. Auch die gängigen NT – Modelle lassen sich durch Musik emotional anstecken. Wenn sie beispielsweise eine fröhliche Melodie hören, beginnen sie zu lächeln. Oft bleibt dies jedoch unbemerkt. Doch auch ganz bewusst können diese Gefühle herbeigeführt werden, indem sie ganz bewusst jene Musik hören, welche sie an ein ganz bestimmtes Ereigniss erinnert, um die Emotionen, die mit diesem Ereignis verbunden sind, zu erleben. Der entscheidende Unterschied zwischen NT’s und mir ist jedoch, dass NT’s in der Regel auch ohne Musik über eine breite Gefühlspalette verfügen. Und diese durchaus auch ohne Musik zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufen können. Ich kann mit solch einer Gefühlspalette leider nicht dienen und bin angewiesen auf das, was Musik in mir auslöst um die Gefühle für später speichern zu können.

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Wahrnehmung

Oft werden in Verbindung mit Autismus gewisse Besonderheiten hinsichtlich der sinnlichen Wahrnehmung genannt. Insbesondere fallen hier wohl die – manchmal als sonderbar erscheinenden – Reaktionen auf sensorische Reize durch ihre extreme Über- oder eine ausgeprägte Unterempfindlichkeit auf. So reagiert der eine auf bestimmte Geräusche mehr und dafür auf Schmerz eher weniger, und umgekehrt. Auch können sich diese Empfindlichkeiten im Laufe des Lebens und der Entwicklung verändern, verschlechtern oder geringer werden. Zu betonen ist jedoch, dass diese Besonderheiten der Wahrnehmung bei Autismus zwar häufig sind, aber nicht nur auf Menschen mit Autimus zutreffen und von keinem Autisten in derselben Weise erfahren werden. Alles hier aufgeführte gehört zu meiner individuellen Wahrnehmung.

Bevor ich die Diagnose erhielt, lief ich lange Zeit mit dem Gedanken durch den Kopf, all die Menschen die mir begegnen, würden über die selbe intensive Wahrnehmung verfügen wie ich. Doch schon recht bald und gerade nach der Diagnose begriff ich, dass viele Dinge, die ich eben wahrnehme wie ich sie wahrnehme viel intensiver, ausgeprägter und anstrengender sind als die Wahrnehmung der NT`s. So können diese – anders als ich – bspw. bei Gesprächen „abschalten“ und Alltagsgeräusche überhören.

Hören: Die Überempfindlichkeit meines Gehörs ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes unüberhörbar. Viele Geräusche, Töne oder gesprochene Worte in einer bestimmten Stimmlage empfinde ich als schrecklich unangenehm und bisweilen sogar schmerzhaft. Erst am schon länger vergangenen alljährlichen Osterkaffee bei meiner Oma wurde ich mal wieder solch einer, wie ich sie nenne, „Megageräuschkulisse“ ausgesetzt. Sechs Personen saßen an einem runden Tisch. Hier unterhielten sich zwei und dort zwei quer über den Tisch miteinander. Da wurde gekaut, mit der Gabel gekratzt oder mit dem Geschirr geklappert. Je mehr Menschen sich unterhielten, desto unerträglicher wurde es. Fazit: Ohren zuhalten. Auch meinem Opa erging es nicht besser. Ob das nun an seinem Alter oder dem vermuteten Autismus lag – keine Ahnung. Nach ca. 45 Minuten Dauerbeschallung und daraus folgender Überreizung antwortete mein Körper mit einer typischen Reaktion: Gähnen (um möglichst schnell der Situation entrinnen zu können) und einem stetig anhaltenden Kopfschmerz. Grund für diese enorme Überreizung ist, dass ich außer den zahlreichen Gesprächen auch sämtliche andere Geräusche gut hörbar wahrnehme. Auch solche, die für andere nicht mehr wahrnehmbar sind. Dadurch bin ich stets einer großen Fülle an akustischen Reizen ausgesetzt. Reaktion auf dieses Zu-viel an Reizen ist das Abschalten meiner akustischen Wahrnehmung. Zudem habe ich echte  Schwierigkeit aus der Menge an Geräuschen und anderen Reizen das Wichtigste herauszufiltern. Zum Beispiel kann ich dann einem Gespräch nicht folgen, weil die Nebengeräusche die Worte meines Gegenübers übertönen. Wie bereits in Kommunikation – Missverständnisse erwähnt, wird gerade in Bezug auf die akustischen Reize – Geräusche und Sprache – eine längere Verarbeitungszeit benötigt und daher entsteht das Problem, die Bedeutung des Gehörten zu erfassen.

Sehen: Auch die Faszination von visuellen Reizen gehört zu eine meiner Besonderheiten in meiner Wahrnehmung. So nehme ich die Welt nicht als Ganzes wahr, sondern bemerke die vielen Einzelheiten drumherum. Der Blick für das große Ganze geht so häufig verloren. Viel lieber konzentriere ich mich auf die Kleinigkeiten in meiner Umgebung, welche von vielen NT’s meist übersehen werden. Ebenfalls auffällig ist meine Überempfindlichkeit gegenüber hellem Licht und grellen Farben. Das lässt gerade das Autofahren für mich sehr kompliziert werde, da hier häufiger grelle Farben auftreten. Bspw. bei Regenfällen, etc.  Auch das Vermeiden bestimmter Reize zählt zu diesem Sinnesbereich dazu. Ganz konkret meine ich damit den Blickkontakt. Wenn ich mit Menschen spreche, dann schaue ich ihnen auf den Mund oder, je nach Tagesform, auch im Raum umher.

Schmecken, Tasten und Riechen: Am liebsten bevorzuge ich die sogenannten „Nahsinne“, was im Allgemeinen bedeutet, dass ich ein starkes Interesse daran habe, bekannte, aber vor allem auch mir unbekannte Gegenstände zu betasten oder an ihnen zu riechen um sie so quasi mit allen Sinnen zu erleben. Im Bereich des Schmeckens habe ich eine  bregrenzte Auswahl an Speisen die ich bevorzuge. Diese begrenzte Auswahl ist auf die Abneigung gegenüber bestimmter Gerüche und / oder Geschmäcker der Lebensmittel zurückzuführen. So esse ich bspw. Spargel nicht gerne, weil sie mir einfach nicht schmecken, sondern weil die Konsistenz der gekochten Spargeln bei mir einen Würgereiz auslösen. Bei Overloads oder Meltdown kommt es mitunter häufig vor, dass ich als „Gegenreiz“  manchmal extreme Sinnesreize suche. Das heißt, dass ich mich bspw. selbst schlage um dem Gefühl des Meltdowns zu entkommen. Je nach Tagesform variiert auch die Wahrnehmung von Berührungen. So empfinde ich an manchen Tagen leichte Berührungen als unangenehm, stärkere Reize (feste Umarmungen) aber durchaus als angenehm. Und umgekehrt. Auch Wahrnehmung von Temperatur und Schmerz empfinde ich als gedämpft. So kann mein Partner bspw. nicht nachvollziehen wie ich mich zunächst „kochend heiß“ (um die 43°C) und anschließend eiskalt abduschen kann.

Die Notwendigkeit der Integration

Wie bereits erwähnt, schrieb ich meine Facharbeit im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin im Bereich „Soziale Integration von Kinder mit Autismus (…). Hier möchte ich nun einen Auszug veröffentlichen, welcher meiner Meinung nach relevant für ein gesellschaftliches Miteinander und die Akzeptanz gegenüber Menschen mit Autismus aber auch anderen beeinträchtigten Menschen ist. Die Facharbeit schrieb ich bevor ich diagnostiziert wurde. Sie war eine wichtige Tür zu meiner Diagnose.

Was ist soziale Integration? – Eine Defintion und warum diese Integration notwendig ist

Unter Integration versteht man die Betreuung und Aufnahme von unterschiedlichen Kindern in die Gesellschaft, die in einer Kindertageseinrichtung (…) betreut und gefördert werden.  Der Begriff umfasst also auch die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nicht behinderter Kinder in einer sozialen Gemeinschaft. Das bedeutet, dass eine Lebenswelt geschaffen werden sollte, in der sich Kinder mit ihren Unterschieden gegenseitig achten und wertschätzen. Offenheit sowie Respekt für diese Unterschiede sollen keine Fremdworte mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Integration ist kein Zustand der erreicht werden soll, sondern ein Weg in eine wertschätzende und achtsame Gesellschaft und das Ziel für die Bereicherung des Lebens beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Kinder und Erwachsener. Es soll also erreicht werden, dass es für die Gesellschaft völlig normal ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mit altersgerecht entwickelten Menschen in einer sozialen Gruppe zusammenleben.

„Das Bild einer Gesellschaft, die menschliche Werte über Begriffe wie Intelligenz, Schönheit, Ästhetik, Schnelligkeit und öhnliches definiert, wird durch Andersartigkeit gestört, also in ihrer Entwicklung und Ungestörtheit behindert. Es müsste demnach oft heißen, ‚der Mensch ist eine Behinderung‘ (für die anderen), nicht ‚er hat eine Behinderung‘.“ >>Angelika Rothmayr, Reha-Verlag<<

In diesem Zitat macht Angelika Rothmayr deutlich, wie wichtig und notwendig die Integration beeinträchtiger Menschen ist, da die Behinderung eines Menschen in den Köpfen der Gesellschaft beginnt und ein Problem für diese darstellt, nicht aber für den betroffenen Menschen selbst. Um dieses „Fehldenken“ der Gesellschaft dauerhaft und nachhaltig umzulenken ist es notwendig, durch Integration und damit verbundene integrative Einrichtungen nicht-behinderter Menschen von Kindheit an die Möglichkeit zu geben, Offenheit und Respekt des „Anderssein’s“ gegenüber zu entwickeln. Erst dann ist gewährleistet, behinderten Menschen durch die Achtung, Wertschätzung und respektvollen Behandlung eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. (…) Die vielen verschiedenen und vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten in Kindertagesstätten, Vereinen o.Ä. ermöglichen in Hinblick auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder und Erwachsenen Erfahrungen, Kompetenzen und eine Chance für umfassende Lernprozesse, sowie die Eingliederung von Familien von Kindern mit Beeinträchtigungen in den normalen gesellschaftlichen Lebensprozess. Wie auch die beeinträchtigten Kinder durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten der nicht-behinderten Kinder profitieren können, tun dies auch die nicht-behinderten Kinder bei auf behinderte Kinder zugeschnittenen Angeboten, wenn diese über für sie interessante und aktivierende Inhalte verfügen. Ziel der Integrationsarbeit ist es, dass alle Kinder (und auch Erwachsene) in einer Lebensgemeinschaft gemeinsam aufwachsen können und sollen. Dies bedeutet, dass beeinträchtigte und nicht-beeinträchtigte Kinder gemeinsam spielen, lernen und leben. Somit entsteht eine Veränderung der Einschätzung von Behinderung, des eigenen Selbstverständnisses und der eigenen Stärken und Schwächen von Kindern und Erwachsenen. Die Integrationsgruppe schafft einen Raum, in dem das beeinträchtigte Kind Entwicklungsschritte nach seinem eigenen Rhytmus machen und viele neue Erfahrungen sammeln kann. Durch die Arbeit in einer Integrationsgruppe wird die Aufmerksamkeit unter den Kindern aber auch Eltern füreinander geweckt, das Einfühlungsvermögen vertieft, Akzeptanz und Toleranz aufgebaut. Ein dadurch entstehendes tolerantes Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen in einer Gemeinschaft ist eine Bereicherung für alle.

 

Integration beginnt bereits bei einem Blog. Denn jeder einzelne der zahlreichen Blog von Betroffenen, so wie dieser hier, trägt dazu bei, aufzuklären, zu verstehen und akzeptieren zu können. Wir „Beeinträchtigte“ können von den Fähigkeiten und Fertigkeiten der NT’s profitieren. Das merke ich auch immer wieder bei meinem Freund. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, fühle ich mich sicher, ich bin nicht alleine – ich weiß dass er Dinge kann, die ich nicht oder noch nicht kann. Und manchmal hilft er mir, indem er mir ein winziges Türchen öffnet, welches mir ermöglicht in seinem Schutz etwas neues zu lernen oder zu erfahren. Doch genauso ist es auch anders herum. Manchmal öffne ich meinem Partner ein Türchen. Ein Türchen in meine Welt, welches ihm hilft, die Welt etwas bewusster wahrzunehmen.

Integration beginnt mit einem Blog. Integration beginnt bei einem DU und ICH. Integration beginnt bei einem WIR.

 

Diagnose – Ja oder Nein?

„Ist das alles nur Einbildung?“, „Manchmal fühle ich mich so normal!“, „Es fällt ja keinem auf.“, „Mir geht es oft genau so!“, „Stell` dich nicht so an.“

Mit diesen und ähnlichen Fragen, Aussagen und Sätzen habe ich mich selbst und wurde ich vor, während und auch noch jetzt – nach meiner Diagnose – gequält. Schnell stellt man sich an dieser Stelle eine elementar wichtige Frage: „Warum dann den Weg der Diagnose anstreben?“ Wo er doch gerade für uns Frauen so schwierig ist, da wir durch viele Diagnoseraster fallen. Weil wir so gut kompensieren können. Weil wir uns so gut anpassen können. Weil wir gelernt haben, uns soziale Regeln abzuschauen und auch zu benutzen. Dass das schwierig ist, wir dabei an unsere Grenzen kommen, dass sieht natürlich niemand. Das weiß niemand. Weil wir es mit einer Selbstdiagnose selten kommunizieren. Weil wir denken uns glaubt niemand, denn viel zu oft haben wir schon erfahren und hören müssen, dass es NT`s angeblich und scheinbar genauso geht. Denn viel zu oft sagen sie: „Mir geht es ja genauso.“ oder „Das kenne ich auch.“ Dass wir es dann Leid werden, unsere Probleme zu äußern – verständlich – denn offensichtlich geht es ja allen Menschen auf dieser Welt gleich. Unsere Probleme sind kein Einzelfall, nichts besonderes und schon gar nicht erwähnens- oder beachtenswert.

Aber stimmt das überhaupt? Warum behaupten NT`s ihnen ginge es genauso? Woher wissen sie, wie es uns wirklich geht? UND: Geht es ihnen wirklich so – so wie uns – oder verwechseln sie ihre Unlust zu Arbeiten und ihr Leben zu ertragen mit den Problemen von Autisten? Manchmal scheint es mir, als wären unsere Probleme und Sonderbarkeiten eine gefundene Ausrede für NT`s. Bei allem zu dem ich keine Lust habe, werde ich Autist – oder so? Oder wie? Eine wahrlich interessante Fragestellung, zu welcher man sich an dieser Stelle seine eigenen Gedanken machen kann. Doch nun zurück zum eigentlich Thema: Die Diagnose – meine Diagnose – wie es dazu kam und wie der Weg dorthin war.

Schon in der Realschulzeit merkte ich, dass ich einfach „anders“ war als meine Klassenkameraden. Schminken, Mode, Jungs – alles relevante Themen für vorpubertäre oder bereits pubertierende 12 – jährige Mädchen. Nur nicht für mich. Schminken probierte ich aus – und fand die ganze Sache an sich und das Endergebnis einfach nur grauenvoll. Ich wollte so bleiben wie ich war und mir nicht noch klebrige Farbe ins Gesicht schmieren, welche mich aussehen ließ wie ein Zombie. Mit Kleidungsstücken verhielt und verhält es sich bis heute ähnlich. Noch nie habe ich viel Wert auf „Modetrends“ gelegt. Für mich ist es am Wichtigsten , dass es passt und vor allem beim Tragen nirgendwo zwickt. Ergo laufe ich seit ich denken kann eher burschikos als damenhaft durch die Gegend. Auch diese Tatsache wurde ab der Realschulzeit als sonderbar angesehen. Ausgeschlossen aus sämtlichen Cliquen und Grüppchen verbrachte ich meine Schulzeit eher als Außenseiterin und relativ alleine – aber damit war ich zufrieden. Doch nicht erst in der Realschule fiel auf, dass ich anders war. Bereits in der Grundschule äußerte meine Lehrerin den Verdacht ich könne ADHS haben. Aufgrund fehlender oder nicht passender Symptome wurde dieser Verdacht jedoch sehr schnell verworfen. Bis zu meiner Ausbildungszeit blieb das „warum“ zu meinem Verhalten unbeantwortet und so arrangierte ich mich über die Jahre hinweg mit mir selbst. Ich kannte mich nicht anders. Doch dann begann meine Ausbildungszeit und auch hier war ich vorrangig die Streberin und weniger die „gute Freundin“. Als sich auch diese Zeit langsam dem Ende zuneigte, stand das Schreiben einer Facharbeit an. Meinen Titel fand ich schnell: „Soziale Integration von Kindern mit Autismus in einen Kindergarten mit Hilfe von Alltagsmaterialien.“ Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, las Wörter wie „Kanner-Syndrom“, „Asperger-Syndrom“ und „atypischer Autismus“. Je tiefer ich in das Thema eintauchte, je mehr ich darüber las und erfuhr, desto mehr fand ich mich darin wieder. Meine Probleme, Sonderbarkeiten und meine Andersartigkeit schienen endlich einen Namen zu erhalten. Als ich meinen Verdacht gegenüber meiner Mutter äußerte, fingen sie an die Fragen und Aussagen. Bis heute höre ich Sätze wie: „(…)mir geht es doch ähnlich, (…). Ich habe auch keine Lust darauf und bin deshalb motzig.“ Viel zu schnell musste ich erfahren, dass ich von dieser Seite nicht die nötige Hilfe zu erwarten hatte. Nachdem ich zahlreiche Online-Selbsttests durchgeführt und zusätzlich noch eine Weile einer Facebookgruppe beigewohnt hatte, in welcher unentwegt gleiche und ähnliche Probleme gepostet wurden und meinen eigenen Verdacht noch untermauerten, beschloss ich meinen Verdacht an eine der diagnostizierenden Kliniken zu richten. Alsbald, das war 2014, erhielt ich von der Uniklinik Köln einen Fragebogen, welchen ich ausgefüllt zurücksendete.

Panik erfüllte mich während der Zeit des Wartens auf eine Antwort. Was, wenn es alles bloß Einbildung ist? Was, wenn ich mich durch meine Facharbeit bloß damit identifiziere, es aber nicht wirklich habe? Was wäre wenn? Dann kam die lang ersehnte Antwort. Sie möchten mich einladen zu einem ersten diagnostischen Gespräch. Doch das ließ 2 1/2 Jahre auf sich warten. 2 1/2 Jahre, in welchen ich selbst immer wieder zweifelte. 2 1/2 Jahre, in welchen ich immer wieder gefragt wurde, wofür ich diese Diagnose bräuchte – ich wüsste es ja auch so. 2 1/2 Jahre, in denen ich immer wieder meinen Verdacht in Frage stellte, weil ich manchmal ja gar so gut klarkam.

Ende 2016 war dann schließlich mein Partner der ausschlaggebende Punkt, meine Diagnose zu vollenden. Mehrere Terminvorschläge musste ich ablehnen und um neue bitten – eine Tatsache, an welcher allein ich schon gescheitert wäre, wenn er nicht gewesen wäre. Aber er war da, unterstützte mich, versuchte mich „auf dem Boden der Tatsachen zu halten, mich zu beruhigen wenn ich mal wieder auf 160 war und fuhr mit mir zu beiden Terminen nach Köln. Zwei Termine, die mir unheimlich viel Kraft raubten. Doch ohne diese wäre es nie zu einer Diagnosestellung gekommen.

Aber wofür brauche ich sie nun? Was nützt sie mir?

Bisher habe ich noch nicht wirklich das Gefühl, dass sie mir und der Aufwand für sie so viel genutzt hat. Gerade was Therapiemaßnahmen betrifft, geht es eher langsam voran, doch ich habe die Hoffnung, dass sich das im Laufe der Zeit noch ändert. Sie öffnet mir Wege und Möglichkeiten in eine andere und besser erträgliche Welt. Hinsichtlich des seelischen Aspektes muss ich sagen: Es ist einfach kein Verdacht mehr. Keine Selbstdiagnose, keine Ahnung, keine Vermutung mehr. Es ist aus diesen Dingen eine Tatsache geworden, die es mir ermöglicht, mein Leben neu zu ordnen und meine Welt neu gestalten zu können. Ich brauche mich nicht zu verstecken, denn ich weiß, dass ich die Diagnose „Asperger-Syndrom“ nicht als Ausrede für Dinge verwende die ich nicht mag. Viele Dinge mag ich vielleicht – aber ich KANN sie einfach nicht. Und das ist ein großer Unterschied. Auch ist es mit solch einer Diagnose einfacher an die Öffentlichkeit zu gehen. Natürlich geht dies auch mit einer Selbstdiagnose, doch wenn diese sich letztendlich nicht Bewahrheiten sollte, so hat man eventuell ein Problem.

Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein. Denn nun habe ich es schwarz auf weiß – und kann mein Leben ein bisschen besser werden lassen.

Kognitiv besonders

Bisher ist nicht wirklich bekannt, was genau Autismus verursacht oder woher es kommt. Vermutlich spielen eine ganze Reihe von vielen verschiedenen Faktoren eine wichtige Rolle. Auch Beeinträchtigung der Entwicklung des zentralen Nervensystems vor oder nach der Geburt sind möglich. Da in über 90% der Fälle der Autismus eine genetische Grundlage hat, ist es wohl wenig verwunderlich, dass ich in meiner Familie nicht die einzige bin, die „anders und besonders“ ist.

Eine der vielen verschiedenen Besonderheiten und Facetten die mit der Autismus – Spektrums – Störung verbunden sind, ist die Besonderheit in der Sammlung, Verarbeitung und Verwendung von Informationen – also die kognitiven Leistungen der Person. Der normale Prozess der Informationsverarbeitung ist äußerst kompliziert. Ankommende Informationen werden im Gehirn auf verschiedenen Ebenen analysiert und miteinander verbunden. Dabei werden passende Handlungsstrategien mit der Situation verglichen, um dann ausgewählt zu werden oder eine völlig neue zu entwickeln.

In meiner Grundschulzeit vermutete meine damalige Lehrerin, dass ich ADHS haben könnte. Grund dieser Annahme war die Tatsache, dass ich mich am Unterricht nur gelegentlich beteiligte, mich sehr schnell ablenken ließ und nicht über einen längeren Zeitraum konzentriert bei der Sache bleiben konnte – also eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne besaß. Doch so ganz belegen konnte sie ihren Verdacht nie, denn ich war durchaus in der Lage, meine Aufmerksamkeit lange und ausdauernd auf etwas zu richten oder mich mit einer Tätigkeit zu beschäftigen – sofern diese mich interessierte. Die Aufmerksamkeitsspanne hing und hängt heute noch also sehr von der Motivation und meinem Interesse gegenüber der gestellten Aufgabe ab. Und dies passte für meine Lehrerin damals nicht in eine klassische ADHS. Sie sagte einmal zu meiner Mutter: „Irgendwas ist es. Aber ich weiß nicht genau was, denn für ADHS fehlen zu viele Faktoren und Symptome.“ Manche Reize aus meiner Umwelt nehme ich viele intensiver wahr und reagiere sehr extrem darauf (z.B. Geräusche), andere widerrum beachte ich nur kurz oder gar nicht. Eine mögliche Ursache für diese zu starke oder zu schwache Reaktion könnte darin liegen, dass ich diese Reize anders in deren Wichtig- und Unwichtigkeit einstufe. Oft achte ich auch auf ungewöhnliche Reize d.h. auf solche, die von anderen oft nicht als relevant und / oder  bedeutungsvoll angesehen werden. Bspw. visuelle Reize: Sonnenuntergänge, Wolkenstellungen, Waffeln als „Hütchen“ auf einer Kugel Eis in einer Waffeltüte, Wassertropfen, etc.)  Meine volle Aufmerksamkeit ist dann auf Details gerichtet und ich vernachlässige mir unwichtig Erscheinendes. (Ich war so fasziniert von den umgedrehten Eiskugeln die auf Waffeln gestellt wurden, dass ich darüber hinaus vergaß, den Kindern ihr Eis zu bringen.)

Häufig werden bei Menschen mit einer ASS auch besondere Fähigkeiten beobachtet welche als ungewöhnliche Gedächtnisleistung angesehen werden. So haben manche Autisten ein sehr musikalisches Gedächtnis, können gut und detailgetreu zeichnen oder besitzen eine mechanische Lesefähigkeit, können sich gehörte Texte gut merken und oftmals wortgetreu wiedergeben. Ich für meinen Teil hatte schon immer eine besondere Verbindung zur Linguistik und verfügte bereits im Grundschulalter über ein „gutes Gedächtnis im sprachlichen Bereich“, einen „umfangreichen, differenzierten Wortschatz“ und ich konnte „ausdrucksstarke und fanatsieviolle Geschichten“ schreiben. Doch wenn es „besonders gute“ Besonderheiten gibt, dann gibt es meist auch „Stolpersteine“. So bleiben Handlungen oder Ereignisse, an welchen ich aktiv teilnehme, weniger gut in meiner Erinnerung als jene, an welchen ich nur passiv mitgewirkt und andere bei ihrer Tätigkeit beobachtet habe. Streits, Gespräche und sonstige Situationen an welchen ich aktiv beteiligt war, vergesse ich bereits nach wenigen Minuten wieder und verstehe nicht, warum mein Gegenüber das nicht auch kann. An besonders relevante oder mir wichtige Ereignisse kann ich mich dennoch erinnern – dies dann meist sehr differenziert und detailliert.

Im täglichen Leben und im Zusammenleben mit meinen Arbeitskollegen ist mir schon sehr oft aufgefallen, das deren Aufgaben und Ereignisse für mich den Eindruck erwecken, planvoll und zielgerichtet zu sein. Sie verwenden angemessene Strategien um möglichst schnell ein in der Zukunft liegendes Ziel erreichen zu können. Die Aufgaben wirken geplant, sowohl zeitlich als auch die einzelnen Handlungsschritte betreffend. Ich habe auch meine Pläne im Kopf, halte mich an feste Strukturen und bin der Meinung, dass meine Tage und Wochen voll durchgeplant sind. Das sind sie auch, nur eben nicht so, wie bei NT`s. Anders als sie kann ich – wenn ich bspw. beim Rad fahren einen Schmetterling sehe und diesen unbedingt fotografieren möchte – nicht meine inneren Impulse kontrollieren oder gar abstellen, sondern lasse mich dazu hinreißen, unmittelbar auf diese Reizgegebenheit (den Schmetterling) zu reagieren. D.h. ich halte an, steige ab und fotografiere diesen Schmetterling. Im Alltag kann ich mich dadurch nur sehr schwer auf veränderte Situationen einstellen und halte in der Regel und so gut es eben geht an meinen Routinen fest. Für andere mag das kognitiv gesehen sehr starr und unflexibel wirken. Für mich jedoch bedeutet es das pure kognitive Gleichgewicht, wenn alles „glatt läuft“ und ich nicht darüber nachdenken muss wann ich was plane.

Und wenn ich für ein Problem einmal einen Lösungsweg gefunden habe, so beharre ich sehr vehement auf diesen.

Kommunikation – Missverständnisse

Oft schon habe ich mich gefragt, in wie weit meine Kommunikation mit meinen Mitmenschen und gerade mit meinen Arbeitskollegen „funktioniert“. Erst vor kurzem fand ein Gespräch zwischen einer Arbeitskollegin, meiner Chefin und mir statt. Themenpunkt: Meine Reaktion auf Situationen bzw. auf die Ansprache vonseiten der Kollegin sei oft wohl nicht so, wie diese es in diesem oder jenem Moment erwarten oder sich wünschen würde. Erwähnenswert ist, dass dort bisher niemand über meine Diagnose Bescheid weis.

An dieser Stelle einer der Gründe für das o.g. Gespräch: Mittagesessenszeit in unserer Einrichtung. Die Kinder sind bereits alle fertig mit der täglichen Nahrungsaufnahme. Ich gehe meiner mir selbst aufgebauten Routine nach – dem Wegstellen der Schüsseln in die Küche. Urplötzlich wird mein normaler Ablauf durch einen ohrenbetäubenden Knall gestört. Der Teller eines Kindes fiel auf den Boden und zersprang in tausend Porzelanscherben. Bis unter den Herd wurden sie geschleudert. Hübsch sah es aus. Das war mein erster Gedanke. Mein zweiter Gedanke galt dem lauten Knall oder vielmehr dem Scheppern, welches noch immer in meinen Ohren widerhallte. Grauenvoll. Am liebsten wäre ich geflüchtet. Von draußen sprach meine Kollegin sehr energisch. „Keiner bewegt sich vom Fleck. Alle gehen weg! Keiner verlässt seinen Platz.“ Mein folgender Gedanke galt diesem verwirrenden Satz: Wie konnte man sich nicht vom Fleck bewegen, gleichzeitig weg gehen und trotzdem nicht seinen Platz verlassen? In Trance und immernoch geschockt von dem Geräusch, das sich wohlbemerkt immernoch in meinen Ohren befand, verließ ich routinemäßig die Küche. Meine Kollegin kreischte:“ Keiner rührt sich vom Fleck!“ Zu diesem Zeitpunkt stand ich bereits in diesem wunderhübschen Scherbenmeer. Mich immernoch in Trance befindend antwortete ich:“ Ich hab`ja Schuhe an.“ – Das war am 20. März, 12:25 Uhr / Frühlingsanfang. Gestern war das Gespräch. Und ich hatte schon längst vergessen, was an diesem Tag, am 20. März um 12:25 Uhr, passiert war. Auf dem Weg nach Hause regte ich mich auf. 30 Minuten länger auf der Arbeit. Wegen etwas völlig sinnlosen. 30 Minuten Zeitverschiebung. Alles aus der Bahn, alles neu planen. Aber für meine Kollegin war es wohl schrecklich. Keine Ahnung warum. Aber eines weiß ich ganz genau: Das ich nicht weiß, was meine Kollegin jetzt eigentlich von mir wollte.

Das Fazit, welches ich aus diesem Gespräch für mich ziehen konnte ist, dass meine „Andersartigkeit“ im täglichen Umgang mit meinen Kollegen in der Kommunikation und im Sozialverhalten sowie der Art und Weise, wie ich Kontakt aufnehme und gestalte mehr auffällt, als ich bisher dachte. Und es daher offensichtlich zu Missverständnissen kommt. Diese Missverständnisse und Schwierigkeiten entstehen, da ich Probleme mit der sozialen Interaktion und Kommunikation im Allgemeinen habe. Erschwerend kommt hinzu, dass ich Aussagen anderer meist nicht oder anders verstehe und mich selbst – trotz meines recht hohen Sprachniveaus – oft nicht verständlich ausdrücken kann. Zudem ist meine Verarbeitungskapazität für verbale Informationen und Sätze eingeschränkt oder wird durch äußere Reize, welche gerade in einer Kindertagesstätte reichlich vorhanden sind, gestört. Dadurch ist die Verarbeitungszeit viel länger und die Reaktionen meinerseits erfolgen aus diesem Grund verzögert. Oder eben gar nicht. Auch lenken mich andere Reize sehr schnell und leicht ab, bspw. die Schönheit der Scherben – am liebsten hätte ich sie fotografiert – und vergesse darüber hinaus, was gesagt wurde und reagiere mehr aus meiner Routine heraus als aufgrund des an mich gerichteten Satzes. Dabei macht sich auch die Schwierigkeit bemerkbar, flexibel auf neue oder veränderte Situationen zu reagieren.

Gerade im oft hektischen, lauten und bisweilen chaotischen Kita-Alltag oder bei solchen „Sondersituationen“ kann ich mich nur schwer auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren und überhöre dadurch oft wichtige Hinweise und Aufforderungen, welche durch den Tonfall, die Sprachmelodie oder andere nonverbale Signale vermittelt wurden. Und so entstehen diese Missverständnisse und der Eindruck von Desinteresse oder Ablehnung der betreffenden Person.

Viele Jahre habe ich gebraucht mühsam zu erlernen, welche Gesten, Mimiken und Körperhaltungen was bedeuten und wie und wann sie am besten eingesetzt werden. Perfekt darin bin ich bis heute nicht. Viele Stunden verbringe und habe ich vor unserem Bad-Spiegel verbracht, um im Alltag wahrgenommene Mimiken nachzuahmen und mir einzuprägen, wie sich bei welcher Grimasse mein Gesicht anfühlt. Diese erlernten Gefühle und Grimassen versuche ich auf soziale Situationen zu übertragen.

 

 

Dramen im Keller

Ja, wenn ich Dramen schreibe, dann meine ich es auch so. Ich meine immer alles so wie ich es sage oder schreibe, aber das ist ein anderes Thema. Doch was für NT’s „nur“ sehr ärgerlich ist, treibt mich in schiere Verzweiflung, Panik und Overloads.

Die Wichtigkeit meines Mountainbikes brachte ich bereits im Beitrag „Routine „Sport““ vom 21.03.2017 zum Ausdruck. Und genau aus diesem Grund ist es äußerst dramatisch für mich, wenn mit ihm irgendetwas nicht stimmt oder an ihm irgendetwas kaputt ist. Vor einiger Zeit brachte ich es zur Reparatur des Hinterreifens – welcher nach 1 1/2 jähriger Nutzung plötzlich einen Platten aufwies – in eine neue Werkstatt, da die Werkstatt meines Vertrauens einfach so schloß. Nur sehr ungern ließ ich es dort, weil ich genau wusste, dass ich nicht wusste, wann ich es wiedersehen würde. Hektisch vereinbarte ich mit meinem Partner bereits bevor ich mein Rad dorthin brachte das ich seines ausleihen möchte. Das war keine Frage. Das war eine Aussage. Nun denn, es ist zwar nicht MEIN, aber immerhin EIN Fahrrad, mit welchem man mit Sicherheit einigermaßen passabel fahren kann. Zwei Tage später war dann endlich wieder mein Fahrrad da und ich konnte meine Touren wieder genießen. Doch dann der Schock! Ich hatte fast eine 30km- Tour beendet, als es auf eimal knallte und dann zu zischen begann. „Scheiße.“ brüllte ich und schon mein Fahrrad mitsamt des platten Hinterreifens die restlichen 300m nach Hause. 27,87 km zeigte meine Uhr. Verdammt. Wieder stattete ich der Werkstatt einen Besuch ab. Der Handwerker grinste, warum auch immer. Witzig fand ich das mit Sicherheit nicht! Im Gegenteil! Zum Glück konnten sie es gleich reparieren und ich ließ mir zudem direkt Reifen einbauen, die den Namen „unplattbar“ trugen. Eine Woche nach Einbau der sogenannten „unplattbar“- Reifen zischte es wieder – diesmal im Keller. es hatte sich bei der vorherigen Tour direkt neben der „unplattbar“-Beschichtung ein Dorn in den Reifen gebohrt. Das war zu viel des Schlechten. Verzweifelt und wild auf den Reifen einhämmernd fing ich an zu heulen. Ein grauenvolle Welle der Machtlosigkeit schoss, wie bei einem Tsunami, in meinen Körper und ließ mich förmlich zusammenbrechen. Nicht physisch, aber psychisch. Und das heftig. Aufgelöst rief ich meinen Partner an. Ich wollte doch morgen Fahrrad fahren. Nein. Ich MUSSTE doch. Aber der unplattbare Reifen war platt. So orderte ich erneut dessen Fahrrad, welches er dann auch am selben Abend noch lieferte. Zum Glück für mich. Denn er milderte dadurch meinen beginnenden Overload ab. Am Abend plagten mich „nur“ total Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Kopfweh. 

Nun ist mein Fahrrad ein drittes Mal von einem platten Reifen befreit worden. Diesmal freundlicherweise sogar kostenlos. 

Doch da mich solche Situationen trotz schneller Behebung und Fahrradverleih sehr aus der Bahn werfen und ich nicht weis wie ich damit umgehen soll, mich dabei ein sehr starkes Gefühl der Machtlosigkeit und Verzweiflung begleitet und ich dann „einfach nicht mehr kann“, bzw. mich kurz vor einem Overload oder Wutausbruch befinde, habe ich mich dazu entschlossen, mir ein Zweitrad anzuschaffen. Das minimiert den Stressfaktor immerhin um 50%.